Aus: Ausgabe vom 22.08.2017, Seite 1 / Titel

Mit Pauken gegen Raketen

Musizierende Friedensaktivisten blockieren Kriegsmaschinerie der Luftwaffe in Jagel. Soldaten von Polizei auf Fliegerhorst eskortiert

Von Michael Merz
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An einen am Haupttor des Fliegerhorstes Jagel stehenden »Tornado« hängten Friedensaktivisten am Montag einen Nachdruck von Picassos Gemälde »Guernica« und musizierten gegen den Krieg

Der Fliegerhorst im schleswig-holsteinischen Jagel ist ein prosperierender Stützpunkt der deutschen Luftwaffe. Seit Anfang August starten von hier die »Tornado«-Flugschüler des Taktischen Luftwaffengeschwaders 51 »Immelmann«, die bisher über die Wüste New Mexicos geflogen waren, von hier aus ihre Kampfjets. Zehn der 14 Tornados aus den USA stehen laut NDR bereits auf dem Flugplatz. Die Einheit, die nach dem von Bundeswehr wie auch Wehrmacht glorifizierten Piloten Max Immelmann, der im Ersten Weltkrieg reihenweise Gegner abgeschossen hatte, benannt ist, wird aktuell im Syrien-Krieg eingesetzt. In Zukunft sollen auch die unbemannten Kampfdrohnen der Bundeswehr, deren Anschaffung angekündigt ist, in Jagel stationiert sein, der Fliegerhorst als zentrales Ausbildungszentrum dienen. Längst werden hier Piloten für Afghanistan und Mali geschult und Bilder von Aufklärungsdrohnen im Vorfeld todbringender Kampfeinsätze ausgewertet.

Anwohner sind empört über die immer größere werdende Zahl der Starts und Landungen. Der Geschwaderchef Kristof Conrath warb bei ihnen laut NDR bereits um »Verständnis, dass unsere Bemühungen anerkannt werden«. Die Zahl der Flugstunden in Jagel werde von bislang 2.500 auf 3.500 pro Jahr steigen. Beim Protest der Aktivisten des Netzwerks Lebenslaute am Montag ging es aber nicht nur um Fluglärm. Vielmehr darum, der deutschen Kriegsmaschine Sand ins Getriebe zu streuen. Im Morgengrauen versammelten sich 80 Orchestermusiker neben den regelmäßig vor den Toren demonstrierenden Mitgliedern der lokalen Gruppe der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen. Insgesamt blockierten schließlich 150 Menschen alle elf Zufahrtswege. Erwartet wurden sie bereits von einigen Polizisten in ihren Einsatzwagen, die allerdings zunächst wenig gegen die Aktion ausrichten konnten. Die Musiker postierten sich an den Toren und spielten Musik von Beethoven bis Ton Steine Scherben, während die Soldaten weder rein noch raus kamen und auf polizeiliche Unterstützung warten mussten. »Ein großer Erfolg«, freute sich Marcus Beyer von Lebenslaute nach der Aktion gegenüber junge Welt. »Eine solche Vollblockade gab es hier noch nie.« Diese habe auch Folgen für die Luftwaffe gehabt. Erst nach Beendigung der Zugabe des Lebenslaute-Konzerts unter dem Motto »Von Bass bis Sopran – gemeinsam gegen Rüstungswahn« seien am Montag gegen 14 Uhr die ersten Jets über die Köpfe gedonnert. Ein Sprecher der Luftwaffe dementierte das gegenüber jW. Die Blockade habe keine Auswirkungen auf den Flugbetrieb gehabt.

Zwischendurch wurden einzelne Zufahrten immer wieder von Polizisten, die teilweise durchaus ruppig vorgingen, geräumt. »Wir musizierten einfach weiter als die Beamten uns aufforderten, den Weg freizumachen«, berichtete Marcus Beyer am Montag weiter. So seien die Sänger und Instrumentalisten, während sie klassische Werke interpretierten, weggetragen worden. Nachdem Reisebusse voller Soldaten, welche sich offenbar an Sammelpunkten getroffen hatten, mit Polizeieskorte durchgefahren waren, kamen die Musiker – einige von ihnen engagieren sich bereits seit 1986 in jährlichen Protestaktionen – zurück an die Tore. Die Blockade konnte weitergehen. Gewalttätige Auseinandersetzungen blieben am Montag aus. »Alle Versammlungen und Aktionen verliefen friedlich«, sagte ein Polizeisprecher laut dpa.

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