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Aus: Ausgabe vom 02.11.2013, Seite 15 / Geschichte

»Berlin hat sein Judenpogrom gehabt«

In der Presse überwog die strikte Ablehnung und Verurteilung der judenfeindlichen Exzesse im Berliner Scheunenviertel. Allerdings gab es in konservativen Gazetten auch vielfach Verständnis dafür und für diejenigen, die sie angezettelt hatten.In fast allen Stadtteilen Berlins fanden zeitgleich Plünderungen von Geschäften statt, die zumeist spontane Handlungen notleidender Erwerbsloser waren. Diese unterschieden sich jedoch von den Ereignissen im Scheunenviertel in mehrfacher Hinsicht und waren nicht Bestandteil der stadtweiten Aktionen. Die Pogrome im Scheunenviertel dürfen daher nicht fehlinterpretiert werden:

Erstens richtete sich im Scheunenviertel die Gewalt zielgerichtet gegen eine präzise zu identifizierende Minderheit: die Ostjuden. Im Unterschied zu Plünderungen in anderen Stadtbezirken drangen die Täter in zahlreiche von Ostjuden bewohnte Häuser und Wohnungen ein, zerstörten Mobiliar und übten Gewalt gegen die Bewohner aus. Auf jüdische Passanten wurde eine regelrechte Menschenjagd gemacht. Hier schien es nicht – oder nicht in erster Linie – um den Diebstahl von Lebensmitteln zu gehen.


Zweitens hatte sich die Aktion keineswegs spontan entwickelt, sondern sie wurde geplant und verfügte über ihre eigene Logistik. Fahrradstreifen meldeten zum Beispiel anrückende Polizeikräfte, gaben Anweisungen weiter und meldeten die jeweils aktuelle Situation an offenkundig außerhalb des Scheunenviertels tätige, koordinierende Stäbe. Deshalb verdienen die Ereignisse im Scheunenviertel am 5. und 6. November 1923 die Bezeichnung »Pogrom«, so wie es der sozialdemokratische Politiker und Reichstagsabgeordnete Arthur Crispien in einem Leitartikel des Vorwärts formulierte: »Die antisemitische Saat ist nun in Berlin aufgegangen (…) Berlin hat sein Judenpogrom gehabt. Berlin ist geschändet worden. Eine Schmach für ein Volk, das sich zu den Zivilisierten zählt.«Reiner Zilkenat

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