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Meistens immer

Einmal verliebte ich mich in eine Frau aus Essen und sie sich auch in mich. Die angehende Doktorin der Biologie lehrte mich viel: Dass es nicht »Bibliothek« heißt, sondern »Bibjothek«, dass »Reli­gion« in Wahrheit »Regjon« ist und dass es keine katholische »Kommunion« gibt, sondern eine »Kommjon«; dass man niemanden »über den Tisch zieht« beziehungsweise »übers Ohr haut«, sondern ihn allenfalls »über das Ohr zieht« oder »über den Tisch haut«; dass Ereignisse, Gefühle und Stimmungen nicht »meistens« oder »immer« stattfinden, respektive vorhanden sind, sondern »meistens immer«, und dass Nippes und anderer Krimskrams in Wirklichkeit »Stehrümchen« heißt, weil das Zeug ja rumsteht.

Gegenstände aller Art, Kleidungsstücke, Bücher, Papier et cetera, herumstehen und liegen zu lassen im einzelnen und äußerliche Disziplinlosigkeit im allgemeinen waren ihre Kardinalsdisziplinen. In der Kunst der Entropie war sie eine Großmeisterin: Maximal zwei Minuten, nachdem sie einen Raum betreten hatte, glich er einem Schlachtfeld. Diese ganz spe­ziel­le Mischung aus Persönlichkeit und rhetorischer Eigenart, aus dem schönen Wirrwarr von Chaos und Kosmos faszinierte mich derart, dass ich mich meiner Begeisterung nur zu gern anheim fallen ließ. Es ist nicht der Glaube, der Berge versetzt, es ist die Liebe. Jedenfalls meistens immer.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.02.2016, Seite 11, Feuilleton

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