Aus: Ausgabe vom 25.04.2017, Seite 1 / Titel

Grande Dépression

Faschistin und Wirtschaftsliberaler gewinnen Wahl in Frankreich: Macron und Le Pen in der zweiten Runde

Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Enttäuscht: Anhänger von Jean-Luc Mélenchon am Wahlabend

Kein Wunder, kein Paukenschlag, dafür breite Enttäuschung und Ernüchterung: Frankreichs politische Linke hat den ersten Durchgang zur Präsidentschaftswahl am Sonntag verloren, keiner ihrer Kandidaten wird bei der Stichwahl am 7. Mai dabei sein. Gewonnen haben Emmanuel Macron und seine wirtschaftsliberale Bewegung »En Marche!« mit 23,86 Prozent der gültigen Stimmen sowie die Führerin des faschistischen Front National (FN), Marine Le Pen, mit 21,43 Prozent. Das entspricht im Kern dem, was die Demoskopen seit Wochen vorausgesagt hatten. Geirrt hatten sich die Umfrageinstitute lediglich bezüglich der Wahlbeteiligung. Sie lag mit 76,21 Prozent relativ hoch – die Meinungsforscher hatten eine Enthaltung von bis zu 40 Prozent befürchtet.

Le Pen und Macron werden sich in zwei Wochen den rund 44 Millionen wahlberechtigten Franzosen zur zweiten Runde stellen. Verlierer sind – neben der Linken – auch die Rechtskonservativen des ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Dessen früherer Ministerpräsident François Fillon, Kandidat der »Les Républicains«, schied mit 19,94 Prozent aus. Die bürgerliche Rechte nimmt somit zum ersten Mal seit Bestehen der Fünften Republik nicht an der Stichwahl teil. Fillon, der im Dezember und Januar mit Umfragewerten von mehr als 35 Prozent und als haushoher Favorit ins Rennen um die Präsidentschaft gegangen war, verlor die Wahl letztlich im sogenannten moralischen Bereich: Er hatte seine Familie mit Scheinbeschäftigungen im Parlament und Gehältern aus der Staatskasse in Höhe von mehr als 800.000 Euro versorgt. Seine politische Karriere gilt seit Sonntag als beendet.

Der Parti Socialiste (PS), der mit François Hollande seit 2012 den Staatschef stellte, landete mit seinem Kandidaten Benoît Hamon weit abgeschlagen auf dem fünften Platz. Nahezu die gesamte Parteirechte, an erster Stelle Hollande und sein früherer Premierminister Manuel Valls, hatte nicht etwa ihren Kandidaten Hamon unterstützt, sondern war direkt zu Macron abgewandert oder hatte zumindest zu dessen Wahl geraten. Hamon, der den linken Flügel des PS anführt, stand am Ende alleine da. Die sechs Prozent der Stimmen, die ihm noch blieben, hätte der einzige »echte« linke Kandidat, Jean-Luc Mélenchon, gut gebrauchen können.

Mélenchon, hinter dem sich auch die französischen Kommunisten versammelt hatten, blieb mit 19,62 Prozent nur der vierte Platz. Das ist trotzdem ein beachtlicher Erfolg, auch wenn es zur Stichwahl nicht reichte. Der im Stil eines Volkstribuns auftretende Europaabgeordnete hatte von allen Kandidaten den besten und facettenreichsten Wahlkampf geboten. In Marseille, Lyon und in der Hauptstadt hatte er bei seinen Veranstaltungen zum Teil mehr als 100.000 Menschen auf die Straßen gebracht. In den vergangenen beiden Wochen war die Zustimmung für ihn um mehr als acht Prozentpunkte gestiegen. Tausende seiner Anhänger hatten, ebenso wie Stammwähler des Parti Socialiste, eine Allianz von Mélenchon und Hamon gefordert, ohne erhört zu werden. Damit bleiben beim zweiten Wahldurchgang auch der sozialdemokratischen Linken zum ersten Mal nur die Zuschauerplätze.

Alle Kolumnisten und Analysten der französischen Medien sehen, ebenso wie die Demoskopen, den Wirtschaftsliberalen Macron als Sieger des zweiten Durchgangs. Geschätzt werden seine Chancen auf rund 60 Prozent gegen 40 Prozent für Le Pen.

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