Aus: Ausgabe vom 12.08.2017, Seite 8 / Ansichten

Genie des Tages: Tim Renner

Von Anselm Lenz
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»Das werden mir die Linken nie verzeihen« – Tim Renner versuchte 127 Jahre Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz als Nischenprojekt abzutun. Und will nun auf dem Schulz-Ticket in den Bundestag.

Ich finde es legitim, wenn Menschen sagen: Tim Renner ist scheiße. Das muss ich als Politiker aushalten können«, resümiert der frühere Kulturstaatssekretär Berlins, vormalige Musikkonzernmanager und heutige SPD-Bundestagskandidat in Berlin-Wilmersdorf bei der Vorstellung seiner Wahlplakate gegenüber dem Tagesspiegel vom Freitag. Er verstehe sich auf eine »warme, emotionalisierte Ansprache«, fügte er hinzu. Was soll er auch sagen. Was ihm derzeit bleibt, ist die Methode »Tod durch Umarmung«. Im März bekam er für seine Politik bei der Premiere eines Musikfilms über seine Lieblingsband Rammstein ein Bier über den Kopf geschüttet. Erwartet hatte er Liebe. Doch als früherer »Punk« müsse er das aushalten.

Mit Nehmerqualitäten ausgestattet ist Renner sicherlich. Punk oder Müßiggänger war er nie. Zugute halten kann man dem Karrieristen vielleicht, dass seine Selbstwahrnehmung als Genie und »kreativer Zerstörer« eine Zeitlang etwas grotesk Harmloses an sich hatte – bis er im Wahlkampf sagte, er genieße es, vor EU-Fahnen zu posieren: Als Deutscher habe man ja lange nach einem Ersatznationalismus suchen müssen.

In Berlin hat sich Renner im Kampf um Weltrang verspekuliert: Jeder, der nur etwas Ahnung von der Materie hat (oder jemanden kennt, der jemanden kennt, den man mal fragen könnte), konnte wissen, dass Renners in einer Flughafenlounge in L. A. getroffene Entscheidung, den Galeristen Chris Dercon zum Intendanten der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin zu machen, kaum gegen Publikum und Fachkreise durchzudrücken sein würde. Denn sie bedeutet die Auflösung der eigenständigen Produktion. »Das werden mir die Linken nie verzeihen«, wähnte sich Renner noch vor kurzem in Sicherheit, ganz so, als handle es sich um eine folkloristische Provinzposse. Das ist es nicht – und jeder weiß es.

Inzwischen beruft sich Renner auf die letzte Ölung und biblische Motive: Lenkte eine unsichtbare Hand seine Wege?

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