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Warten auf »Zettel’s Traum« (19). »*xD_«

Von Jan-Frederik Bandel
Schafft man es einmal nicht, seine Post sofort zu beantworten, bilden sich rasch unansehnliche Stapel auf und um den Schreibtisch, im elektronischen Postfach dagegen rutschen die Nachrichten einfach immer weiter nach hinten, und erst wenn man mal Inventur macht, überfällt einen das schlechte Gewissen.

So verschwand auch eine Anfrage von Ende Mai, ob ich an einem sogenannten »Lektüre-Blog« zu »Zettel’s Traum« mitwirken wolle. Es sollten dort »neue, kreative, spielerische Lektüren« probiert werden, auch wolle man in eine Diskussion kommen, »die durchaus offen und kontrovers sein, aber konstruktiv und freundlich bleiben« solle.

Es mögen solche Formulierungen gewesen sein, die eine ebenfalls eingeladene Kollegin zur Nachfrage brachten: »Was ist das nun wieder?« Aber im postalischen Normalfall hätte ich bestimmt zugesagt, auch wenn nicht einmal mit dem so gern ironisch angebotenen »Gotteslohn« gelockt wurde.


Dennoch vermerkt die ansonsten noch leere Website www.schauerfeld.de 54 künftige Beiträger, darunter, wie schon die Einladung androhte, »namhafte« Literaturkritiker, aber durchaus auch unverächtliche Schreiber, man darf getrost gespannt sein. Daß man allerdings nur »konstruktive und freundliche« Kommentare durch den Filter lassen will, scheint mir fragwürdig, schließlich hat man doch eigens die Phrasen vom »Web 2.0« erfunden, um die neuen Kommunikationsformen im Netz zu erfassen, wofür freilich auch althergebrachte Begriffe zur Verfügung gestanden hätten: Pöbelei, Naseweisheit, Rechtschreibschwäche.

Als ich kürzlich für Zeit online eine Rezension zu einem Comic von Manu Larcenet schrieb, vertippte sich der Redakteur beim Basteln der Überschrift samt Teaser – und sofort triumphierte »IAmNeda«, der Autor wisse »anscheinend nicht einmal worüber er schreibt«, da der Zeichner im Text »immer wieder« falsch geschrieben werde. Was natürlich nicht der Fall war, aber da war der – vermute ich mal – Herr schon unterwegs zu comicforum.de, um dort seiner Entrüstung Luft zu machen. Auch die übrigen Kommentatoren mühten sich redlich, erreichten aber durchgängig nicht die Qualität eines durchschnittlichen Youtube-Kommentars wie »Ich mag das lied Nicht wircklich aber die anderen schon die sind KLASSE!!! weiter_ music !xD« Warum also nicht so über »Zettel’s Traum« debattieren? Ähnlich, wenn auch in anderen Worten, argumentieren Schmidt-Leser ohnehin gern, um zu begründen, daß sie »Zettel’s Traum« nicht gelesen haben. »*xD_«
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Erschienen in der Ausgabe vom 14.09.2010, Seite 12, Feuilleton

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