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Leserbrief zum Artikel Reden ist Silber: Klassismus vom 22.03.2021:

Richtig, aber unwahr

Es ist gut und sehr gut, dass die Aneignung des Begriffes »sozial schwach« durch einen jW-Autor neulich per qualifiziertem Leserbrief (»Erst das Fressen«) scharf und deutlich zurückgewiesen wurde. (...) Die Wahrhaftigkeit gebietet es aber zu betonen, dass der jW-»Klassismus«-Autor sich den Begriff »sozial schwach« eben nicht im Sinne des faschistischen und bis heute landläufig breit benutzten Begriffes »asozial« angeeignet hat, wie speziell ich es aus einem vielleicht situationsbedingt verständlichen, aber eben doch unter meiner eigentlichen (Euch durchaus auch hier und da bekannten) intellektuellen Kompetenz bleibenden Reflex suggerierte! (...) Ich kann weder meiner Mutter zum 8o. Geburtstag ’nen fetten Blumenstrauß schicken noch eigentlich Freunde mit mit Geld bestückten Glückwunschkarten bedenken noch mich auch nur zum verbilligten, vom Doktor gewährten Sozialtarif (75 statt 100 Prozent ...) an den Kosten für Traueranzeigen beteiligen – ich tue es trotzdem, aber diese sozialen Handlungen zu begehen bedeutet dennoch, entweder mittlere Verbrechen zu begehen (z. B. auch die verbilligte Gebühr für das Onlineabo der jW dieser nicht pünktlich, sondern mit Verzug im Monatsverlaufe zu überweisen) oder aber – kommt vor – nichts anderes zu fressen als Toastbrot mit Margarine schon ab dem 10. Ich bin in meinen sozialen Handlungen eingeschränkt, kann auch weinenden, ja auch blutenden Bettlerinnen allenfalls freundliche Worte, aber kein Geld geben – tat ich es trotzdem, dann unter Missachtung der zweiten Satzhälfte des Bertolt-Brecht-Befehls: »Keinen verderben lassen – auch sich selber nicht ...« Und in eben dieser realen Auffassung bin ich durchaus »sozial schwach«, und es ist dies, was der jW-Autor nicht im geringsten in abwertender, sondern in unleugbar objektiver Absicht mit seinem Beibehalten des Begriffs benennen wollte. »So und nur so« (Ernst Thälmann) konnte seitens des jW-Autors der marxistischen Leitmaxime »Revolutionär ist zu sagen, was ist!« entsprochen werden. Das tut der humanen Intention der Leserbriefschreiberin zum »Klassismus«-Artikel keinen Abbruch, ich würde aber hinter speziell meinem Erfahrungswissensstand unlautererweise zurückbleiben, tät’ ich ihren Vorwurf an den jW-Autor nicht mindestens mit einem Wort des ehemaligen Kanzlers Helmut Kohl begegnen, das der mir unvergessene Kabarettist Dieter Hildebrand zu Lebzeiten 1993 auf der Anti-»Asylkompromiss«-Demonstration in Bonn verhohnpiepelte und das da dennoch anwendbar lautete: »Das ist richtig, aber nicht wahr!«
Ronald Brunkhorst, Kassel
Veröffentlicht in der jungen Welt am 08.04.2021.
Weitere Leserbriefe zu diesem Artikel:
  • Erst das Fressen ...

    Gerhard Henschel tut so, als wäre er der letzte Verfechter des guten Sprachgeschmacks. Und dann geht er allen Ernstes her und verteidigt den Begriff »sozial Schwache«? Der kommt aus der gleichen Neusp...
    Heidrun Jänchen