Zum Inhalt der Seite

Wolfgang Schmidt 70

Bevor Florian Henkel von Donnersmarck seinen Oscar-prämierten Film »Das Leben der Anderen« drehte, unterhielt er sich mit Wolfgang Schmidt, der zuletzt Leiter der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung XX des MfS gewesen war. Als Schmidt dann die Premiere erlebte, merkte er, daß er mal wieder benutzt worden war – als Alibi. Doch Schmidt glaubt unverändert, daß der Mensch gut sei. Jeder. Nur die Umstände deformieren ihn. Im Interview mit der jungen Welt übte er mit dem Regisseur Nachsicht. Er kann einfach nicht richtig böse sein. Besonders albern fand er die Donnersmarcksche Darstellung des Einsatzes von Prostituierten durch die Staatssicherheit, denn »die Sexualmoral im MfS war spießig. Wer fremd ging und es wurde bekannt, erhielt ein hochnotpeinliches Parteiverfahren. Wer sich auf intime Beziehungen mit einem IM einließ, wurde in aller Regel sogar aus dem MfS entfernt.« Unsinn auch: »Ein Mitarbeiter wird, weil er in der Kantine einen politischen Witz erzählt, strafversetzt in die Abteilung M, um Briefe ›aufzudampfen‹. Wenn dies so gewesen wäre, hätte das ganze MfS dort gearbeitet.«

1992 gründete Schmidt mit anderen das »Insiderkomitee zur Förderung der kritischen Aneignung der Geschichte des MfS «. Schmidt betreut seither die Homepage des Vereins (www.mfs-insider.de), auf die inzwischen an die zweihunderttausend Interessenten im Jahr zugreifen. Folgerichtig wird er regelmäßig von alten und neuen Gegnern mit Klagen überzogen. Mit der Justiz soll das erreicht werden, was man anders nicht vermag. Am heutigen Samstag wird er 70 Jahre alt. (jW)
junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 24.10.2009, Seite 12, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!