Aus: Ausgabe vom 12.08.2017, Seite 6 / Ausland

Die Guam-Option

Nordkorea reagiert auf Trumps Drohungen und fasst US-Pazifikinsel für einen Angriff ins Auge

Von Knut Mellenthin
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Dunkle Wolken ziehen auf: Ein Badestrand auf der Pazifikinsel Guam, dessen lokaler US-Militärstützpunkt in das Visier Nordkoreas geraten ist

Nordkorea reagiert auf die sich steigernden Kriegsdrohungen der US-Regierung. Die Streitkräfte der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK) prüfen zur Zeit die Option, als »ernsthaftes Warnsignal« an Präsident Donald Trump vier Mittelstreckenraketen in Richtung Guam abzuschießen. Das geht aus einer Erklärung des Befehlshabers der Strategischen Streitmacht der DVRK, General Kim Rak Gyom, hervor, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Die Raketen sollen in einem internationalen Seegebiet aufschlagen, das 30 bis 40 Kilometer von der Pazifikinsel entfernt ist, auf der sich wichtige Militäranlagen der USA befinden. Die in Erwägung gezogene Maßnahme solle zugleich dazu dienen, »unserer Bevölkerung Siegeszuversicht und Mut einzuflößen«. Der Plan werde dem Staats- und Parteichef Kim Jong Un Mitte August zur Entscheidung vorliegen.

Vorausgegangen war dieser Ankündigung eine Eskalation der Ereignisse. Am Sonnabend hatte der UN-Sicherheitsrat einstimmig die bisher schärfsten Sanktionen gegen Nordkorea beschlossen. Sie verbieten der DVRK die Ausfuhr von Kohle, Eisen, Fisch und Blei. Untersagt wurden darüber hinaus die Gründung neuer Joint Ventures oder die Vergrößerung bestehender Joint Ventures. Nach Expertenschätzungen verliert Nordkorea dadurch aufs Jahr gerechnet rund eine Milliarde Dollar, ein Drittel seiner externen Einnahmen.

Die Strafmaßnahmen des Sicherheitsrats werden mit den jüngsten Raketentests am 4. und am 28. Juli begründet. Aus Sicht der US-Regierung gilt es als großer diplomatischer Erfolg, dass Russland und China zum Mitmachen veranlasst werden konnten. Beide Staaten bestreiten seit Jahren die Wirksamkeit der Sanktionen gegen die DVRK und erklären sie für geradezu kontraproduktiv, tragen sie jedoch immer wieder im Sicherheitsrat mit.

Am Dienstag veröffentlichte die ­Washington Post eine Zusammenfassung angeblicher neuer Erkenntnisse des militärischen Geheimdienstes der USA, DIA (Defense Intelligence Agency). Sie sollen aus einem Geheimdokument vom 28. Juli stammen. Die von der Tageszeitung zitierten Behauptungen widersprechen den bisher bekannten Einschätzungen: Angeblich verfügt die DVRK schon jetzt über die Fähigkeit, »miniaturisierte« Atomsprengköpfe zu bauen, die mit Raketen abgeschossen werden könnten. Außerdem könne Nordkorea bis zu 60 Atomwaffen besitzen. Das wären dreimal so viel wie die bisherigen Höchstschätzungen.

Vielleicht durch diesen Bericht aufgeputscht, entglitt dem US-Präsidenten am Dienstag bei einer improvisierten Pressekonferenz in seinem Golfklub wieder einmal die Rhetorik. Er werde den Nordkoreanern, falls sie sich weiter »drohend« verhielten, »mit Feuer und Zorn und, offen gesagt, mit einer Schlagkraft begegnen, wie die Welt sie noch nie zuvor gesehen hat«. Am Mittwoch sprachen nordkoreanische Medien erstmals unbestimmt von der Möglichkeit, Raketen in Richtung der Pazifikinsel abzuschießen.

Ob die US-Regierung wirklich in nächster Zeit Militärschläge gegen Nordkorea plant, ist ungewiss. Anzeichen sprechen dafür, dass der Hauptzweck bis auf weiteres darin besteht, China unter Druck zu setzen und zum Mittragen einer Isolationspolitik gegen die DVRK zu drängen. In einem Leitartikel der englischsprachigen chinesischen Zeitung Global Times, der die Regierungspolitik widerzuspiegeln scheint, werden beide Seiten vor »Fehleinschätzungen« gewarnt, die zum Krieg führen könnten.

Vor allem aber liefert der Artikel einen Hinweis auf Chinas Handlungstendenzen. So wird gefordert, China müsse verdeutlichen, dass es im Falle eines Angriffs durch Nordkorea auf die USA »neutral« bleiben werde, selbst wenn die US-Regierung danach »Vergeltung üben« würde. Sollten hingegen die USA den Erstschlag ausführen und versuchen, »das nordkoreanische Regime zu stürzen und die politische Struktur der koreanischen Halbinsel zu verändern«, werde China sie daran hindern.

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