Aus: Ausgabe vom 12.08.2017, Seite 10 / Feuilleton

Wat hier jelacht wird

Der Sammelband »Berlinerische Gedichte von 1830 bis heute«

Von Alexander Reich
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Gemessen an solchen Typen aus dem Zille-Album, war der Eckensteher Nante ein Grandseigneur

Mundarten haben in Erzeugnissen der Schriftkultur eigentlich nichts verloren. Es handelt sich um lebendige, sprich: gesprochene Sprache. In deren Zweck­entfremdung liegt aber auch ein gewisser Reiz, und dem erlag schon Walter Benjamin. »Immer ist der Sprachwitz Improvisation«, schrieb der Philosoph am 5. Mai 1929 in der Reihe »Berliner Beiträge« der Frankfurter Zeitung unter der Überschrift »Wat hier jelacht wird, det lache ick«. Und lobte des Berliners »stahlharte Sachlichkeit«, die »durch die Blume« erst zu voller Geltung käme: »So sagt der Berliner, wenn er einem die Faust weist: ›Hast woll schon lange nich an det Knochenbukett jerochen.‹ Er sagt auch in genau derselben Verfassung: ›Sonst sollste mit Verjißmeinich handeln.‹ Gerade seine nachdrücklichsten Drohungen kommen sachte heraus.«

Im Rückgriff auf die altgriechische Temperamentenlehre schlägt Benjamin in diesem Aufsatz den Berliner dem »phlegmatisch-sanguinischen Typus« zu, aber egal, hier soll ein Band mit 250 berlinerischen Gedichten aus der Anderen Bibliothek empfohlen werden. Sie sind chronologisch geordnet. Den Anfang machen Reime aus den Zeiten von Biedermeier und Vormärz.

Bald nach dem Abzug der napoleonischen Besatzungstruppen im Jahr 1813 gewann in Preußens Hauptstadt ein Volkstheater im Stil des Vaude­ville an Bedeutung, in dem der Dialekt eine deutlich größere Rolle spielte als beim französischen Vorbild. Eine zentrale Figur der Possen, Sing- und Trauerspiele (letztere leicht ironisch so betitelt) war der Eckensteher Nante, der, auf Gelegenheitsarbeit wartend, über alles und jeden herzog. Adolf Glaßbrenner ließ ihn 1832 im ersten seiner Groschenhefte »Berlin wie es ist und – trinkt« im »Lied der Eckensteher« zu Wort kommen: »Det Morjens, wenn mir hungert dhut, / Ess ick ’ne Butterstulle, / Dazu schmeckt mir der Kimmel jut, / Aus meine volle Pulle.«

Bis 1850 brachte Glaßbrenner 32 dieser Hefte heraus, einige mit Karikaturen des Malers Theodor Hosemann auf dem Titel. Was diese Reihe ausmachte, war Respektlosigkeit gegenüber dem hohen Ton. Wie der Prolet es mit dem »Heinsius« hielt, dem damaligen Duden, erklärte Glaßbrenner im Gedicht »Rose (rothe)«, das den besprochenen Band eröffnet: »Ich liebe Dir! Ich liebe Dich! / Wie’s richtig is, ich weeß es nich, / Un’s is mich auch Pomade! / Wie, wenn ich lieb’, es heißen muss, / Zu fragen erst den Heinsius, / Wär’ um die Liebe schade!« Glaßbrenner lag im Dauerclinch mit den Zensoren, sein Spott über das (Möchtegern-)Bürgertum trug ihm den Ruf eines »Vaters des Berliner Witzes« ein. Und a propos Witz und Duden: In die am vergangenen Mittwoch erschienene 27. Auflage des »Nachschlagewerks zur deutschen Rechtschreibung« wurde ein Personalpronomen neu aufgenommen: »ick, betont oft icke (ugs., besonders berlin. für ich)«.

Natürlich war das Berlinern im Laufe der Jahre, in denen die Gedichte des Bandes erschienen (»von 1830 bis heute«), ständigen Veränderungen unterworfen. Das lag zum einen an den Zugezogenen. Dem Einfluss der Franzosen war laut Benjamin auch die vornehme Aussprache »Telephong« zu verdanken. Aus dem Russischen wurde die »Datsche« übernommen, aus dem Jiddischen die »Maloche«. Tschechisch, Polnisch, Wendisch, Sorbisch spielten hinein. Der Generalbass der Entwicklung war dabei auch für Benjamin die Zuspitzung der Klassenwidersprüche: »Von jeher ist der Berliner Dialekt – wie der der anderen Großstädte – viel weniger an das Lokal als an das Tempo des Daseins gebunden. Dies Tempo aber wird diktiert von der Arbeit. Schon in den Glaßbrennerschen Texten, den Hosemannschen Zeichnungen der Biedermeierzeit tauchen ganz bestimmte Berufstypen – der Schusterjunge, das Marktweib, der Budiker, der Straßenhändler – als Träger des Dialekts und des Dialektwitzes auf. Das Zille-Album von heute zeigt andere Typen; viele davon entstammen einem Lumpenproletariat, an dem gemessen Glaßbrenners Eckensteher Nante ein Grandseigneur ist.«

Als 1919 der Spartakusaufstand tobte, ließ der Chefredakteur der Zeitschrift Ulk (48. Jahrgang, Nr. 4) ein lyrisches Ick bibbern: »Ick trau mir jar nich hinzusehn!« Einige Monate später sollte Kurt Tucholsky seinen Kampf gegen die Harmlosigkeit des Blattes aufgeben, aber noch war er mittendrin: »Wenn ick mir so die Welt bekieke, / besonders die am Pankefluss, / den Straßenkampf mit Tanzmusike, / den Schiebetrott des Spartakus …«

Ende der 20er ging es kurz noch mal aufwärts mit der Ulk, für die dann zeitweise auch Erich Mühsam schrieb, der in dem Band mit drei Gedichten vertreten ist (»Der unentwegte Sozi«, »Leipziger Straße« und »Herbst 31«). Tucholsky bestritt derweil Kabarettabende im Keller von Max Reinhardts Schauspielhaus. Genau wie Klabund und Walter Mehring, von denen ebenfalls je drei Gedichte abgedruckt sind.

Wenige Wochen nach der Machtübergabe wurde im Frühjahr 1933 die Wilmersdorfer Künstlerkolonie ausgehoben, die der Volksmund als »Hungerburg« kannte. Noch vor Ort wurden Bücher verbrannt. Auch Jo Mihàly und Erich Weinert hatten hier gelebt. Von ihr überliefert der Band den »Bettelsong« (1929). Weinert ist gleich fünfmal vertreten. Seine im Krieg erschienenen Invektiven »jejen Joebbels und Konsorten« könnten dem gemeinen AfD-Wähler von heute ein Licht aufgehen lassen, wenn nur ein Docht da wäre: »Und jehste krumm und spuckste Blut, / Und ist dir noch so mies, / Verjiss det nich, du lebst dafür / In ’t Naziparadies! // (…) Dafür jehts denn die andern jut, / Wie Jöring, Krupp und Ley. / Und wat sich so als Führer fiehlt, / Wird dick und fett dabei. / Da hört der Wohlstand nich mehr uff, / Det funkzjoniert präzis! / Und darum heeßt det ooch mit Recht / Det Naziparadies!«

Antifaschistischer Kampfgeist ist unabdingbar geblieben, und da spricht es für den Band, dass einige Autoren dieser Zeitung in ihm vorkommen. Gisela Steineckert z. B. (»Hätt ick man lieber ...«, »Abfüllunk«, »Ick«). Oder Peter Wawer­zinek, Marco Tschirpke und Bert Papenfuß, die auch schon die Kolumne »Gedicht zeigen« bestückten. An diesem Wochenende zeigt die Kolumne den »berlinerischen Klassiker schlechthin« – die Herausgeber des Sammelbandes haben das titelgebende »Icke«-Gedicht in diesen Rang erhoben. Sie haben dankenswerterweise auch ermittelt, wo es zuerst erschienen ist. Wir haben es vermutlich dem großen Carl Einstein zu verdanken, einem Kulturphilosophen und Dichter, Spartakist der ersten Stunde. In der Jugend war er mit Benjamin aufgetreten, beide nahmen sich 1940 in den Pyrenäen auf der Flucht vor den Nazis das Leben.

Da nimmt es nicht Wunder, dass Benjamins Erwägungen über das Temperament des Berliners von dem Gedicht über einen Klopse essenden Icke ziemlich restlos bestätigt werden. »Die Schnoddrigkeit, die Schnödigkeit des Berliners, sie sind nicht nur die Folgen eines gottlosen Rationalismus, sondern vor allem anderen Ausdruck einer wunderbar trainierten Beobachtungsgabe. Seine innerste Haltung dem Leben gegenüber ist kontemplativ«, schrieb Benjamin. Und: »Sich im stillen wundern. Vielleicht hat keine Sprache, kein Dialekt eine solche Fülle von Ausdrücken für dies stille Staunen wie dieser.«

Thilo Bock, Wilfried Ihrig und ­Ulrich Janetzki (Hg.): Ick kieke, staune, wundre mir. Berlinerische Gedichte von 1830 bis heute. Andere Bibliothek, Berlin 2017, 472 S., 24 Euro

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