Aus: Ausgabe vom 09.01.2017, Seite 8 / Ansichten

Gefährliches Nichtstun

2016 mit neuem Temperaturrekord

Von Wolfgang Pomrehn
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Ein gewaltiger Riss im sogenannten Larsen-C-Schelfeis in der Antarktis trennt das Eis zunehmend vom Festland (Aufnahme vom 10.11.2016)

Nun ist es sozusagen amtlich. 2016 war das bisher wärmste Jahr seit Beginn der globalen Temperaturaufzeichnungen, und zwar mit erheblichem Abstand. Um zwei Zehntel Grad Celsius war es im globalen Mittel 2016 wärmer als ein Jahr zuvor – und das, obwohl 2015 seinerseits bereits ein Rekordjahr gewesen war. Mit anderen Worten: Die globale Erwärmung hat in den letzten beiden Jahren einen gewaltigen Sprung gemacht. Geht es in diesem Tempo weiter, könnte schon Ende des nächsten Jahrzehnts jene Schwelle von 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau erreicht sein, die nach Ansicht vieler Entwicklungsländer nicht überschritten werden darf. Jenseits davon, so ihre von vielen Wissenschaftlern gestützte Argumentation, würden aufgrund des steigenden Meeresspiegels viele Inselstaaten und viele niedrig liegende Hafenstädte langfristig in ihrer Existenz bedroht. Schon jetzt steigen die Ozeane im globalen Mittel um 30 Zentimeter pro Jahrhundert. Dafür sorgen das sich aufgrund seiner Erwärmung ausdehnende Wasser sowie der Gletscherschwund auf Grönland und in der Antarktis. Dies wird sich, sollte der Anstieg der Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre nicht in den nächsten Jahrzehnten gestoppt werden, weiter beschleunigen. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte der Meeresspiegel um einen Meter oder auch etwas mehr steigen, so die Meinung der meisten Wissenschaftler. Eine Minderheit sieht sogar das Risiko, dass es in 90 Jahren bereits deutlich mehr sein könnte.

Im Kontrast dazu steht die hiesige Untätigkeit. Der Klimaschutz kommt in Deutschland nur noch im Schneckentempo voran. Schon die schwarz-gelbe Koalition hatte den Ausbau der Solarenergie massiv ausgebremst und damit die junge Industrie hierzulande weitgehend stranguliert. Im vergangenen Jahr hat nun die große Koalition das Werk vollendet. Künftig bekommen neue Solar- und Windparks nur noch über ein bürokratisches Ausschreibungsverfahren Förderung, das den Ausbau limitiert und Bürgerprojekte stark benachteiligt. Dadurch wird die Gnadenfrist für Kohlekraftwerke unnötig verlängert, so dass das Klimaschutzziel – 40 Prozent weniger Emissionen im Vergleich zu 1990 – bis zum Jahre 2020 verfehlt werden wird.

Geradezu kriminell sind derweil die Unterlassungen im Verkehrssektor. Seit Mitte der 1990er Jahre hatten die diversen Bundesregierungen auf die Zusagen der Automobilhersteller gesetzt, die Emissionen ihrer Neuwagen freiwillig abzusenken. Jahrelang hatte Berlin Verordnungen der EU mit dem Verweis auf diese Versprechen blockiert. Nun stellte sich heraus, dass die Unternehmen bei der Messung ihrer Abgaswerte im großen Stil gemogelt haben. Konsequenzen? In den USA muss VW hohe Strafen zahlen. Hierzulande wird Martin Winterkorn, der Vorstandschef, unter dessen Ägide die Manipulationen ausgeführt wurden, in den Ruhestand geschickt, der ihm mit einer Rente von 3.100 Euro täglich versüßt wird.

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