Aus: Ausgabe vom 10.07.2017, Seite 15 / Politisches Buch

Erfolgreicher Aufstand

Die Sklaven Haitis erhoben sich 1791 gegen ihre französischen Besatzer. Philipp Hanke hat einen Einführungsband geschrieben

Von Gerd Bedszent
Haiti 1791.jpg
Bildete den Auftakt für die Unabhängigkeit Lateinamerikas: die Sklavenrevolte in Haiti 1791 (zeitgenössische französische Darstellung)

Über die einzige erfolgreiche Sklavenrevolte der Neuzeit, den Aufstand der Plantagenarbeiter in der französischen Kolonie Saint Domingue, der heutigen Republik Haiti, ist viel geschrieben worden. Die bürgerliche Romanliteratur des 19. Jahrhunderts – unter anderem auch Victor Hugo und Heinrich von Kleist – nahm den Aufstand als entsetzliches Ereignis wahr, als Einbruch der Barbarei in den sich zivilisierenden Kapitalismus. Erst spät befleißigte man sich einer differenzierten Darstellung, begriff die frühkapitalistische Sklaverei und den trans­atlantischen Menschenhandel als eigentlich barbarisch. Bahnbrechend war das 1938 erstmals erschienene und 1984 in der DDR in deutscher Übersetzung herausgebrachte Werk »Die schwarzen Jakobiner« des aus der karibischen Inselwelt stammenden linken Publizisten C. L. R. James.

Inzwischen hat die Forschung deutliche Fortschritte gemacht. Philipp Hanke schildert in »Revolution in Haiti« nicht nur die entsetzliche Grausamkeit der damaligen Sklavenwirtschaft. Gegenstand des Buches ist auch die unterschiedliche Interessenlage der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in der damaligen Kolonie. Die verschleppten Afrikaner wollten dem für sie unerträglichen Arbeitszwang auf den Plantagen entrinnen. Die gesamte Geschichte der neuzeitlichen Sklaverei war durchzogen von Revolten und Fluchtversuchen. In verschiedenen Kolonien, zum Beispiel auf Jamaika und in Brasilien, bildeten sich in unzugänglichen Regionen Gemeinden entflohener Sklaven, die kleinbäuerliche Wirtschaften betrieben und sich gegen Zugriffe der Sklavenhalter wehrten. Die Revolte in Haiti hatte ihren Ursprung in einer solchen Massenflucht.

Es gab eine Schicht privilegierter, meist schon im Lande geborener Sklaven. Diese hatten nichts gegen die Plantagenwirtschaft, wollten aber ihre persönliche Freiheit. Eine Mischbevölkerung, sogenannte Kreolen, besaß Plantagen und hielt Sklaven, war aber rassistisch diskriminiert. Und die wegen ihrer Hautfarbe privilegierten Franzosen waren gespalten in schwerreiche Großgrundbesitzer und solche, die es gern werden wollten.

Wie Hanke sehr gut beschreibt, polarisierte der Beginn der Revolution sowie die Ausrufung der Menschenrechte im französischen Mutterland in der kolonialen Bevölkerung. Die französischen Plantagenbesitzer forderten entweder die Unabhängigkeit ihrer Inselhälfte oder eine Annexion durch Großbritannien. Die schwarzen Sklaven brannten immer mehr Plantagen nieder, flüchteten in die Berge und ließen sich von den in der östlichen Inselhälfte sitzenden Spaniern militärisch aufrüsten. Republikanisch gesonnen waren hauptsächlich die besitzenden Kreolen, die sich von einer Umsetzung der Menschenrechtserklärung das Ende der rassistischen Diskriminierung erhofften.

Die gesamte Historie der Sklavenrevolte kann nun hier nicht wiedergegeben werden. Hanke beschreibt jedenfalls ausführlich, dass die französische Republik trotz aller hochtrabenden Erklärungen anfangs nicht gesonnen war, die Knechtschaft zu beenden, da man das Ende der Plantagenwirtschaft und damit des günstigen Imports von Kolonialwaren fürchtete. Das Bündnis mit den Abteilungen der Aufständischen und die Aufhebung der Sklaverei erfolgten erst unter dem militärischen Druck von Monarchisten und der britischen Interventionsarmee. Und als der frischgebackene Diktator und spätere Kaiser Napoleon zwecks Wiederherstellung der Sklaverei eine ganze Armee nach Haiti entsandte, waren es die ehemaligen Geknechteten unter Führung schwarzer Generäle, die die Unabhängigkeit der Inselhälfte erstritten.

Die siegreiche Sklavenrevolte war, wie Hanke sehr richtig schreibt, ein Fanal, bildete den Auftakt für die Unabhängigkeit Lateinamerikas, das Verbot des Sklavenhandels durch Großbritannien und für die Jahrzehnte später vom kapitalistisch entwickelten Norden erkämpfte Aufhebung der Sklaverei in den USA. Mehr allerdings nicht. Der Autor schafft es im letzten Kapitel auch nicht ansatzweise, die Resultate der erfolgreichen Revolte in Haiti selbst auf den Punkt zu bringen: Die Sklaverei samt rassistischer Diskriminierung der nichtweißen Bevölkerung war zwar beseitigt, die Ökonomie der Plantagenwirtschaft – gegen heftige Widerstände – jedoch beibehalten worden. Kreolische Plantagenbesitzer und schwarze Generäle lieferten sich in der Folge erbitterte Machtkämpfe; das Land zerfiel vorübergehend in zwei Teile, wurde zum Spielball diverser Großmächte.

Hanke bemüht sich im letzten Kapitel, die (historische nachgewiesenen) Massenmorde an in Haiti verbliebenen Resten der französischen (weißen) Bevölkerung zu bagatellisieren. Dass sich die neu entstandene nichtweiße Oberschicht in diesem Zusammenhang die Ländereien der vertriebenen oder massakrierten Franzosen aneignete, kommt bei ihm nicht vor. Außerdem sieht er als Ursache für die derzeitige wirtschaftliche Unterentwicklung Haitis lediglich die damals von Frankreich erzwungenen Entschädigungszahlungen. Entscheidend für die weitere Entwicklung der Ökonomie Haitis war jedoch, dass das Land durch Beibehaltung der Plantagenwirtschaft seine Rolle als Lieferant von Agrarprodukten zementierte – und damit auch seine extreme Abhängigkeit vom kapitalistischen Weltmarkt.

Philipp Hanke: Revolution in Haiti. Vom Sklavenaufstand zur Unabhängigkeit. Papyrossa Verlag, Köln 2017, 158 S., 13,90 Euro

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