Aus: Ausgabe vom 10.06.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Die »ersten Opfer«

Regierung in Manila lockert den im Zuge der Krise um Katar verhängten Ausreisestopp von Arbeitsmigranten in das Emirat

Von Thomas Berger
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Vorbereitung auf Fußball-WM 2022: Eine von zahllosen Baustellen in Doha, auf denen auch Tausende Filipinos jobben

Eine schnell wachsende Metropole an der Ostküste einer kleinen Halbinsel am Persischen Golf, die aussieht wie ein Wurmfortsatz, der aus dem südlich gelegenen Nachbarland Saudi-Arabien entspringt: Doha, aus dem trockenen Wüstensand gestampfte Stadt aus Beton, Stahl und Glas wäre ohne Hunderttausende Arbeitsmigranten, vor allem aus dem Mittleren und Fernen Osten, nicht existent. Und vor allem nicht ohne die immensen Erdgasvorkommen dort. Letztere haben das Emirat Katar zum weltgrößten Exporteur von Flüssiggas und die Herrschenden steinreich gemacht. Seit fast einer Woche steht der Kleinstaat im Zentrum eines politischen und wirtschaftlichen Machtkampfes der Region. Nachbarstaaten werfen der herrschenden Monarchie der Al-Thani-Sippe Unterstützung des Terrorismus vor und haben ein umfassendes Embargo, ja fast eine Blockade, gegen den Kleinstaat verhängt. Das hat auch Auswirkungen Tausende Kilometer weiter östlich auf die Philippinen.

200.000 Filipinos in Katar

Der südostasiatische Inselstaat hatte nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten gegenüber Katar zunächst einen kompletten Stopp seines »Arbeitskräfteexports« in das Golfemirat verfügt. Weder philippinische Beschäftigte, die sich gerade auf Heimaturlaub befinden, sollten nach Katar zurückkehren, noch neue Migranten ihre Reise antreten. Begründet wurde der Erlass durch den Chef der Arbeitsverwaltung, Silvestre Bello mit einer sich verschärfenden Versorgungslage. »Wir wissen, dass Katar seine Nahrungsmittel nicht selbst produziert. Sollte die Versorgungslage schlecht werden und Unruhen ausbrechen, wären unsere OFWs (Oversees Filipino Workers) definitiv die ersten Opfer«, wurde Bello in diversen philippinischen Medien zitiert.

Offiziell sind momentan 141.000 seiner Landsleute, in Katar beschäftigt. Da die staatliche Kontrolle der Vermittlungsfirmen aber nicht lückenlos funktioniert, wird real von etwa 200.000 Filipinos im Wüstenemirat ausgegangen, um die sich die eigene Regierung angesichts der neuen, angespannten Lage nun Sorgen macht. Einige Zeitungen sprechen mit Verweis auf Zahlen des Außenamtes in Manila sogar von bis zu 250.000 Personen, die in und um Doha tätig seien.

Verhaltene Reaktion

Nach der überraschenden Entscheidung am Dienstag nahm die Behörde den Erlass aber am Mittwoch zumindest teilweise zurück. Bello hatte inzwischen mit Vertretern in Katar Rücksprache gehalten und sich versichern lassen, dass die Situation dort derzeit noch keine bedrohlichen Anzeichen einer etwa auftretenden Versorgungskrise zeige. Seit Mittwoch dürfen damit jene Beschäftigten, die bereits in Katar tätig waren, wieder zu ihren Jobs zurückkehren. Auch jene, die bereits eine Arbeitsstelle sicher und alle Papiere beisammen haben, dürften den Flug nach Doha antreten – der jetzt einige Umwege wegen der Luftraumsperrung nötig macht – hieß es. Suspendiert bleibt die Ausreise vorerst weiter für alle, deren Dokumente sich noch im Prozess der behördlichen Prüfung befinden. Zudem wurde das Philippine Overseas Labor Office (POLO), die Verbindungsbehörde in Doha, beauftragt, einen Vorrat an Versorgungsgütern für eine etwa eintretende Verschärfung der Lage anzulegen. Die saudiarabische Zeitung Arab News zitierte mehrere befragte philippinische Arbeitsmigranten, die bereits in den Läden vor halbleeren Regalen gestanden hätten.

Für die Verantwortlichen im südostastiatischen Inselstaat ist es eine schwierige Abwägung, die sie zu treffen haben. Nicht nur die einzelnen Familien, sondern auch der Staat selbst ist auf die Überweisungen der im Ausland Beschäftigten angewiesen. Von den zehn Millionen Filipinos, die in aller Welt arbeiten, sind gut zwei Millionen allein in den Golfstaaten beschäftigt. Das Spektrum reicht vom Bausektor bis zur den zahlreichen Frauen, die meist als Haushaltshilfen angestellt sind. Allein die Heimatüberweisungen dieser Arbeitsmigranten aus Nahost beliefen sich im vergangenen Jahr auf umgerechnet 7,6 Milliarden US-Dollar (6,8 Milliarden Euro).

Andere Länder, die viele Einwohner als Arbeitsmigranten in Katar haben, reagierten zurückhaltender. Das betrifft nicht nur die südasiatischen Staaten, sondern auch Ägypten, das zu jenen zählt, die das kleine aber immens reiche Emirat gerade zu isolieren versuchen. Um die 350.000 ägyptischen Arbeitsmigranten im Emirat macht sich die Regierung Al-Sisi in Kairo aber noch keine Sorgen.

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