Aus: Ausgabe vom 10.07.2017, Seite 11 / Feuilleton

»Die Sixties sind unsere Klassik«

Über Beach Boys und Silicon Valley, Soul-Punk und Stubnmusi-Elektro. Gespräch mit der Band Sound of Money

Interview: Reinhard Jellen
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»Was sollen wir da antworten?« (Booklet-Cover, Ausschnitt)

The Sound of Money heißt ihr als Band. Das ist ja schon mal eine Ansage. Aber welche?

Den Namen gibt es ungefähr seit 2000. Er entstand, als wir im Tourbus nach einem Auftritt unserer anderen Band Die Moulinettes die Gage zählten. Geld hat ja wirklich einen spezifischen Klang. Zu der Zeit war der Westen auf dem »all time high« seines Selbstbewusstseins, und unsere Idee war souveräne, glamouröse Punk-Disco, so was wie die Fratze des Kapitalismus. Unsere erste Platte »Throw Money!« hatte Texte wie »Make Love Not War / Who could ask for more? / But Make Love Not Money / That one’s not even funny« oder »So now I’m so much better than you / You are the citizens of happiness«, gesungen im emphatischen Morrissey-Stil. Die passen heute noch gut, das zweite Textbeispiel ist ja »pure Donald«, darum spielen wir die Songs auch noch live. Der Bandname ist schon immer noch sehr okay. In Schweden könnte er bald so ein hippes Vintage-Flair kriegen, da gibt’s ja kaum noch Bargeld.

Und nun also, 15 Jahre nach dem Debüt, schon die zweite Platte! In dem Zeitraum hatten sich die Beatles längst wieder aufgelöst.

Logisch, Zeit ist unser Geld. In der Hinsicht sind wir längst Milliardäre.

Der Albumtitel schraubt sich in beträchtliche Höhe: »More? Why Not! – An Anagrammatic Exorcism of the 60s«. Zäumen wir dieses Pferd mal von hinten auf: Wofür stehen »the 60s«?

Die Sixties sind unsere Klassik. Das Wahre, Schöne und Gute. Von dort kommen unsere Wünsche und Träume, dorthin kehren sie noch heute immer wieder zurück: Gegenkultur, sexuelle Befreiung, Selbstermächtigung, neue Kollektive, Ich-Auflösung, Guerilla-Kampf … Inzwischen ist das zu Alpträumen mutiert: Cyber-Neoliberalismus, Kalifornisches Selbstoptimierungsdenken, Rot-Grüne Koalition, Ich-AGs, »15 Minutes of Fame« für Amokläufer und Selbstmordattentäter. Blöd gelaufen, andere Utopien haben wir leider nicht.

Wie genau hat man sich den Exorzismus dieser klassischen Epoche vorzustellen? Als Fan des Films »Der Exorzist« (1971) interessiert mich das besonders.

Naja, genau wie im Film: Erst versucht man, den Dämon zu triezen, ihm seine Geheimnisse zu entlocken. Wenn er sich dann offenbart hat, aber nicht verschwinden will, opfert man sich um der unschuldigen Kindlein Willen, holt ihn in sich hinein – und wirft sich durchs Fenster auf die Straße.

Wie entlockt man dem Sixties-Dämon seine Geheimnisse? Da kommt das »Anagrammatische« ins Spiel, nehme ich an.

Ja, das ist so eine Art Schamanentechnik, um die Geister zum Sprechen zu bringen, nur wirft man eben nicht Knochen in die Luft, sondern Buchstaben. Als quasimagische Sixties-Objekte haben wir zwölf Titel von Lieblingsplatten aus diesem Jahrzehnt unserem Geiger Martin Lickleder mit seiner leichten Anagramm-Obsession vorgeworfen, und der hat die Buchstaben dieser Titel zu zwölf neuen Songtiteln umgebaut.

»Pet Sounds« beispielsweise, das Chef d’œuvre der Beach Boys, hat sich in »Nude Spots« (Nacktbadestrände) verwandelt.

Das haut natürlich bezaubernd hin: Aus der Platte der Beach Boys, deren Kopf Brian Wilson ja panische Angst vor dem Strand hatte, wird ein schwules Duett über schüchterne Anbandelversuche am Nacktbadestrand. 1967 – im Jahr des »Summer of Love«, dessen Jubiläum wir mit der Platte auch feiern – wurde in Kalifornien mit dem San Gregorio Beach tatsächlich der erste Strand dieser Art in den USA eröffnet. Der Text erzählt also von sexueller Befreiung, in der aber bereits der Keim der Kommodifizierung des Körpers unter dem selbstterroristischen Fitness-Regime steckt.

Funktioniert das immer so eins zu eins: der Anagramm-Song als kritischer Kommentar zum Ausgangsalbum?

Zum Glück nein, das wäre etwas fade und proseminarmäßig. Lustiger ist es ja, wenn es so richtig kreuz und quer geht. Zum Beispiel wird »The Young Mods’ Forgotten Story«, eine wunderschöne Soulplatte von den Impressions, zu »You Got the Song From Rotten Syd« über Syd Barrett, der das erste Pink-Floyd-Album »The Piper At the Gates of Dawn« geprägt hat; das wiederum wird zu »Tiger T – Death Happens to a Few« über einen frühen Computernerd, der die Freiheit sucht und zu Bill Gates wird. Da gibt eins das andere – und das gilt natürlich umso mehr für die Musik. Die Produktion war ein herrlich freies Assoziieren zwischen allen Stilen, Disco-Folk, Soul-Punk, Space-Bossa-Nova, HipHop-Glamrock, Stubnmusi-Elektro … Wenn man eben den ganzen Scherbenhaufen der Popgeschichte durchschüttelt, bis es absurd komisch wird.

Bleibt die Frage: Wenn all diese sauer gewordenen 60er-Jahre-Utopien glücklich exorziert sind – wo nehmen wir dann neue gute Aussichten her?

Was sollen wir da antworten? Wir sind ja eben erst voll bis zum Scheitel mit Sixties durchs Fenster gesprungen. Aber die Platte heißt nicht nur »More? Why Not«, weil das ein Anagramm unseres ersten LP-Titels »Throw Money!« ist. Eine Utopie ist doch immer ganz einfach: Schönheit in der Kunst. Ganz klassisch, ha! Etwas, das mit seinem Gelingen die ungelungene Wirklichkeit herausfordert! Neulich zum Beispiel wieder mal ein altes Queen-Konzert gesehen: Man kann das mögen oder nicht, aber was Freddie Mercury da inszeniert und wie er dabei so erkennbar restlos glücklich ist – das ist gelebte Utopie!

The Sound of Money: »More? Why Not! – An Anagrammatic Exorcism of the 60s« (BB*Island), live am 22. August im Theatron Seebühne Olympiapark in München

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