Aus: Ausgabe vom 12.05.2017, Seite 11 / Feuilleton

Zwischen Traum und Realität

Die Western, die Büffel und die Konzerne: Ray Davies von den Kinks ist wieder da – mit dem Konzeptalbum »Americana«

Von Helge Buttkereit
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Letztlich geht es Davies doch immer wieder um das eine: um die großen Konzerne, die alles überdecken

Nun ist er also Sir Ray Davies. Weiter nach oben geht es nicht für einen Briten, zumindest was die Auszeichnungen angeht. Prinz Charles hat den einstigen Sänger, Songwriter, Bandleader der Band The Kinks im März zum Ritter geschlagen. Dabei ist Ray Davies, der mit seinem Bruder Dave vor mehr als einem halben Jahrhundert den Hardrock mitbegründet hat (»You Really Got Me«, »All Day and All of the Night«), eigentlich der Mann der zweiten Reihe. Auch wenn die Kinks eine der wichtigsten britischen Bands der sechziger Jahre waren, so standen sie immer hinter den Beatles, den Rolling Stones oder auch The Who, die ihre Karriere im übrigen mit einem Kinks-Riff begannen. Das hat nicht zuletzt mit ihrem Auftrittsverbot für die USA zwischen 1965 und 1970 zu tun, das auf einen Streit mit der US-amerikanischen Musikergewerkschaft zurückging und die Band auf dem Höhepunkt der »British invasion« vom US-Markt abkoppelte. Spätestens seitdem war das Verhältnis zu den USA zwiegespalten. Und ist es immer noch, wie man auf »Americana« merkt, einem Album über Amerika, das Ray Davies jetzt mit 72 Jahren vorlegt. Es ist sein erstes Soloalbum seit zehn Jahren.

Ohne die Einflüsse aus den USA, ohne den großen Blueser Big Bill Broonzy und die vielen anderen Musiker des Rhythm and Blues sind die Kinks wie die gesamte britische Beat- und Rockszene der 1960er Jahre undenkbar. Während des Auftrittsstopps in den USA besann sich Ray Davies auf seine regionalen Wurzeln, schrieb Konzeptalben über das Leben auf dem Land und in der Vorstadt (»The Village Green Preservation Society«, 1968), den Fall des Empires (»Arthur«, 1969) oder den totalen Staat (»Preservation«, 1972 und 1973) und 1970 den größten Hit der Bandgeschichte mit der Transvestitenhymne »Lola«. Als die Band kurz danach wieder in die Staaten durfte, hatte sie gerade ein contryeskes Album über London veröffentlicht, und die »Invasion« war vorbei. Die Kinks blieben zweite Reihe.

Ray Davies ist der vielleicht britischste aller britischen Songwriter. Seine Texte sind oftmals sentimental, suchen nach den sogenannten alten Werten, nach echten Kontakten und dem wirklichen Leben. Er beobachtet die Welt durch das Fenster, wie es im Kinks-Klassiker »Waterloo Sunset« heißt. Er will sich nicht gemein machen mit der Mittelmäßigkeit und ist doch der Prototyp des Kleinbürgers, sein Leben findet im Dazwischen statt. Zwischen der High-Society, mit der er es durch seinen Erfolg zu tun bekam, und der Arbeiterklasse, aus der er stammt. Er schrieb immer wieder neue Lieder, beispielsweise für zwei Soloalben vor gut zehn Jahren, ließ diese auf Konzerten aber immer wieder von den alten Mitklatsch- und Mitgröhlhits rund um »Lola« verdrängen. Er schrieb über sein Leben und seine Lieder verwickelte Bücher – eines davon ist Grundlage des aktuellen Albums – und erfolgreiche Musicals. Und dann lud er in den vergangenen Jahren einen Chor sowie bekannte Musiker ein, seine Hits mit ihm zu singen – diese CDs mussten nicht sein. »Americana« dagegen ist ein durchaus bemerkenswertes Konzeptalbum geworden.

Davies hatte sein Trauma des Jahres 2004, als er in New Orleans auf offener Straße von einem Handtaschendieb angeschossen wurde, bereits auf seinem letzten Soloalbum verarbeitet. Auf »Americana« geht es jetzt um Western, die er als Jugendlicher liebte, um den Wunsch, dort zu leben, wo die Büffel umherstreifen. Wie oft in seinen Liedern verwischen sich Traum und Realität, wodurch er seinen eigenen Standpunkt immer wieder verdunkeln kann. Aber letztlich geht es doch immer wieder um das eine: Ray Davies schreibt über die großen Konzerne, die alles überdecken, keine Individualität mehr zulassen, die die Liebe unmöglich, unfassbar machen. Und er schreibt Geschichten.

In »The Deal«, dem vielleicht eingängigsten Titel des neuen Albums, nimmt er die Position des Aufsteigers ein, der jede Menge Deals macht, Teil des realen amerikanischen Traums wird und nicht mehr weiß, worum es wirklich geht: »It’ll be wonderful, marvelous / Feeling really fake / Feeling so faboulous, fraudulent / A counterfeit on the make.« Am Ende darf dann eine kleine Reminiszenz an einen Kinks-Song der 1980er Jahre (»How Are You«) nicht fehlen, wie ohnehin an mehreren Stellen des Albums bekannte Texte und Riffs durchscheinen. Manchmal deutlich wie bei »You Really Got Me«-Zitaten, manchmal nur für Eingeweihte erkennbar, wenn Ray Davies den Refrain eines unveröffentlichten Musicaltitels aus den 1980ern wieder aufgreift.

Ray Davies schreibt immer noch großartige Geschichten. Für deren musikalische Untermalung hat er eine perfekte Band gefunden. The Jayhawks lassen die Songs frisch erklingen, bringen eine zusätzliche Prise Amerika ins Londoner Studio sowie mit Karen Grotberg eine Keyboarderin und Sängerin, die einen Song fast alleine bestreitet. Es gibt etwas Britpop, ein wenig Rock, Folk und Country und Töne aus der britischen Music Hall. Für »The Great Highway« leiht sich Ray Davies das berühmte Riff von »Louie Louie«, auf dem auch »You Really Got Me« beruhte, noch einmal aus. Diese Songs sind, für sich genommen, keine Drei-Minuten-Geniestreiche wie die großen Kinks-Hits der 1960er Jahre, aber sie sind ein Alterswerk, das die Klasse des großen Singer-Songwriters Ray Davies erneut zeigt. Pardon, die von Sir Raymond Douglas Davies.

Ray Davies: »Americana« (Sony/Legacy)

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