Aus: Ausgabe vom 26.08.2017, Seite 12 / Thema

Um des Friedens willen

Vor 30 Jahren stellten SED und SPD das gemeinsame Dokument »Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit« vor. Die Aussagen zur militärischen Bedrohung sind auch heute noch relevant. Eine Erinnerung

Von Egon Krenz
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Diskussionsbedarf. Live-Übertragung im Fernsehen der DDR zum SPD-SED-Dialogpapier mit dem Chef der Grundwertekommission der SPD Erhard Eppler (2. v. r.), Otto Reinhold (3. v. r.), Rektor der Akademie für ­Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED (Mitte) und Rolf Reißig (ebenfalls von der Akademie, linkes Pult) – 12.9.1987 im DFF-Studio in Berlin-Adlershof

Auch nach dreißig Jahren lohnt es, sich mit dem am 27. August 1987 auf parallelen Pressekonferenzen in Berlin und Bonn vorgestellten gemeinsamen Dokument von SED und SPD »Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit« zu beschäftigen. Niemand braucht sich dieses Textes zu schämen, weder die SPD noch die »Nachfolgepartei« der SED. Kein Grund zur Entschuldigung, wohl aber zur Erinnerung daran, dass für die DDR die Friedenssicherung Vorrang vor allen anderen Fragen hatte. Dieses Erbe wird in Deutschland allzuoft unterschlagen und durch den fragwürdigen Anspruch der heute Regierenden ersetzt, größere militärische Verantwortung in der Welt zu übernehmen.

Was die damals oppositionelle SPD der BRD und die führende Regierungspartei der DDR 1987 zu Papier gebracht hatten, ist keineswegs obsolet. Wesentliche Aussagen lesen sich, als wären sie für das Heute geschrieben. So zum Beispiel: »Der Krieg darf im Nuklearzeitalter kein Mittel der Politik mehr sein.« Oder: »Das Gebot der Stunde ist eine Wende in den internationalen Beziehungen, eine Politik der gemeinsamen Friedenssicherung, des Dialogs und der Abrüstung, des Kompromisses, des Ausgleichs der Interessen, der Kooperation und der Neubelebung des Entspannungsprozesses«.1

Nach 1990 soll Erhard Eppler, der langjährige Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, dem Hamburger Journalisten und Buchautor Norbert F. Pötzl gesagt haben: »Das Politbüro wusste nicht, was es tat, als es das Papier passieren ließ.« 1987 hieß es dagegen in der SPD-Führung noch völlig anders: »Erstmals seit der Spaltung der Arbeiterbewegung gibt es ein gemeinsames Grundsatzpapier von Kommunisten und Sozialdemokraten.«2 Schade, dass die SPD diese bemerkenswerte Position inzwischen einem militanten Antikommunismus geopfert hat.

Heutzutage wird so getan, als hätten weitsichtige SPD-Strategen die Deppen im SED-Politbüro über den Tisch gezogen. Das Politbüro soll sich angeblich neun Stunden über das Dokument zerstritten haben. Seine Spaltung habe sich gerade noch abwenden lassen, wird kolportiert. »Vor allem Mielke, Axen und Dohlus«, schrieb Pötzl, hätten »opponiert«, während Alfred Neumann, »der alte Querschädel«, gemosert habe, »das Papier schade der SED«.

Solche aus der Luft gegriffenen Urteile passen zwar zum unseriösen Umgang mit der DDR- Geschichte, der Wirklichkeit von damals aber werden sie nicht gerecht. Die achtziger Jahre waren bekanntlich voller gefährlicher Spannungen. Die Gefahr eines Atomkrieges war latent vorhanden. Gemeinsam überleben oder gemeinsam untergehen – das war die Grundfrage.

Bei der Suche nach Antworten fanden SED und SPD manch Gemeinsames – trotz unterschiedlicher Weltanschauungen, trotz Zugehörigkeit zu einander feindlich gesinnten politischen Systemen und militärischen Blöcken. Die Kompromissfähigkeit der SED in der Friedensfrage hat entscheidend dazu beigetragen, dass es zu keinen militärischen Auseinandersetzungen auf deutschem Boden gekommen ist. Allein das rechtfertigt, den Geist des Dokuments wachzuhalten. Dass es auch »ein Meilenstein auf dem Wege zur Wiedervereinigung« gewesen sein soll, ist dagegen eine nachträgliche Wertung. 1987 war jeder Gedanke an die deutsche Einheit Utopie.

»Ein historisches Dokument«

Was die Zeitzeugenschaft betrifft, gehöre ich wohl zu den wenigen, die von Erlebtem berichten können und nicht von Vermutungen ausgehen. Wenn Erich Honecker abwesend war, leitete ich seit 1984 das Politbüro des ZK der SED. Mitte Juli 1987 rief mich Honecker aus seinem Urlaubs­ort an. Er beauftragte mich, den Entwurf des Dokuments auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung zu setzen. Otto Reinhold, damals Rektor der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, habe ihm den Entwurf geschickt. Auf das Deckblatt hatte er, Honecker, handschriftlich vermerkt: »Das ist ein historisches Dokument.« Er ergänzte noch: »Darüber bin ich mir mit Willy Brandt einig.«

Bei dieser Ausgangslage brauchte niemand der zur Sitzung Geladenen unsicher zu sein oder gar »Angst zu haben«, wie das Politbüro entscheiden würde. Das überaus positive Urteil des Generalsekretärs war eine beachtliche Rückenstärkung für die Autoren aus der Akademie für Gesellschaftswissenschaften.

Das Dokument wurde während der Sitzung des Politbüros am 28. Juli 1987 etwa eine Stunde diskutiert. Unmittelbar danach habe ich ­Honecker schriftlich informiert, welches Politbüromitglied sich wie zum Dokument geäußert hatte. Honecker hat meine Information am 29. Juli 1987 abgezeichnet. Sie ist inzwischen das einzige Zeugnis, das verlässlich Auskunft gibt, was das Politbüro der SED tatsächlich über das gemeinsame Dokument dachte. Schon vor 15 Jahren habe ich Erich Hahn, einem der Teilnehmer an den Gesprächen zwischen der Grundwertekommission der SPD und der Akademie für Gesellschaftswissenschaften, meinen Brief an Honecker überlassen. Er hat ihn mit meiner Zustimmung in seinem Buch »SED und SPD. Ein Dialog« veröffentlicht.

Anwesend waren elf Politbüromitglieder, Erich Mielke und Horst Dohlus fehlten. Hermann Axen tat alles andere als zu »opponieren«. Er lobte das Dokument als wichtige Konzeption gemeinsamer Anstrengungen von SED und SPD für die Erhaltung des Friedens und wertete es als Ausdruck »neuen Denkens«. Auch Alfred Neumann sprach – wie die anderen – für das Papier. Er »moserte« nicht, sondern wies faktenreich auf die Schwächen des Dokuments hin, die es zweifelsohne hatte. Er war der Meinung, dass seine Autoren Opfer der Konvergenztheorie geworden seien. Der Frieden, so sein Urteil, sei aber vorrangig.

Am Ende der Diskussion wurde festgelegt, das Papier ungekürzt im Neuen Deutschland und weiteren SED-Zeitungen zu veröffentlichen. Den verbündeten Parteien CDU, LDPD, DBD und NDPD sowie den im Block der Parteien und Massenorganisationen vereinten Organisationen wurde empfohlen, in ihren Zeitungen gleiches zu tun. Zudem wurde beschlossen, korrespondierende Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften zu veröffentlichen und eine Information für die Grundorganisationen der SED auszuarbeiten. Wer nachträglich behauptet, die SED habe nichts getan, um das Dokument im Volk zu verbreiten, negiert diese Fakten.

Bessere Beziehungen

Das Papier entstand nicht im politisch luftleeren Raum. Es wäre wahrscheinlich nicht zustande gekommen, hätte es nicht ein gewisses Vertrauensverhältnis zwischen Führungspersönlichkeiten der SPD und der SED gegeben. Der SPD-Vorsitzende Willy Brandt hatte schon 1982 vorgeschlagen, zwischen SED und SPD offizielle Beziehungen aufzunehmen.

Zwischen 1983 und 1989 suchte Hans-Jochen Vogel, SPD-Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag und seit 1987 auch Vorsitzender der SPD, jedes Jahr Erich Honecker auf. Da ich 1984 am Treffen teilnahm und die Protokolle aller folgenden Begegnungen der beiden Parteichefs kenne, weiß ich um die freundschaftliche Atmosphäre, die dabei stets herrschte. Sogenannte Reformprozesse in der DDR, wie später behauptet, wurden von der SPD-Seite bei diesen Gesprächen nicht angemahnt. Von der Herstellung der deutschen Einheit war bei der letzten Begegnung der beiden Politiker im Mai 1989 nicht die Rede, von einer Unterstützung der SPD für die »DDR-Opposition« auch nicht. Noch am 24. November 1989 informierte mich Walentin Falin, dass ihm die SPD-Spitze zwei Tage zuvor gesagt habe, »dass für die SPD die Wiedervereinigung keine Frage der praktischen Politik sei«3. Zudem hätte sie versichert, dass sie nichts getan habe, »dass diese Leute (gemeint waren die Sozialdemokraten in der DDR; E. K.) sich versammelten und ihre Forderungen formulierten.«

Ein wichtiges Datum auf dem Weg zu besseren Beziehungen war die »Internationale Wissenschaftliche Konferenz ›Karl Marx und unsere Zeit‹ – der Kampf um Frieden und sozialen Fortschritt‹« 1983 in Berlin, an der kommunistische, sozialistische und sozialdemokratische Parteien aus 111 Ländern teilnahmen. Auch wenn damals von einem »Dokument« noch keine Rede war, sprach Erich Honecker von einem Gebot der Stunde, »ungeachtet unterschiedlicher politischer Programme, weltanschaulicher Positionen und religiöser Bekenntnisse, über Klassenschranken [...] hinweg zusammen(zu)wirken, um die Völker vor der Katastrophe eines Nuklearkrieges zu bewahren«.4

Teilgenommen an dieser Konferenz hat auch eine Delegation der SPD, geleitet von Wilhelm Bruns von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Er vertrat Thesen, die sich inhaltlich später im gemeinsamen Papier von 1987 wiederfinden sollten. Etwa dass »ideologische Unterschiede, die bleiben, nicht geleugnet werden dürfen, den Fragen der Sicherheit untergeordnet bleiben müssen«.5 »Dass wir im Untergang vereint wären, kann keine akzeptable Alternative sein.« Und weiter: »Nicht im Gegeneinander, sondern nur zusammen werden die Staaten [...] mehr Sicherheit erreichen.«

Differenzen mit der KPdSU

In einer Konferenzpause rief Honecker das Politbüro zusammen. Er war verstimmt, weil die KPdSU-Führung dem Kurs der SED nicht folgen mochte. Die KPdSU hatte zwar das Politbüromitglied Grigori Wassiljewitsch Romanow zur Konferenz delegiert, doch dieser weigerte sich, einen Diskussionsbeitrag zu halten. Damit hatte er den ihm untergeordneten ZK-Sekretär Michail Wassiljewitsch Simjanin beauftragt. Honecker ahnte, was ihm ein Jahr später Gorbatschow, damals als Vertreter von Generalsekretär Konstantin Ustinowitsch Tschernenko, offiziell bestätigte: Die sowjetischen Verbündeten waren mit unserer Dialogpolitik gegenüber der BRD, einschließlich der SPD, nicht einverstanden.

Honecker ließ sich vom Politbüro bestätigen, dass die DDR ungeachtet des Widerspruchs aus Moskau den Kurs des Dialogs weiterführen werde. Das war für ihn politisch durchaus nicht risikolos. Bei dieser Sitzung teilte Honecker auch mit, dass Willy Brandt ihm eine persönliche Botschaft übermittelt habe. Der SPD-Vorsitzende habe darin unterstrichen, dass die »Antiraketenbewegung die SED und die SPD nähergebracht habe, was eine gute Grundlage für den Ausbau der Parteibeziehungen sei«. Honecker verteilte daraufhin Aufträge an Institutionen der SED, die Zusammenarbeit von SED und SPD als Kern einer »Koalition der Vernunft« zu intensivieren.

Für das Aufgreifen der Brandt’schen Losung von den Raketen als dem »Teufelszeug«, das von deutschem Boden verschwinden müsse, erhielt Honecker im Sommer 1984 in Moskau eine gehörige Standpauke. Gorbatschow – der 1991 selber zum Sozialdemokraten werden sollte – belehrte den SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzenden der DDR, dass die SED ihre Klassenposition aufgebe, wenn sie gegenüber der SPD solche Zugeständnisse mache.

Vor dem Hintergrund der verstärkten Kontakte zwischen SED und SPD begannen auch die Gespräche zwischen der Grundwertekommission der SPD und der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED. Der geistige Kopf seitens der SED war Otto Reinhold, der in dieser Eigenschaft Honecker direkt unterstellt war.

Ein wichtiges Ereignis auf dem Wege zum gemeinsamen Dokument (auch wenn immer noch nicht von einem solchen gesprochen wurde) war der Besuch Willy Brandts vom 18. bis 20. September 1985 bei Honecker. Beide Parteichefs wollten die Zusammenarbeit ihrer Parteien auf ein neues Niveau heben. Honecker war bereit, selbst bei seinem Staatsbesuch in der BRD die Wünsche der SPD zu berücksichtigen. Vertraulich teilte er Brandt mit: »Ich mache aus dem Interesse auf unserer Seite kein Geheimnis, dass die SPD die Bundestagswahlen gewinnt.« Brandt hatte Honecker wissen lassen, dass die CDU-geführte Regierung in Bonn von einem Besuch Honeckers in der BRD mehr profitieren werde als die SPD. Prompt reagierte Honecker: »In der Zeit des Wahlkampfes kommt mein Besuch nicht in Frage.«6

Wahlkampfhilfe

Wie sehr es der SED in bezug auf die SPD auf Verlässlichkeit ankam, zeigt folgender Vorgang im Vorfeld der Bundestagswahlen 1987: Seit Monaten gelangten Asylbewerber über Schönefeld nach Berlin-West und von dort in die Bundesrepublik. Als Bonn dies zum Wahlkampfthema machte, wurde Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble aktiv. Monatelang verhandelte er im Auftrag von Bundeskanzler Helmut Kohl mit der DDR. Seine Forderung: Die DDR solle das Loch Westberlin für Asylbewerber schließen. (Auch das gehört zur Wahrheit: Wenn es um bundesdeutsche Interessen ging, konnte die sonst so geschmähte Mauer nicht dicht genug sein.) Aus Erwägungen, die den Status der Stadt betrafen, waren wir nicht bereit, der CDU entgegenzukommen. Bewegung kam in die Sache dennoch, als Egon Bahr Erich Honecker besuchte. Die SPD wollte beweisen, hieß es, dass sie erfolgreicher mit der DDR verhandeln könne als die Regierung Kohl. Die angebotene Gegenleistung: Im Falle eines Sieges des SPD-Kanzlerkandidaten Johannes Rau werde die von ihm geführte Bundesregierung die Staatsbürgerschaft der DDR respektieren.

Kein Wunder, dass Honecker sich festlegte: »Wir wünschen uns«, ließ er den Kanzlerkandidaten der SPD unter vier Augen wissen, »dass Johannes Rau die Wahlen gewinnt«.7 In diesem Sinne entschied sich auch das Politbüro, obwohl wir damit Völkerrechtsfragen berührten, die nicht in unsere Kompetenz fielen. Rau konnte jedenfalls nun erklären, er habe von der DDR-Führung die Zusage erhalten, dass nur noch solche Personen im Transit nach Westberlin befördert würden, die über ein Anschlussvisum anderer Staaten verfügten.8 Das war ein beachtliches Wahlgeschenk an die SPD und ein deutliches Zeichen dafür, dass SED und SPD weit mehr verband, als nachträglich eingestanden wird. Das vertrauensvolle Klima, das solche Entscheidungen ermöglichte, kann nicht von den Gesprächen getrennt werden, die 1987 zum gemeinsamen Papier führten.

Zwischen der SPD und der CDU »fand ein harter Konkurrenzkampf um die Gunst der DDR statt«, konstatierte Falin noch im November 1989.9 Das nahm manchmal sogar komische Züge an. Als beispielsweise Katarina Witt auf Einladung von Oskar Lafontaine zu einer Sportveranstaltung im Saarland war, beschwerte sich Kohl darüber in einem Gespräch mit Günter Mittag. Er meinte, solche »Wahlhilfe für die SPD« sei nicht angebracht. Die Außenpolitik der Bundesrepublik werde von ihm verantwortet, sie werde nicht in den Bundesländern oder durch die Oppositionsparteien gemacht.

Bemerkenswert bleibt, dass es während des Staatsbesuchs von Honecker Anfang September 1987 auch zu einer Begegnung mit Willy Brandt, inzwischen Ehrenvorsitzender der SPD, kam und der die Frage stellte, ob man »bei dem Trennungsstrich zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten von 1918 stehen bleiben muss?« Er gab zu überlegen, »ob nicht auch zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten über die Friedensfrage hinaus Gemeinsamkeiten festzustellen seien, die es gelte, hervorzuheben«. Dieser Auffassung war auch sein Nachfolger im Amt des Parteivorsitzenden, Hans-Jochen Vogel. Bei ihrem letzten Treffen am 25. Mai 1989 im Jagdhaus Hubertusstock lud Honecker »eine Delegation des Parteivorstandes der SPD (ein), als Gast an den Beratungen des XII. Parteitages der SED vom 15. bis 19. Mai 1990 in Berlin« teilzunehmen. Vogel erwiderte, man müsse überlegen, ob man über den Beobachterstatus hinausgehen könne. Die Perspektive weiterer gemeinsamer Schritte war noch für 1989 anvisiert.

Irritationen im Politbüro

Das gemeinsame Dokument war bekanntlich kein Programm zur Einmischung in innere Angelegenheiten der DDR, auch wenn beispielsweise Eppler es gern so gehabt hätte. Darauf hat auch Rolf Reißig, einer der aktivsten unter den SED-Autoren, schon 1987 hingewiesen, als er schrieb, es sei »kein innenpolitisches Dokument für die DDR«.10 Es gab zwar – je näher wir dem Jahr 1989 kamen – Versuche aus den Reihen der SPD, das Papier in dieser Richtung umzuinterpretieren. Und auch innerhalb der DDR gab es verschiedene politische Kräfte, die auf der Grundlage dieses Dokuments einen Dialog mit der DDR-Führung anmahnten. Ich begegne manchmal der Meinung, die SED sei im Herbst 1987 wieder von dem gemeinsamen Dokument abgerückt. Als Beweis wird eine Rede von Kurt Hager in Frankfurt/Oder genannt. Dieser Beitrag wurde jedoch meines Wissens nie im Politbüro bestätigt, er gibt also lediglich die Meinung eines Politbüromitglieds wieder. Selbst wenn sie eine Distanz hätte erkennen lassen, wäre diese spätestens durch die 5. Tagung des Zentralkomitees am 16. Dezember 1987 korrigiert gewesen. Der Bericht des Politbüros hob nämlich den historischen Charakter des Dokuments hervor.11 Honecker hatte schon zuvor im November 1987 zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution in Moskau in Anwesenheit von 178 Delegationen von Parteien und Bewegungen unterschiedlicher Orientierung formuliert: »In diesem Dokument wurden erstmals auf konstruktive Weise gemeinsame Antworten auf Fragen gesucht, die heute die gesamte Arbeiterbewegung und darüber hinaus die gesamte Friedensbewegung gleichermaßen bewegen.«12

Im Herbst 1987 gab es allerdings tatsächlich Irritationen im Politbüro über das Wesen des Papiers. Ausgelöst wurden sie aber nicht von Kurt Hager, sondern vom Einspruch der Gorbatschow-Führung. Das entsprechende sowjetische Papier wurde mir am 30. Oktober 1987 von Botschafter Wjatscheslaw Iwanowitsch Kotschemassow überbracht. Gorbatschow ließ uns darin mitteilen, dass es »keine Verwischung der prinzipiellen Widersprüche zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten oder friedliche Koexistenz auf ideologischem Gebiet« geben darf. Wörtlich: »Bei aller Rücksichtnahme auf den Kompromisscharakter möchten wir, wie es zwischen unseren Parteien üblich ist, mit aller Offenheit sagen, dass das Dokument auch Mängel enthält, die nach unserer Meinung hätten vermieden werden können.«13

Wer die Sprache der Diplomatie kennt, wird darin erkennen, wie groß der Unmut über die SED in Moskau war. Hermann Axen wurde in die sowjetische Hauptstadt bestellt, wo die »Deutschland-Politiker« der KPdSU ihm die ideologischen Sünden der SED im Umgang mit den deutschen Sozialdemokraten auflisteten. Die SED nähre Illusionen über einen sozialdemokratischen Weg zum Sozialismus, hieß es. Es sei versäumt worden, so die sowjetischen Kritiker, »die Darstellung der sozialistischen Demokratie mit der führenden Rolle der marxistisch-leninistischen Partei zu verbinden«. Die SED habe vergessen, dass die Sozialdemokratie die Interessen der Arbeiterklasse verraten habe.

Ich kenne die Meinung mancher Weggefährten, die dieser Bewertung noch heute zustimmen. Sie sagen, dass die SED zu viele Kompromisse zugelassen und damit ihre ideologischen Schwächen offenbart habe, die letztlich zum Untergang der DDR beigetragen hätten. Ich teile diesen Standpunkt nicht. Die Alternative wäre gewesen, im Kalten Krieg weiter am Rande einer atomaren Katastrophe zu balancieren. Für die DDR-Führung war das Dokument ein Regelwerk für den politischen Streit und den Dialog im Wettbewerb der beiden Gesellschaftssysteme. Der Streit der Ideologien war für uns selbstredend eine Form des Klassenkampfes, der aber nur Sinn ergab, wenn Frieden war.

Was ich hier an Tatsachen aufgeschrieben habe, ist durch eigene Erlebnisse belegt und kann in Archiven nachgeprüft werden. Darauf habe ich bereits 1997 hingewiesen, als das zehnjährige Jubiläum des Dokuments im Kalender stand und daran erinnert wurde. Mir wurde damals vorgehalten, ich verbreite die »Mär von einer weisen SED-Führung«.14 Nichts lag und liegt mir ferner. Würde ich so denken, hätte ich im Oktober 1989 wohl kaum die Initiative zur Absetzung Erich Honeckers ergriffen. Geschichte muss Geschichte bleiben, auch wenn sie nicht ins Konzept ihrer Kritiker passt.

Der marxistische Philosoph Ernst Bloch spricht – ein Problem der menschlichen Existenz berührend – von der Dunkelheit des gelebten Augenblicks. Als das SED-Politbüro am 28. Juli 1987 das »Papier passieren ließ«, war der Augenblick nicht ganz so dunkel, wie Eppler zu meinen glaubte. Wir wussten sehr wohl, was wir taten. Wir wollten miteinander friedlich auskommen, statt miteinander im Inferno unterzugehen. Die DDR nahm den Grundsatz, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen sollte, sehr, sehr ernst.

Anmerkungen

1 Neues Deutschland, 28. August 1987

2 Der Spiegel, Nr. 36, 41. Jahrgang, 31. August 1987

3 Niederschrift eines Gesprächs von Egon Krenz und Hans Modrow mit Walentin Falin, Leiter der Internationalen Abteilung des ZK der KPdSU, am 24.11.1989 in der sowjetischen Botschaft in Berlin. Im Archiv des Autors

4 Internationale Wissenschaftliche Konferenz des Zentralkomitees der SED, Berlin, 11.–16. April 1983, Protokoll, Rede Erich Honeckers, S. 13–29

5 Internationale Wissenschaftliche Konferenz des Zentralkomitees der SED, Berlin, 11.–16. April 1983, Protokoll, Diskussionsbeitrag von Dr. Wilhelm Bruns, S. 351–353

6 Aus dem Protokoll der Gespräche Honecker – Brandt 1985

7 Gespräch Erich Honecker – Johannes Rau am 7. Mai 1986 in Berlin

8 Siehe auch: Karl Seidel, Berlin-Bonner Balance, Berlin 2002, Seite 322

9 Walentin Falin im Gespräch mit Egon Krenz und Hans Modrow am 24. 11. 1989

10 Frankfurter Rundschau, 16. Oktober 1987

11 Bericht des Politbüros, Berichterstatter Werner Felfe, Protokoll, Heft I, Seite 23

12 Treffen der Vertreter von Parteien und Bewegungen zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution, Berlin 1988, Rede von Erich Honecker, Seite 77

13 30. Oktober 1987, 4 Exemplare, Vertraulich, Mitteilung Gorbatschows an die SED-Führung. Im Archiv des Autors

14 Neues Deutschland, 19. September 1997, Seite 15

Egon Krenz war von Mitte Oktober bis Anfang Dezember 1989 Nachfolger Erich Honeckers als SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender der DDR. Innerhalb des im Artikel beschriebenen Zeitraums war Krenz Mitglied des Politibüros des Zentralkomitees der SED und stellvertretender Vorsitzender des Staatsrats.

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