Aus: Ausgabe vom 17.02.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Gegenwind für Stahlriesen

Betriebsrat von Tata Steel in den Niederlanden gegen Fusion mit Thyssen-Krupp. Jobvernichtung befürchtet, Streit um Pensionslasten

Von Gerrit Hoekman
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Rote Zahlen auf der Insel: Bereich des Tata Stahlwerks bei Rotherham in Großbritannien

Der Betriebsrat von Tata Steel Nederland in IJmuiden lehnt eine Fusion zwischen den Stahlsparten des indischen Multi und Thyssen-Krupp ab. Das teilte die Arbeitervertretung am Mittwoch in einem Schreiben an die Belegschaft in den Niederlanden mit. »Tausende Jobs werden verloren gehen«, warnt der Betriebsrat und verweist auf die gleichen Befürchtungen unter den Arbeitern von Thyssen-Krupp, mit denen sich die niederländischen Kollegen solidarisch erklären. Auch die IG Metall und der Betriebsrat von Thyssen-Krupp kritisieren das beabsichtigte Joint Venture scharf.

Während Tata Steel in den Niederlanden im Moment eine gute und rentable Vorstellung abliefert, hat der Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp bekanntgegeben, dass ein großer Deal nötig sei, um die Profitabilität in Deutschland zu verbessern«, erklären die niederländischen Arbeitervertreter. Sie fürchten, dass sich das rosige Klima in IJmuiden bei einem Techtelmechtel mit dem deutschen Konzern schnell ändern könnte.

»Es ist deutlich, dass Thyssen-Krupp probiert, die Rentenverpflichtungen aus der Stahlabteilung in das neue Joint Venture einzubringen«, zitiert das Financieele Dagblad den Betriebsratschef Frits van Wieringen. Eine Zusammenarbeit sei keine Lösung und werde »die Probleme in den Niederlanden nur vergrößern«. Darüber hinaus habe das Essener Unternehmen nach gründlich missratenen Geschäften in Brasilien und Nordamerika erhebliche Schulden bei den Banken. In Brasilien hatte sich der Stahlkonzern mit einem neuen Werk verkalkuliert.

Auch Tata Steel muss kämpfen. Zwar fährt der Konzern in den Niederlanden Gewinne ein, aber in Großbritannien schreibt er tiefrote Zahlen. Nun will der indische Mutterkonzern auch die Briten in die Gewinnzone bringen. Einige verlustreiche Teile sind bereits verkauft worden. In das Stahlwerk im walisischen Port Talbot will Tata Steel aber noch fünf Jahre investieren und für diese Zeit eine Arbeitsplatzgarantie geben – vorausgesetzt, die Belegschaft stimmt der Schließung des Rentenfonds zu. Laut Nachrichtenagentur Reuters geht es dabei um 17,5 Milliarden Euro.

Thyssen-Krupp-Vorstandschef Heinrich Hiesinger hatte vor kurzem die Beilegung des Streits um den Rentenfonds als Voraussetzung für den Beginn der Gespräche über ein Joint Venture mit Tata Steel genannt. »Wir sind bereit, Großbritannien als ein Teil davon zu betrachten«, zitierte Reuters am 9. Februar den Thyssen-Finanzchef Guido Kerkhoff. Bei einem Abbau von Kapazitäten müssten sich die beiden Unternehmen »die Schmerzen teilen«. Die Bosse können zunächst aufatmen: In einer geheimen Abstimmung gaben am Mittwoch dreiviertel der britischen Stahlarbeiter ihr Okay zu den sogenannten Rettungsplan von Tata Steel. Um die Pest zu vermeiden, stimmten die Arbeiter für die Cholera.

Der Konzern aus Mumbai hatte vor ein paar Jahren angefangen, die angeschlagene Konkurrenz in Europa aufzukaufen. Etwa 2007 als sich die Inder für 8,7 Milliarden Euro Corus einverleibten, ein Unternehmen, das 1999 durch die Fusion der niederländischen Koninklijke Nederlandse Hoogovens en Staalfabrieken und der British Steel entstanden war. Die Stahlwerke in IJmuiden und Port Talbot gehörten zu Corus. Es war der bis dahin größte Ankauf eines indischen Unternehmens im Ausland überhaupt.

In Asien ist Tata Steel für einen recht ruppigen Umgang mit Landbevölkerung berüchtigt. 2006 starben bei Protesten gegen ein neues Stahlwerk im indischen Kalinganagar 13 Demonstranten und ein Polizist. Die Bewohner fühlten sich nicht ausreichend für das Land entschädigt, das Tata Steel für sein neues Projekt brauchte. Zwei Jahre später kam es wegen dubioser Landenteignungen auch in Westbengalen zu heftigen Auseinandersetzungen. Dort wollte der Konzern ein Autowerk bauen.

Die Analysten sind sich uneinig, wie lange es noch brauchen wird bis zur Fusion. »Es würde mich nicht überraschen, wenn diese Verhandlungen noch ein weiteres Jahr dauern, da sie sehr kompliziert sind«, zitiert Reuters Clive Fortes von der Beratungsfirma Hymans Robertson. Andere Experten glauben, dass die Gespräche bereits in diesem Sommer abgeschlossen sein werden. Thyssen-Krupp hält sich mit Voraussagen bedeckt. »Da kann ich Ihnen keine festen Zeitpläne geben. Das wäre einfach unseriös. Es ist wahrer Fortschritt erkennbar. Das ist doch gut«, sagte Kerkhoff gegenüber Reuters. Fragt sich nur für wen.

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