Aus: Ausgabe vom 12.08.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Nie mehr etwas Festes

Von Arnold Schölzel

Stefan Locke ist politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) für Sachsen und Thüringen. Am 5. August veröffentlichte er in der FAZ einen ganzseitigen Artikel mit dem Untertitel: »Seit Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping über die harte Nachwendezeit spricht, kommen erschütternde Geschichten ans Licht. Diese Aufarbeitung passt aber nicht allen.« Der erste Satz lautet: »Das Schweigen dauerte 26 Jahre, und jetzt soll es ausgerechnet an einem schönen Sommersonntag enden.« Locke berichtet über ein Treffen von rund 40 Männern und Frauen am 18. Juni. Bis 1990 hatten sie in einem Elektroporzellanwerk in Großdubrau nördlich von Bautzen gearbeitet. 850 Beschäftigte stellten dort Isolatoren für Hochspannungsleitungen her. Acht Wochen nach dem 3. Oktober 1990 erfuhren sie, dass ihr Werk geschlossen wird. »Offizielle Begründung: Es gebe im Westen genug Betriebe, die Isolatoren herstellten.« Ein halbes Jahr später seien aber Lkw durch den Ort gerollt, um 70 Maschinen zur westdeutschen Konkurrenz zu bringen. Die Anlagen waren von dort importiert worden und noch nagelneu gewesen, die »Margarethenhütte war technisch auf Weltniveau«. Die Hälfte der Produktion wurde in den Westen verkauft. Eine Besetzung des Werktores verzögerte die Demontage nur kurz, die meisten Fabrikgebäude wurden gesprengt. Der Fall wurde im Bundestag diskutiert, die Rede war von 400 neuen Arbeitsplätzen, »die nie kamen«.

Genau 25 Jahre war es her seit der Werkstorbesetzung. Viele Teilnehmer des Treffens, zu dem auch Ministerin Köpping (SPD) anreiste, seien zum ersten Mal seit damals wieder auf dem Gelände. Locke zitiert einen Diplomingenieur, der erzählt, dass nach ihm seine Frau entlassen wurde. Sie haben drei Kinder: »Ich habe jeden Job, wirklich jeden Job angenommen, um meine Familie nicht im Stich zu lassen.« Hausmeister, Lagerist, Security, zig Umschulungen, aber nie mehr etwas Festes. »Sein jüngster Sohn schloss sich den Neonazis an, wollte sich an dem System rächen, das den Eltern das antat. Der Vater holte ihn da noch raus, dann brach er zusammen. Klinik, Reha, erwerbsunfähig und bis heute ständig Ärger mit den Ämtern. ›Das kann niemand wiedergutmachen‹, sagt er. ›Nur die Erinnerung an die Geborgenheit im Sozialismus und meine Familie haben mir geholfen, das alles zu überstehen.‹«

Der FAZ-Autor schildert ein Beispiel dieser Art nach dem anderen – aus anderen Orten und anderen Branchen. Das Bild, das er zeichnet, kennt jeder Ostdeutsche. Es zeigt: Die fast komplette Deindustrialisierung des Ostens schloss die Zerstörung des Geflechts von Beziehungen im privaten Bereich ein, das oft mehrere Generationen gehalten hatte. Kalkül? Wer nicht abwanderte – es waren in den ersten 15 Jahren nach 1990 etwa drei Millionen Menschen –, der sprach meist nicht über die Katastrophe.

Frau Köpping fährt in Orte wie Großdubrau, seitdem sie nach einer »Rede über Verletzungen der Nachwendezeit« im Herbst 2016 eine »Lawine« an Einladungen erhielt. Die CDU Sachsen und der Ministerpräsident, so der Autor, möchten der »Kummertante« das Thema entziehen. Und: »Die Linkspartei ist aufgeschreckt durch den Zuspruch für die Ministerin, die in ihrem ureigensten Revier wildert. Die Linke sollte sich nicht scheuen, das Wort ›Osten‹ wieder häufiger zu nutzen, forderte Sachsens Parteivorsitzender Rico Gebhardt.« Großartig. Ein Anfang wäre, wenn auf Thematisierung von DDR und ostdeutschen Fragen nicht rituell »Unrechtsstaat« aus den Regierungsreihen dieser Partei zurückschallt. Helmut Kohl war da gelegentlich wahrhaftiger, wie Locke erwähnt. Er antwortete einmal auf die Frage nach seinen Fehlern bei der Vereinigung, er habe versäumt, »offen darüber zu reden, dass nicht alles in der DDR falsch war und im Westen nicht alles richtig«. Hätte ein Ansatz für Die Linke sein können.

Die fast komplette Deindustrialisierung des Ostens schloss die Zerstörung des Geflechts von Beziehungen im privaten Bereich ein, das oft mehrere Generationen gehalten hatte.

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