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Ostberlin-Krise

Wer heute das alte Ostberlin sucht, der muß entweder alte »Polizeiruf 110«-Sendungen sehen oder tief nach Weißensee oder Pankow oder Lichtenberg reinfahren. Mitte und Prenzlauer Berg sind verloren, keine Frage. In dem Kurzfilm »Wessi go ­home!« führt Ralph Inka Gruber Interviews mit ausgewählten selbstredend semiverzweifelten Ureinwohnern des fast vollständig überteuerten und verschwachmateten Prenzelbergs. Unter ihnen ist auch Alexander Spree, der auf seinem Balkon eine Anekdote über seinen ersten Westkontakt zum besten gibt. Als Kind war er in einem Ferienlager in Bulgarien. Auf dem Nachttisch hatte er ein mühsam organisiertes Zehnerpack Westkaugummi zu liegen, von dem er sich jeden Tag einen genehmigen wollte. Ein Junge aus dem Westen fragte ihn, ob er auch einen haben könne? Aus Höflichkeit willigte Spree ein und wurde entsetzt gewahr, wie sich der Westjunge den gesamten Packungsinhalt in den Mund schob, kurz darauf rumkaute und dann wieder ausspieh.

Soviel zum Funktionieren von Freiheit und Abenteuer. Zum Schluß von »Wessi go home« wird sich jedenfalls in der Kneipe bewaffnet.


Läuft heute um 18 Uhr in der Berliner Brotfabrik am Caligariplatz in Weissensee. Außerdem wird der anrührende Kurzfilm »Applaus für Stalin« von Jörg Broksch gezeigt. Sekt gibt es obendrein. Musik macht Alexander Spree, eines der letzten nichtkommerziellen Ostberliner Künstlergenies. Der singt wie Otto Reutter am Klavier, kann aber auch Pornorap. Auf Youtube mal »Tourette« ansehen – ein Schlag ins Gesicht des westlichen Imperialismus. (jW)
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Erschienen in der Ausgabe vom 18.09.2009, Seite 12, Feuilleton

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