Aus: Ausgabe vom 19.02.2016, Seite 11 / Feuilleton

Beruf Opfer. Der Dokfilm »Ost-Komplex« im Panorama

Von Grit Lemke

Mario Röllig ist von Beruf Opfer. Außerdem findet er den Kapitalismus knorke und verkündet beides landauf, landab in Schulen, an denen er von seiner dreimonatigen Haftzeit im Stasiknast berichtet. Wahr ist aber auch: Mario Röllig ist ein grundsympathischer Zeitgenosse und weit davon entfernt, seine Biographie zu verallgemeinern. Er ist begeistertes CDU-Mitglied, aber dort Außenseiter – nicht nur, weil er schwul ist, sondern auch auf Grund seiner nonkonformen Ansichten. Wider Erwarten gelingt Jochen Hick in »Der Ost-Komplex« das Kunststück einer differenzierten Betrachtung, deren viele Ebenen er geschickt nach und nach aufdeckt.

Er begleitet seinen Protagonisten auf dessen Zeitzeugen-Tourneen, wobei die stete Wiederholung deren Ambivalenz von routiniertem Polit-Tingeltangel und dennoch ehrlicher persönlicher Beteiligung deutlich macht. An Originalschauplätzen (wobei man auf ein paar wirklich überflüssige Bilder wie den unvermeidlichen Stacheldraht gut hätte verzichten können) erzählt Röllig seine Lebensgeschichte: klar, aber emotional und ohne je zu diffamieren. Die Integrität seiner Person und des Films beeindrucken.

Hick bewahrt freundliche Distanz, mit der er auch die ganze Absurdität des Kampfes um die Deutungshoheit aufzeigt. Immer wieder werden wir Zeugen, wie die Verfechter der These vom Unrechtsstaat DDR und Daueropfer auf ähnlich verbissene Altkommunisten und Stalinisten treffen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man es mit Horden verzweifelter Fanatiker auf beiden Seiten zu tun hat. Und dass die Erinnerungsmaschine neben Diskurs auch jede Menge unfreiwillige Komik produziert, z. B. wenn US-Studenten eine Pappmauer zu Fall bringen und danach mit ergriffenen Gesichtern und falschen Tönen die deutsche Nationalhymne anstimmen. Wir sehen, wie diese Narrative medial konstruiert werden, wenn ein Journalist Röllig in Hohenschönhausen fernsehgerecht als Opfer inszeniert – was dieser klar durchschaut.

Gleichzeitig macht Hick deutlich, dass hinter dem ganzen sich zwanghaft wiederholenden, albernen Laientheater und Politzirkus echte Menschen mit, privaten Dramen und eben auch realen Traumata stehen.

Unverzeihlich ist – neben der schrecklichen und komplett unnötigen Musik – die Entscheidung, alle (sehr guten) Fragen aus dem Off einzuspielen. Quasi als HErrgott über dem Erscheinen zu stehen, statt seinem Gegenüber situativ und auf Augenhöhe zu begegnen, ist eigentlich ein No-Go. Ansonsten aber schlägt sich »Der Ost-Komplex« tapfer auf jenem Schlachtfeld, das man Erinnerung oder Geschichte nennt.

»Der Ost-Komplex«, Regie: Jochen Hick, BRD 2016, 90 min, heute

Mehr aus: Feuilleton