Aus: Ausgabe vom 17.02.2017, Seite 11 / Feuilleton

Eine Wiederaneignung

Motiv: Bücher und ältere Herren. »Those Who Make ...« und »Strange Birds« (Sektion »Forum«)

Von Peer Schmitt
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»Eine Komödie der Selbstabschaffung« (Lolita Chammah in »Strange Birds«)

Wer bekommt zur Zeit von allen Seiten das dickste Fett weg, wer ist immer wieder schuld an aller Misere? Anscheinend doch die Eltern und Großeltern, die »68er«, die Leute, die bestimme Bücher zwar wenigstens noch gelesen, aber auch nicht besonders gut verstanden hatten, die Dieter-Kosslick-Generation, wenn man so will.

Sehr heftige Vorwürfe an die ältere Generation, völlig versagt und sich verdammt bequem eingerichtet zu haben, sind in dem kanadischen Aufruhrepos »Those Who Make Revolution Halfway ...« der kaum eine Überraschung scheuenden Sektion »Generation« nicht eben selten. Das Paradox, dass man dabei den formalen und politischen Vorbildern der angeklagten älteren Generation – in diesem Fall z. B. die Werke von Chris Marker und Guy Debord, Werke der kompromisslosen Verweigerung – so einiges, wenn nicht beinahe alles schuldig ist, bleibt dabei nicht aus. Dieser Film ist so gesehen auch die Geschichte einer Wiederaneignung. Insbesondere der Wiederaneignung von Text. Längere Textpassagen von Aimé Césaire bis Rosa Luxemburg spielen eine gewichtige Rolle. In einer der Schlüsselszenen des Films ist es ein Buch mit Schriften von Rosa Luxemburg in französischer Übersetzung, das zum Objekt wird, dem alle Widersprüche aufgebürdet sind.

Das Buch liegt scheinbar zufällig in einem Bordell herum. Aber natürlich ist nichts daran zufällig. Das Buch ist den ganzen Film über von einer Protagonistin gelesen worden. Sie gehört zu den vier Bewohnern einer linksradikalen Kommune in Montreal, von der dieser Film im wesentlichen handelt. Sie ist eine Transsexuelle, die in einem Massagesalon als Prostituierte arbeitet und mit dem dort verdienten Geld die in der Kommune anfallenden Rechnungen bezahlt.

Die Prostitution ist universell, so weit so gut. Was aber, wenn der grundsätzlichen Verletzung noch die beiläufige Demütigung und Beleidigung hinzugefügt wird? Dann ist irgendwann Schluss mit lustig.

Zunächst sieht man, wie die Prostituierte von einem älteren Freier gefickt wird. Danach geht sie duschen und macht sich bereit für den nächsten Kunden. Der Freier zieht sich indessen an und findet besagtes Buch, blättert darin, liest flüchtig daraus vor und schwafelt, wie er es damals, als er noch jung war, politische Illusionen hatte usw., gelesen hat. Die Prostituierte wird den penetranten Typen einfach nicht los. Er will selbst Rosa Luxemburg in eine obszöne Sentimentalität verwandeln (in der vom Freier zitierten Passage geht es zudem um die bekannte hedonistische Seite Luxemburgs, ihre vielzitierte »innere Heiterkeit«). Sie schmeißt den Typen schließlich raus, beschließt danach aber, die belastende Sexarbeit endgültig zu kündigen. Der zynisch sentimentale alte Sack war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ohne die Einkünfte aus der Prostitution geht es mit der Kommune allerdings bergab. Rechnungen müssen schließlich doch bezahlt werden.

Ruinen einer Amour fou zwischen »dem älteren Herrn und dem schönen Mädchen« (Titel einer Erzählung von Italo Svevo) dann in dem französischen Forumsbeitrag »Strange Birds« von Elise Girard. Der Film erfindet ein postapokalyptisch urgemütliches Paris, in dem die Wohnungswände weiterhin sehr dünn sind und die Beischlafgeräusche der Mitbewohner entsprechend störend, die Buchantiquariate reich an Schätzen, jedoch arm an Kunden. Frisches Gemüse aus Tschernobyl ist im Sonderangebot zu haben, und nebenbei fallen ständig tote Vögel vom Himmel. Der Bär könnte los sein, statt dessen geschieht ausgiebig wenig.

Irgendwie gerät die Heldin (Lolita Chammah; Tochter von Isabelle Huppert) an einen allwissenden, aber maulfaulen und offenbar sehr wohlhabenden älteren Buchhändler (Jean Sorel). Man unterhält sich über die Vorzüge und Schwächen des Werkes von Marguerite Duras und die vielen Unmöglichkeiten, von denen man umstellt ist. Die Zeiten sind unangenehm apathisch geworden. Der ältere Herr hat zudem eine dunkle Vergangenheit als politischer Verschwörer und Terrorist. Die korsische Mafia hatte vielleicht auch die Hände im Spiel. Alte Mitverschwörer schauen mal kurz vorbei und fallen vor Schwäche so beiläufig um wie die Vögel vom Himmel.

Dieser Film ist eine Komödie der Selbstabschaffung. Wiederholt wird eine mögliche Filmhandlung angedeutet, aber jeder Ansatz von Entwicklung oder Erklärung gleich wieder abgebrochen. Die totale Ironie führt halt zu totaler Paralyse. Die großen Vorbilder älterer Generation bleiben unerreichbar (oder haben sich längst aus dem Staub gemacht). Unmöglich, sowas wie »Hiroshima, mon amour« vielleicht als »Fukushima, mon amour« noch mal hinzukriegen, vielleicht aber wenigstens eine sanfte Exzentrik, ein drolliges Postskriptum.

»Those Who Make Revolution ...« siehe oben, 18.2.

»Strange Birds«, Regie: Elise Girard, Frankreich 2016, 70 min, 17.2.

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