Aus: Ausgabe vom 10.06.2017, Seite 10 / Feuilleton

In diesem Bassin der Spiegel

»Schwestern« nach Tschechow als Tanztheaterstück bei RambaZamba in Berlin

Von Anja Röhl
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»Man sieht durch das Schweigen hinter die Dinge«

Die Zuschauer sitzen um eine Art leeres Schwimmbecken herum. Der Boden ist eine Spiegelfläche. In der Mitte Spielerinnen aus dem Ensemble des Berliner Theaters RambaZamba, zu dem Menschen mit Down-Syndrom gehören. Sie liegen ineinandergeknäuelt als ein riesiger Körper mit Armen, Händen, Beinen. In schlangenartigen Bewegungen schälen sich allmählich drei Frauen heraus. Entfernt erinnert ihr langsamer Tanz an diese Splitter im Kaleidoskop, die auseinanderfallen und sich zu immer neuen Mustern zusammensetzen. Begleitet wird er von sphärischen Elektroklängen und so etwas wie Papierraschelmusik aus einer Ecke der golden glitzernden Spiegelfläche, in der ein gelber, grauhaariger Mann inmitten eines gelben Bücherstapels Buchseiten bekritzelt oder Papier zu Schnipseln zerreißt. Ausdruckskunst höchster Qualität, gänzlich ohne Worte, und das in einem Stück nach Anton Tschechows »Drei Schwestern«.

Es ist eine schöne Abwechslung, die Langeweile der Schwestern einmal so dargeboten zu bekommen. Man sieht durch das Schweigen hinter die Dinge, sieht in den getanzten Bildern Trauer, Sehnsucht, Streben, Scheitern, Vergeblichkeit, Aufbruch, Niedergeworfensein. Die Farben gedämpft, erdfarben, ein wenig schwarze Spitze, ein wenig goldener Glitzer, dazu todernste Gesichter und die große Spiegelfläche, die schwarze Decke schluckend. Eine Tänzerin gehört zu den Menschen ohne Behinderung, sie wird umkreist von den zwei anderen, beobachtend, nachahmend, bewundernd. Dann springt ein Mann in die Gruppe, zerstört das schöne drei-einsame Spiel, geht ab und hinterlässt ein Baby. Die Mittlere herzt das Baby, die beiden anderen umkreisen sie erneut, umschlingen sie, umkriechen sie, bilden mit ihr und neben ihr Figuren, in denen sich ihre Körper auflösen, um sich neu zu finden. Bald greifen die beiden nach dem Baby, zerren an ihm, entreißen es der Mitspielerin. Es ist, als seien die drei Frauen für immer dazu verdammt, sich in diesem Bassin der Spiegel zu belauern, zu bekriegen, sich einzig miteinander zu beschäftigen, in Liebe, Hass, als Schmeichelnde, als Ungeheuer. Den Menschen mit Down-Syndrom werden auch ihre Babys entrissen, jeden Tag, per Gesetz. »Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich«, heißt es im Programmheft, »aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär’ man nie dabeigewesen«.

Ein starkes Tanztheater, mit dem die RambaZambas mal wieder bewiesen haben dass sie eine große Bühne bieten auch für ernste, traurige Themen.

»Schwestern«, Regie: Jacob Höhne, 15. bis 17. Juni, 19 Uhr, Theater Ramba­Zamba in der Kulturbrauerei Berlin

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