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Der Recher kommt!

Im Frühling geht der grün nicht wählende, aber wohnende Erdling in den Garten und fängt das Wullacken an. Dazu kleidet er sich sorgsam an; eine graue Jogginghose und blaue Gummiclogs zieren den Mann, der die Hortensie bislang nur dem Namen nach kannte, und das auch noch falsch – »Hortensie? Was horten Sie?« – und ihr nun die letztjährigen vertrockneten Köpfe guillotiniert, damit ihr neue wachsen können.

Dann bedient er sich eines Rechens und beginnt zu harken; säckeweise harkt er altes Laub von den Beeten, das im Winter als Frostschutz diente und nun fort kann, auf dass frisches Grün sich entfalte. Die Beete werden durchgegrubbert, so dass der Boden luftig wird, der Rasen bekommt eine Stutzung verpasst, das aus der Kindheit verhasste Kantenschneiden wird, wie auch akustisches Terrorgerät wie Lautlaubbläser und Motorsense, selbstverständ- und geflissentlich weggelassen, und danach duftet und leuchtet das Grün in Prangen und Pracht.

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Nach dergestalt gestilltem Tatendurst schwingt der Jogginghosen-Gummiclogs-Mann den Rechen und steht, als Denk- und Mahnmal des coutureiellen Lebenstiefpunkts und gleichwohl von der besten Laune im Garten und ruft es in die Welt: »Ich bin’s, der Recher des Frühlings!«, entledigt sich seines Kleidungsersatzes, flutet ein Wannenbad, labt sich und denkt, wie schön es doch ist, dass der nächste Gartenfrühlingsbeginn wieder verlässlich ein ganzes Jahr lang auf sich warten lassen wird.

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.04.2016, Seite 11, Feuilleton

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