Aus: Ausgabe vom 12.08.2017, Seite 4 / Inland

Shakespeare und die Mauer

Zum 56. Jahrestag des Beginns des Berliner Grenzwallbaus

Von Matthias Krauß
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Mensch vor Mauer mit Schirm überm Kopf (August 2013)

Glaubenssätze heißen so, weil sie nun einmal nicht zur Debatte stehen. Der 13. August 1961 ist in solche Sätze gleichsam eingemauert. Dieses Datum hat als das ultimative Beispiel für Bosheit und Menschenverachtung der DDR zu gelten. Zwischentöne sollen keine Chance bekommen, aber schon Shakespeare wusste: »Nichts auf der Welt ist so gut, dass sein falscher Gebrauch nicht schädlich wäre, und nichts ist so schlecht, dass die Menschen nicht doch einen Nutzen daraus zögen.«

Die Ereignisse um den Tag des Beginns der Errichtung des Grenzwalls mitten durch Berlin waren keine bloße Idee des DDR-Politbüros, sondern fußten auf einem Beschluss aller europäischen sozialistischen Staaten, den sie in Moskau gefällt hatten. Auch Polen und Ungarn hatten der »Sicherung der Staatsgrenze« in der DDR zugestimmt. Dieser überaus problematische Schritt beendete eine Situation, die für die Gesellschaft der DDR nicht mehr hinnehmbar war. Sabotage und Spionage hatten die DDR in den 50er Jahren – je nach Quelle – zwischen 30 und 100 Milliarden Dollar gekostet. Seit 1949 war es trotz der Abwanderung Hunderttausender in einer beispiellosen Qualifizierungsanstrengung gelungen, in allen Bereichen der Volkswirtschaft mehr Akademiker und Ingenieure zur Verfügung zu haben – mit Ausnahme des medizinischen Bereichs. Wenn man die Zahl der Ärzte 1949 als 100 Prozent annimmt, so war man 1961 bei 91 angekommen. Dabei hatten die DDR-Universitäten in diesem Zeitraum etwa 20.000 Mediziner ausgebildet.

Sicher: Die Freizügigkeit kann als sittliches Grundprinzip gelten. Das Recht aller Bürger, nach einem Unfall oder bei Krankheiten medizinisch betreut zu werden, ist aber auch ein sittliches Prinzip. Und der Schutz einer Gesellschaft vor Braindrain, der Abwanderung von Fachkräften, nicht minder. Ein Staat, der unter den hier angedeuteten Zwängen handelt, kann – so oder so – nicht gut aussehen. Was die heutige Aufarbeitungsindustrie aber verschweigt: Es gab 1961 in der DDR-Bevölkerung breite Zustimmung für die Grenzabriegelung. Fast alle renommierten Künstler und selbst der heutige DDR- und Kommunistenhasser Wolf Biermann befürworteten sie zum Teil lautstark.

Muss man dennoch von den Opfern sprechen? Natürlich. Aber glaubwürdig wären Deutschlands »Aufarbeiter« nur, wenn sie den Tausenden, die in der gleichen Zeit allein für die Aneignungs- und Machtinteressen der BRD mit dem Leben bezahlt haben, ein ähnliches Gewicht geben würden wie den nach neuesten Zahlen 140 »Mauertoten«. Und wenn sie auch gelegentlich erwähnen würden, dass Millionen DDR-Bürger ins Ausland gereist sind und dass zwischen 1961 und 1989 rund 486.000 von ihnen mit genehmigtem Ausreiseantrag in die BRD übergesiedelt sind – ohne Gefahr für Leib und Leben. Die rund 35.000 vom Westen »freigekauften« Häftlinge sind da noch nicht einmal mitgezählt.

Was heute ebenfalls keine Rolle mehr spielt: Die Grenze zwischen DDR und BRD war die Grenze zwischen zwei Weltsystemen, deren Zentren in Washington bzw. Moskau lagen. Die standen einander feindlich gegenüber und hatten mit Atomwaffen aufeinander angelegt. An eine solche Linie kann man als Mensch, der bei Verstand geblieben ist, nicht dieselben Maßstäbe anlegen wie an die zwischen Frankreich und der Schweiz.

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