Aus: Ausgabe vom 09.10.2017, Seite 10 / Feuilleton

Klicker statt Klicks

Ralph Schock beschreibt eine Jugend im Saarland der 50er

Von Martin Willems
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Erinnerungsbruckstücke rollen durch den Debütroman von Ralph Schock

Bücher, die vom das Aufwachsen eines Schriftstellers handeln, rufen im Literaturbetrieb stark unterschiedliche Reaktionen hervor. Sie reichen von vehementer Ablehnung (»Fuck Kindheitserinnerungen!«) bis zur Freude über das Selbstverständliche (»Wo sollen Bücher herkommen, wenn nicht aus der Kindheit?«). Egal, wie man dazu auch steht, es dürfte Einigkeit darüber herrschen, dass Gerhard Henschels »Kindheitsroman« (2004), der Auftaktband der Martin-Schlosser-Reihe, hioerzulande die Spitzenposition in diesem Subgenre innehat.

Während Henschel auf die Schilderung von zwölf Lebensjahren fast 500 Seiten verwendet, reicht Ralph Schock, umtriebiger Herausgeber und bis vor kurzem leitender Redakteur im Saarländischen Rundfunk, ein Viertel dieses Umfangs. »Kaffeeschmuggler und Steckdosenmäuse« ist sein literarisches Debüt und versammelt insgesamt 122 bemerkenswert komponierte »Erinnerungsbruchstücke« aus einer Zeit, in der Klicker (Murmeln) und nicht Klicks zählten.

Der namenlose Junge lebt in einer kleinen Stadt im Saarland, das nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst ein autonomes Land war und erst 1957 Teil der Bundesrepublik wurde. Seine Eltern (Vater Postler, Mutter Hausfrau) verfügen zehn Jahre nach dem Krieg wieder über einen gewissen Wohlstand: Fernseher, Urlaub am Lago Maggiore, in der Garage ein Renault 4CV, »Cremeschnittchen« genannt.

Das Kind ist eher scheu, neigt dazu, sich zurückzuziehen; gleichwohl haben wir es mit einem genauen Beobachter zu tun, der registriert, was die meisten übersehen. Häufig wird er »losgeschickt«, in die Metzgerei, zum Bauern, in den Konsum – raus aus dem behüteten Heim, Selbstvertrauen tanken. Die Oma auf Kontrollposten am Fenster, während der Kanarienvogel fröhlich im Käfig flattert, nur noch ein paar Wochen bis zur Kirmes. Alles scheint in bester Ordnung.

Die Rückschau fördert jedoch auch Verstörendes zutage, etwa den Moment, als die Mutter, die sonst auffällig blass bleibt, den vom Spielen leicht derangierten Sohn mit den Worten empfängt, er sähe aus wie ein »halbgehenkter Jud«. Anstatt solche tief verwurzelten Vorurteile und reaktionäre Denkweisen zu übernehmen, gräbt er sich durch die Bestände der Stadtbücherei und erweitert seinen Horizont. Viele nach 1945 Geborene erkennen womöglich in den teilweise wenige Zeilen umfassenden Erinnerungsfetzen ihre persönliche Adoleszenz. Das ist ein Merkmal wahrer Literatur: dass der Text eines Fremden zum eigenen werden kann.

Die Geschichtensammlung endet (setzt man das Geburtsjahr des Protagonisten mit dem des Autors gleich) Mitte der 60er. Die Haare »stoppelkurz«, überkommt ihn ausgerechnet bei der Gartenarbeit ein Aufbruchsgefühl: »Ich hatte keine Lust und sagte, das sei sinnlos, denn im nächsten Herbst würden wieder Blätter herabfallen. Mutter überlegte und sagte dann, das seien aber andere Blätter. Das traf mich wie ein Blitz. Und beim Zusammenrechen dachte ich, dass auch ich im nächsten Herbst ein anderer sein würde. Und nie mehr in irgendeinem Herbst so alt wie jetzt. Und dass, wenn die neuen Blätter an den Bäumen wüchsen, ich schon bald ein Teenager wäre.« Hier möchte ich unbedingt weiterlesen und mitträumen – von Rock ’n’ Roll, Protest und freier Liebe.

Ralph Schock: Kaffeeschmuggler und Steckdosenmäuse. Eine Kindheit in den 50ern. Verbrecher-Verlag, Berlin 2017, 144 Seiten, 19 Euro

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