Aus: Ausgabe vom 12.01.2017, Seite 16 / Sport

Warum denn nicht?

Spitzensportler, die bald 45 werden? Gibt es. Vier Beispiele

Von Jens Walter
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Und ewig stürmt die Nummer 68: Jaromir Jagr bei der WM 2015

Man muss sich Spitzensportler nicht mehr als junge Leute vorstellen. In diesem Jahr werden einige Weltklasseathleten 45. Der japanische Skispringer Noriaki Kasai hat kürzlich in Innsbruck seinen 100. Wettbewerb bei der Vierschanzentournee absolviert. Er wurde zehnter. Eisschnelläuferin Claudia Pechstein wurde am vergangenen Wochenende WM-Sechste. Und der Tscheche Jaromir Jagr steht seit einer Torvorlage von Ende Dezember auf Platz zwei der »ewigen« Scorer-Liste der nordamerikanischen Eishockeyliga (NHL).

Die drei aus dem Jahrgang ’72 haben noch lange nicht genug. »Flugsaurier« Karsai hat nach 28 Weltcup-Jahren manchmal Knieprobleme, aber die Bretter an den Nagel zu hängen ist für ihn keine Option. Schließlich bemüht sich seine Heimatstadt um die Winterspiele – die überübernächsten. »Falls 2026 Sapporo Olympia bekommt, möchte ich dabei sein«, sagt er, »dann bin ich 54«. Er habe im Laufe der Jahrzehnte »immer viel Aufwand betreiben (müssen), um Veränderungen erfolgreich zu überstehen«, erklärte der Japaner am Rande seiner 26. Tournee gegenüber der Tageszeitung Bote der Urschweiz in einem seiner seltenen Interviews. Die einschneidendste Veränderung wird die Umstellung vom Parallel- auf den V-Stil Ende der 80er Jahre gewesen sein. Inzwischen gibt es kaum noch einen Altersrekord, den Kasai nicht hält. Zudem hat niemand so oft an Weltcup-Veranstaltungen, Nordischen Ski-Weltmeisterschaften sowie Winterspielen teilgenommen. »Ich hasse es zu verlieren«, bot er in besagtem Interview als Erklärung für seine Unkaputtbarkeit an, und ergänzte auf Nachfrage: »Vielleicht muss man mich aufschneiden und eine Autopsie durchführen. Das Geheimnis steckt in mir drin, in meinem Körper.«

Ehrgeiz und Selbstdisziplin bringen wohl auch die Grande Dame des Eisschnellaufs, Claudia Pechstein, über die Hallenrunden. Sie wird am 22. Februar 45 Jahre alt. Nachdem ihr wegen eines angeblichen Dopingvergehens die Teilnahme an den Winterspielen 2010 in Vancouver verweigert worden war (allein aufgrund von Indizien, ohne positives Testergebnis – das Beispiel sollte Schule machen), kämpfte sich die Berlinerin zurück in die Weltspitze. Sie scheint entschlossen, sich dort festzusetzen. »Jetzt wollen wir bei Olympia angreifen, weil noch für die ein oder andere Medaille Platz ist«, sagte die fünfmalige Olympiasiegerin unlängst bei der Vorstellung ihrer privaten Trainingsgruppe »Team Pechstein – The Internationals 2018«: »Und nach Pyeongchang nennen wir das Team dann Internationals 2022.« Bei ihren achten Winterspielen in Peking wäre Pechstein 50. Wer mit 45 beste deutsche Eisschnelläuferin ist, dem ist zuzutrauen, dies noch eine Weile zu bleiben. Mitte Dezember stürmte Pechstein zum 110. Mal im Weltcup auf ein Podest. Über 5.000 Meter lief sie in Heerenveen konstante Rundenzeiten – wie »mit einem eingebauten Autopiloten«, meinte ihr Lebensgefährte Matthias Große. »Es war zu 90 Prozent ein perfekter Lauf«, konstatierte Pechstein. »Auf meine Schlussrunde konnte ich mich verlassen.« Mit der zweitstärksten letzten Runde verdrängte sie die 23 Jahre jüngere Niederländerin Melissa Wijfje noch vom zweiten Rang, musste nur Martina Sablikova aus Tschechien den Vortritt lassen.

Eine Woche vor Pechstein wird Jaromir Jagr, NHL-Starstürmer der Florida Panthers, 45. Grau ist der Tscheche geworden, langsamer, doch das macht er mit Erfahrung locker wett. Mit 50 wollte er ursprünglich zurücktreten. Vor einigen Wochen hat er das zurückgenommen. »Ich fühle mich so gut, dass ich bis 55 spielen möchte«, meinte er nach einem Triumph gegen New Jersey, einen seiner mittlerweile sieben Exklubs in der NHL, in der er 1990 debütiert hatte. Mit dem eingangs erwähnten 1.888. Scorerpunkt zog er an Mark Messier vorbei auf Platz zwei hinter Wayne Gretzky (2.857). Er fühle sich »wie die Nummmer eins«, sagte er anschließend. Gretzky sei schließlich »nicht von dieser Welt«.

Bei Olympia 2018 könnten Kasai, Pechstein und Jagr auf den italienischen Skilangläufer Giorgio di Centa treffen. Einer aus ihrem Jahrgang. 2006 gewann er Doppelgold bei den Heimspielen in Turin. An den krönenden Abschluss seiner Karriere hängte er dann noch eine Saison dran. Es wurden zwei, drei, elf ... Bei der Tour de Ski in Oberstdorf wurde »Giorgio eterno«, der ewige Giorgio, nun 34. Warum er sich dies antut? »Warum denn nicht?« So einfach ist das mit bald 45.

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