Aus: Ausgabe vom 11.01.2017, Seite 8 / Inland

»Viele machen Überstunden, um ihre Familie zu ernähren«

Hessen: Beschäftigte privater Busunternehmen streiken. Weniger Lohn als Kollegen im öffentlichen Dienst. Gespräch mit Jochen Koppel

Interview: Gitta Düperthal
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»Die Töchter der Verkehrsbetriebe wurden genau aus dem Grund gegründet, um den Arbeitslohn der Busfahrer zu drücken.« – Jochen Koppel, ver.di-Gewerkschaftssekretär für den Fachbereich Verkehr und Streikleiter beim Ausstand der Busfahrer in Hessen

Ver.di hat die Mitarbeiter privater Busunternehmen am Montag zum unbefristeten Streik aufgerufen. Worum geht es Ihnen?

Wir bestehen auf einer Änderung der Pausenzeiten. Zur Zeit bekommen die Busfahrer viel davon abgezogen. Wir wollen eine Pausenregelung nach dem Arbeitszeitgesetz: also höchstens 30 Minuten – nicht etwa wie bisher drei Stunden unbezahlte Zeit. Zudem fordern wir einen zusätzlichen Urlaubstag. Die Arbeitgeber des privaten Busverkehrs haben bisher für eine Laufzeit bis zum 31. Dezember 2018 nur 65 Cent mehr Stundenlohn angeboten. Wir erwarten 13,50 Stundenlohn, die Arbeitgeber des Landesverbands hessischer Omnibusbetreiber, LHO, wollen bloß 12,65 zahlen.

Wie lange arbeiten Busfahrer tatsächlich?

Gemäß Tarifvertrag haben die Busfahrer eine Arbeitszeit von 169,5 Stunden im Monat – aber kaum einer arbeitet nur soviel. Fast alle machen Überstunden, damit sie ihre Familie überhaupt ernähren können. Ich habe neulich den Kontoauszug eines Kollegen gesehen: Hält ein Busfahrer die vorgegebene Arbeitszeit ein, bekommt er je nach Steuerklasse etwa 1.580 Euro netto.

800 Euro gehen für die Miete drauf, 300 Euro fürs Auto, bleiben weniger als 500 Euro zum Leben für eine Familie im Monat. Das ist nicht viel.

So in etwa. Also stocken viele ihren Verdienst auf, indem sie am Wochenende oder nachts fahren. Der Arbeitgeber behauptet, unsere Forderung sei überzogen und wegen des Preis- und Konkurrenzdrucks nicht zu finanzieren. Durch die Ausschreibungen der Verkehrsbetriebe stünden die Subunternehmen unter Druck und hätten keinen Spielraum für Lohnerhöhungen. Wir haben ihnen gesagt: Sie müssten in dem Fall ihren Auftraggebern, also etwa dem regionalen Rhein-Main-Verkehrsverbund, RMV, oder der lokalen Nahverkehrsgesellschaft der Stadt Frankfurt am Main Traffiq, sagen: Freunde, so können wir nicht mehr arbeiten.

Was hat die häufig kritisierte Privatisierung der Busunternehmen mit den schlechten Arbeitsbedingungen zu tun?

Die Töchter der Verkehrsbetriebe wurden genau aus dem Grund gegründet, um den Arbeitslohn der Busfahrer zu drücken. In großen Städten gibt es oft zwei Tarifverträge: Erstens für die öffentlichen Betriebe den Tarifvertrag Nahverkehr, TVN, angelehnt an den TVöD für den öffentlichen Dienst; zweitens den Tarifvertrag mit den privaten Unternehmern des Landesverbandes hessischer Omnibusbetreiber, LHO. Letzteren bestreiken wir. In Hanau haben wir etwa das Problem: Viele Busfahrer arbeiten dort noch zum herkömmlichen Tarif, andere für die privaten: Weshalb dort einige fahren, andere stehen. Ver.di verhandelt zwar beide Tarifverträge, wir bestreiken aber jetzt nur die privaten.

Schildern Sie uns doch bitte einen normalen Arbeitstag eines Busfahrers!

Er fährt vier Stunden, drei Stunden Pause, dann nochmal vier Stunden: »Geteilte Dienste« nennt sich das. Etwa kann es ihm passieren, dass er irgendwo in einem Dorf in der Hochrhön, wo es noch nicht mal ein Café gibt, warten muss, bis seine drei »Pausenstunden« herum sind. Bestenfalls erhält er dies zu einem minimalen Anteil bezahlt. Beispielsweise beginnt seine Dienstschicht morgens um sechs, sie dauert bis 20 Uhr. Sie zieht sich dann 14 Stunden dahin – bezahlt erhält aber er nur zehn Stunden.

Wie ist die Stimmung beim Streik?

Hervorragend. Das Interesse der Presse daran ist erfreulich – im Vergleich zu unserem Streik vor drei Jahren, wo sich kaum jemand dafür interessierte. Die Busfahrer freuen sich, dass jetzt endlich eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen ansteht – und dies sogar bundesweit Thema ist. Die Bevölkerung ist schon teilweise sauer, auch weil die Kinder den ersten Tag nach den Fe­rien in die Schule müssen. Wir verteilen deshalb Informationen, um zu erklären, weshalb wir zum Mittel des Streiks auf unbestimmte Zeit greifen.

Wie schätzen Sie die Aussichten ein, Ihre Forderungen durchzusetzen?

Wir warten auf ein erheblich besseres Angebot des Arbeitgebers. Sonst streiken wir weiter – unbefristet.

Jochen Koppel ist ver.di-Gewerkschaftssekretär für den Fachbereich Verkehr und Streikleiter beim Ausstand der Busfahrer in Hessen

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