Aus: Ausgabe vom 17.02.2017, Seite 11 / Feuilleton

Keine halben Sachen

»Those Who Make ...« (Sektion »Generation 14plus«)

Von Robert Best
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Wer nur eine halbe Revolution macht, hat sich sein eigenes Grab gegraben. So etwa lässt sich der Titel dieses kanadischen Spielfilms in der Sektion »Generation 14plus« übersetzen. Er beginnt mit den Massenprotesten gegen die Erhöhung von Studiengebühren im »Ahornfrühling« 2012 in Quebec. Höhepunkt war die größte Demonstration aller Zeiten in der kanadischen Provinz (mehr als 200.000 Teilnehmer). Wie üblich bei Studentenprotesten, flauten sie mit den nächsten Ferien ab. Der Film zeigt die Radikalisierung einzelner, nimmt sich Zeit für Schlüsselszenen. Bei einem familiären Abendessen eskaliert ein Streit zwischen arrivierter Alt-68er-Generation und rebellierender Jugend, Blut fließt.

Für vier Figuren gibt es kein Zurück mehr an den Tisch ihrer Eltern. Ab jetzt keine halben Sachen mehr. Sie bilden ein revolutionäres Splitterquartett. Man lebt und liebt miteinander, hantiert mit Molotowcocktails und Briefumschlägen, liest Rosa Luxemburg und macht Action Painting. Die politische Ausrichtung ist klar. Details klärt man gemeinsam, entschieden wird im Konsens.

Eine grundlegende Erkenntnis der Kommunarden: Die Menschen sind unglücklich, wissen es aber nicht, Stichwort Verblendungszusammenhang. Eine andere: Die Verhältnisse, unter denen wir leben, sind unmenschlich. Wer sich nicht gegen sie auflehnt, unterstützt sie. Und wer sie unterstützt, ist mitschuldig an ihnen. Diese klaren Schlüsse führen bei den vieren in den bewaffneten Kampf. Sie müssen sich gegenseitig Halt geben, weil alle sozialen und materiellen Pfeiler in der Außenwelt weggebrochen sind. Natürlich droht die Gruppe sich selbst zu zerfleischen. In Sachen revolutionäre Disziplin ist man erbarmungslos. Sehr schnell machen sich einzelne der Nostalgie oder Abweichung schuldig. Strafe: Schläge mit der eigenen Faust ins Gesicht.

Starke Gesten und erfrischende Ideen verleihen diesem Film politische wie künstlerische Relevanz. Auch das formale Selbstbewusstsein spricht für sich: die Laufzeit von drei Stunden, die schwarze Leinwand zu Beginn, eine lange, punkrockunterlegte Pinkelpause. Die Regisseure Mathieu Denis und Simon Lavoie haben Interviews mit Leuten geführt, die beim Ahornfrühling 2012 dabei waren. Der Film ist zum einen Teil Empirie, zum anderen Projektion. Diese verlängert jene ins Radikale.

»Those Who Make Revolution Halfway Only Dig Their Own Graves«, Regie: Mathieu Denis, Simon Lavoie, 183 min, Kanada 2016, 18.2.

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