Aus: Ausgabe vom 12.08.2017, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Entmündigt im eigenen Land

In der Westbank kämpfen Aktivisten gegen die Hoffnungslosigkeit an – und für die Rechte der palästinensischen Bewohner

Von Wolfgang Sréter
Aufmerksamer Zuhörer: Abdulkarim Sadi ist als Mitarbeiter der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem für die palästinensischen Bauern ein wichtiger Ansprechpartner
Entrechtet: Palästinensische Bauern beim morgendlichen Warten auf den Zutritt zu ihren Ländereien
Zugriff: Verhaftungen von Palästinensern durch die israelische Besatzungsarmee sind an der Tagesordnung
Verzweifelter Widerstand: An den israelischen Grenzanlagen, die tief ins Palästinensergebiet reichen, kommt es immer wieder zu Zusammenstößen

»Es ist kein gutes Jahr«, sagt Abdulkarim Sadi. Anfang März hat es zum letzten Mal geregnet. Das Thermometer steigt während des Tages bereits jetzt auf 35 Grad. Die Hitze drückt auf die Menschen und die Landschaft. Sadis Tag beginnt kurz nach sechs Uhr mit einer Zigarette. Er raucht sie im Hof seines Hauses. Dort ist es noch einigermaßen kühl. Dazu trinkt er den ersten Kaffee aus einer kleinen Tasse. In letzter Zeit lässt er den Zucker weg. Ein kleiner Versuch, bei einem anstrengenden Beruf etwas für die Gesundheit zu tun. Von der Treppe zu seinem Haus im palästinensischen Attil nahe der Stadt Tulkarem sieht er in einiger Entfernung den Zaun, der seit 2003 die besetzten Gebiete von Israel trennt.

Seit vierzehn Jahren bereits arbeitet Abdulkarim Sadi als palästinensischer Mitarbeiter für die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem. Der Name bedeutet »Ebenbild« und ist der biblischen Schöpfungsgeschichte entnommen. Die Organisation wurde bereits 1989 von Akademikern, Anwälten, Journalisten und Abgeordneten der Knesset, des Parlaments des Staates Israel, gegründet. In der Wikipedia wird sie wie folgt charakterisiert: »B’Tselem sieht seine Aufgabe darin, Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten zu dokumentieren, die israelische Öffentlichkeit und den Gesetzgeber darüber zu informieren und zu einer humaneren Gesellschaft beizutragen.« Mit ihrer Tätigkeit möchte die NGO darauf hinwirken, die israelische Politik in den besetzten Gebieten zu ändern. Wie die hysterische Reaktion auf die Treffen des deutschen Außenministers Sigmar Gabriel mit Vertretern der Menschenrechtsgruppen Breaking the Silence und eben B’Tselem im vergangenen April zeigte, hat die Regierung von Benjamin Netanjahu für diese wenig übrig. Das spiegelt sich auch in den regierungsnahen Medien wider. Die Bezeichnung »Petzer« des Massenblatts Israel Hajom für B’Tselem ist dabei noch eine der freundlichsten.

Abdulkarim Sadi, der an der Al-Nadscha-Universität in Nablus Psychologie studierte, arbeitet von Sonntag bis Donnerstag. Freitag und Samstag sind seine freien Tage – es sei denn, es passiert etwas, das keinen Aufschub duldet. Er ist für den gesamten Norden der Westbank zuständig, von Tulkarem bis nach Dschenin. Nach der ersten Zigarette fährt er seinen Computer hoch und prüft, ob Nachrichten eingegangen sind über etwas, das während der Nacht geschehen ist. Anschließend telefoniert er mit seinen Kontaktpersonen im Westjordanland, außerdem mit mehreren Vertretern kleiner Gemeinden, die in der Nähe von israelischen Siedlungen liegen. Dann frühstückt er zusammen mit seiner Frau und den drei Kindern, die noch im Haus leben. Wenn sich die beiden Töchter Nur und Hanin auf den Weg zu den Universitäten in Tulkarem und Nablus gemacht haben, verlässt auch der jüngste Sohn Anas das Haus. Er geht noch in Attil zur Schule. Erst danach entscheidet Sadi, wo er an diesem Tag hinfährt, um Informationen zu sammeln.

Seit einiger Zeit trifft Sadi diese Entscheidung nicht mehr am Vorabend. Zu oft musste er seine Pläne umstellen, weil es in der Nacht Zusammenstöße mit israelischen Siedlern gab oder Angehörige der israelischen Armee palästinensische Bauern nicht auf ihr Land gelassen haben. Zuverlässigkeit, sagt er, sei für einen Field worker (Außenmitarbeiter) wichtig. »Wenn ich jemandem versprochen habe, heute zu kommen, dann ist er zu Recht enttäuscht, wenn ich ihn hängenlasse. Das wirkt sich auch auf die Informationen aus, die ich haben will.« Seiner Organisation gegenüber fühlt Sadi eine große Verantwortung. Sorgfältige Recherche ist ihm wichtig.

Gefährlicher Job

Auch heute hat Sadi mehrere Mitteilungen von Bauern erhalten, deren Felder durch den Bau der Mauer und des Zauns seit Jahren auf der anderen Seite der von Israel gesetzten Grenze liegen. Denn zu 85 Prozent verlaufen die Grenzanlagen nicht auf der von der UNO festgelegten Grünen Linie zwischen dem Staat Israel und der Westbank, sondern mäandern – bis zu vierzig Kilometer – in palästinensisches Gebiet hinein. Sadi nimmt mit den Bauern Kontakt auf und vereinbart ein Treffen in einer Teestube in Attil.

In den Kofferraum seines Autos packt der NGO-Mitarbeiter eine grellgrüne Gasmaske. Dies schreibt B’Tselem seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seit einiger Zeit vor, wenn sie unterwegs sind. Insbesondere bei der Beobachtung von Kundgebungen bieten diese beim Einsatz von Kampfstoffen Schutz. Außerdem verstaut Sadi eine kugelsichere Weste und einen Helm, denn auch die gummiummantelten Stahlkugeln der israelischen Armee können erhebliche Verletzungen verursachen. Im Handschuhfach liegen ein Fotoapparat und eine Videokamera. Die Organisation hat schon vor einiger Zeit damit begonnen, in den sozialen Medien Filme zu veröffentlichen. Ihre Aufnahmen hatten sogar schon als Beweismittel vor israelischen Gerichten Bestand.

Und natürlich hat er neben dem Mitgliedsausweis von B’Tselem auch sein grünes Permit (Erlaubnisschein) dabei, wie es alle palästinensischen Bewohner der Westbank besitzen. Ohne dieses Papier setzt sich ein Palästinenser der Gefahr einer Verhaftung im eigenen Land aus. Im Gegensatz zu den über 400.000 israelischen Siedlern allein in der Westbank, die sich auf den eigens für sie gebauten Straßen frei bewegen können. Sie lebten, wie es der Leiter von B’Tselem, Hagai El-Ad, in seiner Rede vor dem Weltsicherheitsrat im Oktober 2016 bezeichnete, in einer First world democracy (Demokratie der »ersten Welt«), während jenseits der ausgedehnten Sicherheitszonen um die Siedlungen Militärgesetzgebung, Wasserknappheit und Arbeitslosigkeit herrschten.

Die Bauern, mit denen Sadi verabredet ist, können ihre Felder und Gewächshäuser nur über Agricultural gates (landwirtschaftliche Zugänge) erreichen, die dreimal am Tag für eine Stunde von der israelischen Armee geöffnet werden. Morgens von sechs bis sieben, um die Mittagszeit und kurz vor dem Abendgebet. Sie wurden erst nach Protesten aus aller Welt von der Armee eingerichtet und werden von internationalen Beobachtern regelmäßig überwacht. Jeder Eigentümer von Ländereien braucht einen Erlaubnisschein für sich und seinen Traktor. »Diese Genehmigungen bekommen die Bauern im Büro des israelischen District Coordination Office«, erklärt Sadi, »sie können für ein ganzes oder ein halbes Jahr, aber auch nur für drei Monate ausgestellt werden.« Auf der Homepage jener Distriktkoordinierungsstelle sucht man den Begriff palästinensische oder besetzte Gebiete vergeblich. Sie werden in Israel offiziell als Judäa und Samaria bezeichnet, also als ureigenes jüdisch-biblisches Land. Es ist dieses Judäa und Samaria, das sich der Bildungsminister und Vorsitzende der nationalreligiösen Partei »Jüdisches Heim«, Naftali Bennett, in einer Rede vom Oktober 2016 als Teil Israels wünschte.

Beim Treffen in Attil berichten die Bauern, dass vielen von ihnen die Erlaubnis, ihr Land jenseits des Zaunes zu bearbeiten, nicht verlängert wurde. Die Männer sind aufgebracht und reden durcheinander. Vor allem das Gemüse in den Gewächshäusern bedarf in Zeiten von Trockenheit und Hitze besonderer Pflege. Schon nach zwei Tagen ohne Bewässerung gehen viele Pflanzen ein, und aus einem schlechten wird ein katastrophales Jahr. Die Bauern verlieren nicht nur Nahrung für den Eigenbedarf, sondern auch Einnahmen aus dem Verkauf. Sadi kann ihre Sorgen gut nachvollziehen. Er hat selbst einen Garten mit einem kleinen Olivenhain. Ruhig nimmt er die Fakten auf, notiert Namen, fragt nach und holt Meinungen ein. »Für die Bauern«, sagt er, »gibt es keine Alternative zur Landwirtschaft, denn Arbeitsplätze in anderen Bereichen sind rar.« In der Runde spürt man die Hoffnungslosigkeit, die fünfzig Jahre Besatzung hinterlassen haben. Mit einem Leben, das weder für die Teilnehmer hier noch für ihre Kinder in der Zukunft große Chancen bereithält. Der Mitarbeiter von B’Tselem behandelt seine Gesprächspartner mit Respekt, nimmt sich Zeit. Man kann wahrnehmen, dass er von ihnen geschätzt wird. Viele der Bauern kennen ihn seit Jahren. Während des Gesprächs hat er sein Mobiltelefon auf lautlos gestellt. Nur ab und zu blickt er auf sein Display und registriert die Anrufe.

Sadi wird seinen Bericht noch am selben Abend an das Büro seiner Organisation in Jerusalem weitergeben. Er hoffe, sagt er, dass dieser eine breite Öffentlichkeit erreicht, auch international. Der NGO-Mann zeigt sich sehr besorgt. Die Behandlung der Bauern werde, zusammen mit dem kürzlich durchgeführten Hungerstreik der palästinensischen Gefangenen in israelischen Gefängnissen und dem Versagen der eigenen Regierung, für eine noch größere Unzufriedenheit in der Bevölkerung sorgen. Das sei eine explosive Mischung!

Viele Konflikte

Nach dem Treffen mit den Landwirten fährt Abdulkarim Sadi zu einer Kreuzung, an der sich eine Siedlerstraße mit einer palästinensischen Straße trifft. Er wartet dort auf einen Journalisten. Es gehört zu den Aufgaben der Mitarbeiter von B’Tselem, israelische oder andere ausländische Journalisten durch die besetzten Gebiete zu begleiten, um Kontakte herzustellen und um für sie zu übersetzen. Heute geht es um einen Fall in Tulkarem. In zwei Druckereien hat die israelische Armee wichtige Computerteile konfisziert und die Anlagen damit stillgelegt. Fünfzig Angestellte sind nun ohne Arbeit. Beide Betriebe haben auch für israelische Auftraggeber gearbeitet. Sowohl Löhne als auch Preise in der Westbank liegen unter dem israelischen Niveau. Selbst in einer Stadt wie Tulkarem, die eigentlich vollständig unter palästinensischer Oberhoheit steht, muss die israelische Armee keinen Grund für ihr Eingreifen angeben.

Im Gespräch stellt sich heraus, dass eine der Druckereien, vermittelt über einen Zwischenhändler, sogar für die Besatzungsarmee gearbeitet hat. Möglich also, dass Armeestellen das unterbinden wollten. Es kann aber genausogut sein, dass ein israelischer Anbieter die Konkurrenz jenseits der Grenze ausschalten wollte. Wie so viele Fälle wird auch dieser, wenn überhaupt, nicht schnell zu klären sein. Der Journalist verspricht, bei den Militärbehörden nachzufragen und sich für die Druckereien einzusetzen. Viel wichtiger wäre es allerdings, Ersatzteile zu besorgen. Aufgrund der Importbeschränkungen ist dies zeitaufwendig und schwierig. Sowohl die beiden Besitzer der Druckereien als auch die Arbeiter werden warten müssen und große finanzielle Einbußen haben.

Wie kann man sich jeden Tag aufs neue für solche Aufgaben, deren Lösungen stets ungewiss sind, motivieren? Abdulkarim Sadi gibt darauf eine entwaffnende Antwort: »Wir haben keine andere Wahl.« Er ist selbst unter der Besatzung groß geworden, hat unter ihr sein Studium absolviert. Sein jüngster Sohn ist während einer Ausgangssperre unter schwierigen Bedingungen auf die Welt gekommen, und sein ältester Sohn, der in Ramallah als Ingenieur arbeitet, kommt am Wochenende nicht nach Hause, wenn es Unruhen gibt und die Flying checkpoints, die mobilen Kontrollposten der Besatzungsarmee, zunehmen. Wenn Sadi an den freien Tagen in seinem Garten arbeitet und in der Ferne das Mittelmeer sieht, dessen Küste die Bewohner der Westbank seit vierzehn Jahren nicht mehr besuchen dürfen, nimmt er sich vor, weiter jedem Zwischenfall akribisch nachzugehen, weiter detailliert Berichte zu schreiben, weiter gegen die Hoffnungslosigkeit in seiner Umgebung anzukämpfen – und sich im übrigen in Gefahrensituationen auf seine grellgrüne Gasmaske und die kugelsichere Weste zu verlassen.

Auf dem Heimweg von Tulkarem hat Sadi einen Anruf erhalten. Das nächste Treffen der Mitarbeiter von B’Tselem wird nicht im Jerusalemer Büro stattfinden, sondern in Bethlehem. Der Kollege aus Hebron hat wieder mal keine Erlaubnis bekommen, die Heilige Stadt zu betreten. Es ist ein wirklich schlechtes Jahr.

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