Aus: Ausgabe vom 29.04.2017, Seite 7 / Ausland

Den Angriff üben

USA verlegen Tarnkappenbomber nach Estland. Provokation Russlands geleugnet. Verärgerung über polnische Regierung

Von Reinhard Lauterbach
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Fahnen Estlands, der USA und der NATO wehen am Dienstag auf dem Luftwaffenstützpunkt Amari zur Begrüßung der F-35

Die USA haben Anfang der Woche zwei Tarnkappenbomber des Typs F-35 nach Estland verlegt. Die beiden Maschinen sollten dort einige Wochen »mit den Verbündeten üben«, deren »Besorgnisse ausräumen« und sich »mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut machen«. Zu denen gehört neben der geringen räumlichen Ausdehnung des Landes, die eine sehr genaue Navigation erforderlich macht, offenbar insbesondere das Austesten der russischen Frühwarnsysteme. Es ist das erste Mal, dass die F-35 außerhalb der USA stationiert werden. Normalerweise sind sie im weiträumigen US-Bundesstaat Utah stationiert. Nach dem Einsatz in Estland sollen sie nach Rumänien weiterverlegt werden und auch dort für »Beruhigung« sorgen.

Es gehört zum Geschäft, dass die westliche Seite über den Zweck dieser Übungen durch widersprüchliche Aussagen gezielt Unklarheit verbreitet. Offiziell hieß es bei der NATO, der Einsatz stehe »nicht im Zusammenhang mit aktuellen Ereignissen«. Dagegen brachte ein Informant des Senders CNN den Ausflug der Tarnkappenbomber nach Estland mit den jüngsten Flügen russischer Aufklärer entlang der Küste von Alaska in Verbindung. Zitierte das Wall Street Journal am Mittwoch einen US-Militär mit der Aussage, das russische Radar solle »gekitzelt« werden, berichtete eine andere US-Quelle unter Berufung auf einen Militärsprecher, man wolle »vermeiden, dass Russland den Einsatz missversteht«.

Dort versteht man den Zweck der »Übungen« aber offenbar durchaus. Generalstabschef Waleri Gerasimow sagte am Mittwoch in Moskau, die NATO sei dabei, entlang der russischen Grenzen Angriffsoptionen auszubauen. Im ganzen Baltikum würden vorhandene Flugplätze und Häfen ausgebaut, es würden Lager für Nachschubgüter aller Art angelegt, um diese schon vor einem »heißen« Konflikt frontnah stationieren zu können. Das sei provokativ und erhöhe die Gefahr unbeabsichtigter Zwischenfälle, so Gerasimow. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die verbale Zurückhaltung der US-Vertreter. Im Moment, wo der Kräfteaufbau der NATO in Osteuropa noch nicht vollendet ist, sollen offene Provokationen der russischen Seite wahrscheinlich noch vermieden werden.

In diesem Zusammenhang verdient ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe des polnischen Magazins Polityka Aufmerksamkeit. Von der US-Panzerbrigade, die im Januar mit großem politischem Theater im niederschlesischen Zagan willkommen geheißen wurde, habe inzwischen ein großer Teil das Land wieder verlassen. In Polen sei nur der Stab und die Logistikabteilung verblieben; die Kampfeinheiten seien bereits bataillonsweise nach Rumänien und Bulgarien weiterverlegt worden. Die US-Soldaten seien zudem mit den schmalen polnischen Straßen und ihren scharfen Kurven nicht zurechtgekommen und hätten anfangs reihenweise Unfälle produziert. Die polnische Hoffnung, durch die Präsenz der US-Truppen zum vollwertigen Frontstaat zu werden, sei jedenfalls enttäuscht worden. Das Magazin zitierte auch US-Militärs, die unter Wahrung der Anonymität, aber sicher nicht ohne Genehmigung, ihre Verärgerung darüber äußerten, dass die polnische Seite die Soldaten ohne Sinn und Zweck über Stunden herumstehen lasse, um langatmige politische Reden polnischer Offizieller für das heimische Publikum anzuhören. Der US-Viersternegeneral Curtis Scaparotti habe »aus Achtung vor den Soldaten« anschließend explizit auf seine eigene vorbereitete Ansprache verzichtet.

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