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Aus: Ausgabe vom 14.05.2012, Seite 13 / Feuilleton

Ösi-Nischen

Von Stefan Schmitzer

Wein und Totalitarismus

Krems ist ein Städtchen in Niederösterreich, das trotz seiner nur Einwohner neben überraschend vielen Museen und Festivals auch über ein Literaturhaus verfügt, das wie für eine zehnmal größere Stadt konzipiert wirkt. Genau gegenüber steht der größte Knast Österreichs; dazwischen netterweise ein Mahnmal für die dort ermordeten antifaschistischen Widerstandskämpfer.



Aber hier geht es um das Literaturhaus, denn das war im März Schauplatz einer bemerkenswerten Schriftstellerkonferenz. Auf den Flyern stand, über einer stilisierten Fawkes-Maske: »Europäischer Frühling. Literatur im Brennpunkt der Revolte«. Die Lesungen, das Musikprogramm, die spärlichen Besucherzahlen und das obligatorische Networking-Saufen alles lag im Rahmen des Bekannten und Erwartbaren.



Weit über das Erwartbare hinaus ging jedoch, daß das insgesamt sechsstündige Diskussionspanel allen Ernstes Ergebnisse lieferte. Es ging um Politik in der Literatur, Literatur in der Politik, den Umgang mit dem Rechte-Tohuwabohu im Internet und der konkreten politischen Lage in den Heimatländern der Teilnehmer. Wobei schon deren Aufzählung reicht, um eine Vorstellung von dem speziellen Hund zu geben, der da begraben lag - also: Schweiz, Österreich, Slowakei, Ukraine, Ungarn, Serbien.



Die titelgebende Frage, ob irgendwo ein »Europäischer Frühling« nach Art des arabischen vorliege, ob er wünschenswert bzw. überhaupt machbar sei, führte langsam, aber angenehm deutlich, zu jener anderen Frage: »Wie hältst Du s mit der Totalitarismustheorie?« Oder einfacher: Auf welche weltanschauliche Seite soll sich Literatur stellen, wenn auf der einen Seite korrupte, mafiös organisierte Plünderer mit KP-Kaderschmieden-Hintergrund stehen (Ungarn, Slowakei), und auf der anderen Seite Populisten mit potentiell antiegalitärer »Freiheits«-Rhetorik? Wo bleibt da die als Resonanzraum für literarische Bemühungen unerläßliche »Zivilgesellschaft«? Und was kann Literatur, was soll die Person des Autors?



Daß da keine Einigkeit erzielt wurde, und daß auch diese obige Zusammenfassung des »Europäischen Frühlings« mehr über meine eigenen Sensibilitäten aussagt als über die Gesamtheit dessen, was da zur Sprache kam, wird in der Textsammlung zum Kongreß nachzulesen sein, die im Herbst in der Zeitschrift Podium erscheint. Gut möglich, daß diese Dokumentation als brauchbare Material- und Argumentensammlung lang nachwirkt.

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