Aus: Ausgabe vom 17.02.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Unten kommt zuwenig an

Die Kunst der Provokation zwischen Fürstenhäusern und Arbeitervierteln: Im ländlichen Südwestsachsen schwelt der Kulturkampf

Von Markus Schneider
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Agieren auf dünnem Eis: Ensemble des Theaters Plauen-Zwickau während einer Aufführung von »Comeback! Das Karl-Marx-Musical« im November 2013

Die jW-Schwerpunktseiten widmen sich anlässlich des Jubiläums »70 Jahre junge Welt« in dieser Woche Themen, die besonders Ostdeutschland, die DDR und den Anschluss von 1990 betreffen.

Das Jahr begann in der Kulturszene Westsachsens mit handfestem Beef: Jens Pfretzschner, ehemaliger Geschäftsführer der Vogtland Kultur GmbH, stellte einen Diss-Track gegen seinen früheren Chef, den Landrat des Vogtlandkreises Rolf Keil, ins Netz. Wie unter alten Hip-Hop-Gangstern (beide Herrschaften sind Mitglieder der CDU) üblich, rappt der 51jährige über den Beat von Deichkinds »Leider geil« sein ganz persönliches Schmähgedicht. »Leider Keil« heißt es, der »kleine Mann aus Schöneck« wird darin bezichtigt, »sich ’n Dreck um uns’re Region« zu scheren, das Geld zu verprassen, sich wie ein Fürst aufzuführen und überhaupt schlecht für alles und jeden zu sein.

Der politische Führungsstil trägt im Vogtland hin und wieder autokratische Züge. Pfretzschner, früherer Chef des kreiseigenen Kulturbetriebs, in dem sieben Institutionen zusammengefasst sind, hatte es im letzten Jahr gewagt, Proteste gegen die Kürzungspläne seines Dienstherrn zu unterstützen, weil sich diese eben auch auf kulturelle Einrichtungen und somit seine Mitarbeiter auswirken sollten. Rolf Keil, zu dieser Zeit kaum ein Jahr in Amt und Würden, deutete dies als Vertrauensbruch und entband Pfretzschner per 1. Juni 2016 von seinen Pflichten. Ein Großteil der linientreuen Parteifreunde behandelt ihn seither wie eine heiße Kartoffel und hält ganz öffentlich Keils »Durchgreifen« wegen Illoyalität für völlig gerechtfertigt. Es ist die Macht der Gewohnheit, denn die CDU sitzt im wirtschaftlich am schlechtesten gestellten Landkreis Sachsens (bundesweit Platz 378 von 402 laut Focus Money) seit jeher fest im Sattel und war ganz auf ihr Zentralgestirn Tassilo Lenk ausgerichtet, der sich als Landrat in den mehr als zwei Jahrzehnten seiner Regentschaft herzlich wenig aus Kritik in den eigenen Reihen machte. Keil assistierte als sein Vize seit 2009, bis er 2015 den Posten selbst übernahm.

Ausgehöhlte Strukturen

In Kulturkreisen und Künstlerrunden wittert man ohnehin den ungebrochen schleichenden Verfall, ein stetes Aushöhlen der Strukturen, und sieht sich durch solche Ereignisse nur bestätigt. Der geschasste Pfretzschner indes gibt sich längst wieder optimistisch. Immerhin hatte er schon Mitte der 90er ein Eventformat »erfunden«, das seither ungebrochen auf der Erfolgswelle reitet: »Philharmonic Rock«. Das werde er natürlich weiterverfolgen. 2013 hatte der frühere Orchestermusiker noch eine Liebeserklärung an die Heimat auf Youtube hochgeladen: »Das Vogtland ist toll« zeigt den etwas behäbig rappenden Endvierziger im Anzug. Genützt hat es ihm nichts, jedenfalls was den Verbleib im Zirkel der Macht betrifft. Und deshalb dürfte es eher unwahrscheinlich sein, dass er in der institutionellen Kulturwelt wieder Fuß fassen wird.

Lieber »sein eigenes Ding« zu machen gehört in der ländlichen Region ohnehin zum guten Ton. Denn eine Konstante in der Kulturpolitik Sachsens ist, geförderte Institutionen an der kurzen Leine zu halten. Der vogtländische Kreistag beispielsweise hatte erst 2015 dem Antrag der Linkspartei eine Abfuhr erteilt, in die gemeinnützige Theater-GmbH Plauen-Zwickau einzutreten, obwohl der Kreis vom Theater profitiert und dies in vergleichbaren Städten selbstverständlich ist. Damals stand die Finanzierung des Vierspartenhauses auf der Kippe: Die beiden Gesellschafter, die Kommunen Plauen und Zwickau, wollten ihre Zuschüsse ab 2018 von 17 auf 12,5 Millionen Euro senken. Nach teilweise heftigem Widerstand aus der Bevölkerung sind daraus per neuem Grundlagenvertrag nun 15 Millionen geworden. Die Mitarbeiter verzichteten auf neun Prozent ihres Gehalts – im Orchester auf 16 Prozent. Das soll die Struktur zumindest bis 2020 sichern – nicht gerade das, was man dickes Eis nennt. Noch viel weniger ein Akt der Gerechtigkeit. »Mit welcher Begründung werden städtische Angestellte im Rathaus immer an den steigenden Tarif angepasst, und die städtischen Angestellten im Theater müssen konstant mit weniger zurechtkommen?« fragt sich Lutz Behrens, Vorsitzender des Plauener Theaterfördervereins.

Diese Frage führt unweigerlich zum sächsischen Sonderweg der gesetzlich verankerten Kulturraumfinanzierung. Prinzipiell ein »Segen«, glaubt Franz Sodann, Kulturexperte der Linksfraktion im Landtag, und fordert im gleichen Atemzug ein deutliches Aufstocken der Mittel, denn: »Wir müssen raus aus den Haustarifverträgen!« Diese seien als vorübergehende Lösung bei Engpässen gedacht gewesen, hätten sich aber nach über zehn Jahren als Dauereinrichtung etabliert, kritisiert auch Behrens. Von der aktuellen Erhöhung der Kulturraummittel im Freistaat auf 94,7 Millionen Euro komme unten nicht mehr viel an, das sei ein Tropfen auf den heißen Stein. 16,8 Millionen davon entfallen allein auf die institutionelle Förderung im Kulturraum Vogtland-Zwickau, knapp die Hälfte (ca. 7,5 Millionen) fließt dem Theater Plauen-Zwickau zu, welches unter den am meisten bezuschussten Bühnen Deutschlands an fünfter Stelle rangiert. Das Problem: Sollte das Kulturraumgesetz ursprünglich vor allem die Theater und Orchester auf lange Sicht absichern, werden längst auch etliche weitere kommunale Aufgaben darüber erledigt – der Erhalt von Museen oder Bibliotheken zum Beispiel, bis hin zu vielen kleinen Kirchenmusiken. Da bleibt kaum Spielraum.

Zementierte Struktur

Über kurz oder lang muss im Südwestzipfel Sachsens deshalb die »Orchesterfrage« auf den Tisch, an der nicht zuletzt die Zukunft des Theaters Plauen-Zwickau hängt. Ein heißes Eisen, bei dem Pfründe und Partikularinteressen eine gewichtige Rolle spielen. Denn der arme Kreis leistet sich gleich drei Klangkörper: Zum einen das Philharmonische Orchester am Plauener Theater, dann als »Länderlösung« zwischen Thüringen und Sachsen die Vogtland-Philharmonie Greiz-Reichenbach (Kulturraumförderung: ca. 1,4 Millionen Euro) und schließlich als »schlanke Variante« noch die Chursächsische Philharmonie, welche jedoch nicht am Tropf des Kulturraums hängt. Wenigstens die beiden erstgenannten Ensembles müssten sich zusammenfinden, doch wie, das weiß derzeit keiner so genau. Zu unterschiedlich sind die Strukturen, zu eingeschworen ist die jeweilige Lobby.

So scheint die provinzielle Kultur in ihrer Struktur arg zementiert: Wichtige Schlüsselpositionen sind fest in CDU-Hand, blinde Gefolgschaft gilt dort mehr als Kritik in der Sache. Konstruktive Gegenvorschläge sind schon allein deshalb null und nichtig, weil sie meist aus dem »falschen« politischen Lager kommen und als ideologisch motiviert abgetan werden. Um Ämter, Titel und so manches Ego nicht unnötig zu gefährden, hält man an Bisherigem – nicht unbedingt wirklich Bewährtem – lieber fest. Es bräuchte viele Pfretzschner-Personalien, um diesen Beton zu sprengen.

Politisch anecken

Die Hoffnung aller, die an progressiver Kultur interessiert sind, ruht derzeit eher auf privaten Initiativen. Ein Beispiel dafür ist das »Kunsthaus Eigenregie« im obervogtländischen Eschenbach. Dort gelingt es Mario Falcke immer wieder und ganz ohne Zuschüsse aus dem Kulturraum, vergleichsweise hochkarätige Formationen in seinen kleinen Saal zu holen, die man im Programm der größeren Bühnen der Region vergeblich sucht – obwohl deren Kapazitäten ihren typischen Besucherzahlen viel eher entsprechen. Auch die Galerie »Forum K« in Plauen (Kulturraumförderung: 14.000 Euro) beschreitet bisweilen ungewöhnliche Wege, bietet vor allem jungen Künstlern bei freiem Eintritt eine Plattform und scheut sich nicht, politisch anzuecken. Derzeit zeigt etwa der Berliner Bernd Langer unter dem Titel »Kunst und Kampf« Plakate und Gemälde aus mehr als 30 Jahren antifaschistischen Widerstands und sagt: »Eine revolutionäre linke Haltung ist immer kulturfähig.« Weil sie das Prinzip der Provokation verstanden hat. Ohne Provokation würde die Kunst ihr Wesen verlieren. Und deshalb ist die Provokation auch immer eine Kunst für sich, denn sie ist weder in den Fürstenhäusern noch Arbeitervierteln als Dauerzustand gelitten. Viele möchten auch einfach nur unterhalten werden. So gesehen, hätte Jens Pfretzschner auf seinen Rachesong ruhig noch zwei, drei Schippen draufpacken sollen. Ein paar deftige Vokabeln natürlich. Das Gesicht des »Feindes« zeigen, unbedingt. Dann wäre die Provokation viel wirksamer, der Unterhaltungswert zugleich höher, und die ganze Posse käme weitaus schneller und breiter auch unten an, wo bekanntlich der wahre Souverän sitzt.

Lesen Sie morgen: Sandow – die Geschichte einer großen Band und ihrer Hymne »Born in the GDR«, die ihnen nicht gehört. Ein Gespräch mit Sänger Kai-Uwe Kohlschmidt

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Infos und Verweise zu diesem Artikel:

In der Serie Blüht was im Osten?:

Blüht was im Osten?

Helmut Kohls »blühende Landschaften« und was daraus wurde. Ein Rundgang durch Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft

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