Aus: Ausgabe vom 11.05.2017, Seite 11 / Feuilleton

Welche Seife bist du?

Max Zorn legt auf: Volker Schlöndorffs nicht mehr ganz frische »Rückkehr nach Montauk«

Von André Weikard
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Verdacht auf Schilddrüsenunterfunktion: Stellan Skarsgård

Volker Schlöndorff, Godfather of Literaturverfilmung, hat mit Ende 70 ein Büchlein seines verstorbenen Freundes Max Frisch aus dem Regal gegriffen, um es für die Leinwand nachzuerzählen. »Montauk« hat es in sich. Ingeborg Bachmann erkannte sich darin wieder, fühlte sich hintergangen, missbraucht, ausgebeutet. Stoff für Generationen von Literaturforschern. Nichts für Schlöndorff. Der erfand lieber seine eigene Erzählung und freute sich, »dass gar kein Rechtevertrag (mit dem Buchverlag) notwendig wurde«. Geblieben ist bloß die Konstellation: Schriftsteller arbeitet sich an gescheiterter Beziehung mit Exfreundin ab. Und der Spielort: Montauk. Ein Ausflugsörtchen in den noblen Hamptons, zwei Autostunden von New York City.

Die Dialoge stammen nicht vom Könner Frisch, sondern von Schlöndorff und Koautor Colm Tóibín. »Ich hab’s nie ganz überwunden«, sagt er. Und sie darauf: »Niemand kommt je über irgend etwas hinweg.« Dann schweigen die beiden. Die Handlung ist schnell erzählt. Der nicht mehr ganz frische Schriftsteller Max Zorn (Stellan Skarsgård) kommt zur Promo für sein neues Buch nach New York, wo er zufällig an seine ehemalige Geliebte Rebecca (Nina Hoss) erinnert wird, der er fortan hinterherdackelt. Die Staranwältin mit drei zotteligen Rassekatzen (Crosby, Stills and Nash – wie die Folkrockband) will von dem Schal- und Cordsakkoträger zunächst nichts wissen. Er: »Was, wenn eine deiner Katzen stirbt?« Sie: »Keine von ihnen stirbt.« Bedeutungsvolles Schweigen.

Im Fahrstuhl darf er dann mal an ihr schnuppern. Und wir erfahren, dass die Seife, die er so mag, extra für sie gemacht wurde. Von zwei Lesben. Sie zur Erklärung: »Sie sprechen mit dir und sagen dir, welche Seife du bist.« Er ungläubig: »Welche Seife du bist?«

Es fällt schwer zu entscheiden, welcher Charakter der uninteressantere ist. Der Schriftsteller, der im schwarzen Rolli leicht gebeugt einer Verflossenen hinterherschlurft, oder die versnobte New Yorkerin mit ihren zusammengekniffenen Lippen. Die ereignislose Erzählung findet im Auto und bei Strandspaziergängen ihre Fortsetzung. Nach und nach entringen die beiden sich ein paar Geständnisse über ihre Trennung vor 17 Jahren. Er zeugte ein Kind mit einer anderen. Sie liebt einen, der mittlerweile tot ist (der wiederum liebte Schach, Minimal Art und Jazz). Und dann erinnern sich beide an eine Fischsuppe, die sie zusammen aßen. Sie: »Wenigstens hausgemacht.« Er: »Wir sind alle hausgemacht, und das ist vielleicht das Schlimmste an uns.« Bedeutungsvolles Schweigen.

Ihr schicker Mercedes, von dem jede Armatur und beide Kotflügel so opulent in Szene gesetzt werden, als habe der Autobauer den gesamten Dreh bezahlt, bleibt im Sand stecken. Ein bisschen wie die Geschichte. »Mit dir habe ich nie rumgemacht«, sagt sie, bevor die beiden rummachen. Im Anschluss berichtet sie, per Hypnose in den Körper ihres sterbenden Ex versetzt worden zu sein: »Ich war in Markus in dem Moment, als er starb, fühlte, was er fühlte«. Er nimmt noch einen Anlauf: »Wir könnten wieder zusammenleben so wie damals.« Mit bekanntem Ergebnis: »Wir haben nie zusammengelebt.« Bedeutungsvolles Schweigen.

Blechtrommler Schlöndorff hat mit »Rückkehr nach Montauk« ordentlich danebengehauen. Nina Hoss erwischt die dankbarere Rolle und meistert ihren Part als unterkühlte, verbitterte Diva einigermaßen würdevoll. Stellan Skarsgård wirkt von sich selbst gelangweilt, Verdacht auf Schilddrüsenunterfunktion. Wie soll man aber auch mit einem Drehbuch fertig werden, das einem Sätze in den Mund liegt wie: »Das ist es, was ich nie an dir verstehen konnte.« Antwort: »Du hast nie irgend etwas an mir verstanden.« Aus Gewohnheit hält dieses Paar Händchen, verabschiedet sich schließlich artig. Rebecca muss zurück ins Büro, Max zu seiner Freundin. Die ist nicht mehr im Hotelzimmer. »Hallo, hier ist Clara«, grüßt ihre Mailbox. »Wer mich liebt, hinterlässt eine Nachricht.« Max Zorn legt auf. Als er später beichtet, will sie’s genau wissen: »Hast du sie gefickt?« Er: »Es ging nicht um Sex ... Vielleicht aber doch.« Bedeutungs... – Sie wissen schon.

»Rückkehr nach Montauk«, Regie: Volker Schlöndorff, D/F/Irland 2016, 106 min, Kinostart heute

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