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»Antiterrorkrieg«: Blaupause Gaza

Von Arundhati Roy

* Die indische Schriftstellerin und Aktivistin Arundhati Roy war im September Gast des Internationalen Literaturfestivals in Berlin. In ihrer Eröffnungsrede hatte sie unter anderem vor der drohenden Militäroffensive der indischen Armee gewarnt:

Vor ein paar Wochen verkündete die indische Regierung, sie wolle 26000 paramilitärische Sicherheitskräfte in den Kampf gegen maoistische »Terroristen« in den dichten, an Bodenschätzen reichen Wäldern Zentralindiens schicken. (…) Die Operation – und so werden Kriege heute ja genannt – soll im Oktober beginnen, wenn der Monsunregen endet, die Flüsse weniger reißend und das Terrain besser zugänglich sind. Die Bewohner der Wälder, darunter die Maoisten, die sich als im Krieg gegen den Staat Indien begreifen, sind Stammesvölker, die Ärmsten der Armen im Land. Sie leben dort seit Jahrhunderten, ohne Schulen, Krankenhäuser, Straßen, fließendes Wasser. Sie leben, und das ist ihr ebenso so altes »Vergehen«, auf Land, das reich an Eisenerz, Bauxit, Uran und Zinn ist. Diese Rohstoffe sind es, an denen die großen Bergbauunternehmen Tata, Vedanta, Essar, Sterlite und andere hochinteressiert sind. (...)

Interessanterweise blockierte – unter anderem – Indien einen europäischen Antrag bei den Vereinten Nationen, die im Rahmen der jüngsten Offensive der Regierung Sri Lankas gegen die Tamil Tigers verübten Kriegsverbrechen zu untersuchen. Für die Regierungen Asiens ist Israels Blaupause in Gaza eine brauchbare Option im Umgang mit »Terroristen«: Die Medien fernhalten, den Gegner umzingeln und töten. Zwischen »Terroristen« und »Unschuldigen« muß dann nicht länger differenziert werden und die Empörung der internationalen Gemeinschaft angesichts eines solchen Vorgehens wird sich schnell wieder legen. (...)
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Wenn es uns nicht gelingt, ihn zu stoppen, werden im Oktoberkrieg zwei unterschiedliche Arten von Krieg konvergieren, die seit Jahrzehnten in Indien geführt werden: der »Antiterrorkrieg« der indischen Armee gegen die Völker von Kaschmir, Nagaland und Manipur und der Krieg um Rohstoffe und natürliche Ressourcen, ein Prozess, der auch gern als »Fortschritt« bezeichnet wird.


* Vollständiger Wortlaut: www.berlinonline.de/berliner-zeitung/kultur/138137/138138.php
Themen:
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Erschienen in der Ausgabe vom 24.10.2009, Seite 3, Schwerpunkt

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