Aus: Ausgabe vom 02.01.2017, Seite 8 / Ansichten

Sprachförderer des Tages: Ukraine

Von Reinhard Lauterbach
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Die Sprache, in der man von Kindheit an aufwächst, heißt im Deutschen nicht zufällig Muttersprache. Auf ukrainisch »ridna mowa«, abgeleitet aus der Wurzel für »geboren werden«. Wie peinlich also, dass neulich in einem Kiewer Kreißsaal eine Gebärende in der falschen Sprache um Hilfe bat. Da kam sie aber an die Richtigen. »Solange du hier auf russisch stöhnst, kannst du sehen, wo du bleibst«, wurde der Frau beschieden.

Solche dezente Werbung für den Gebrauch der Staatssprache begleitet die Bürger der Ukraine inzwischen von der Wiege bis zur Bahre. In einem Kindergarten im – überwiegend russischsprachigen – Charkiw wurde einer Vierjährigen von der Erzieherin Vorwürfe gemacht, weil sie vor dem Essen »prijatnogo apetita« sagte, und nicht »smatschnogo«. Ein Berater des aus Charkiw stammenden Innenministers Arsen Awakow entdeckte jetzt eine neue Gefahr für die ukrainische Staatlichkeit: die Geißel der Zweisprachigkeit. Ihr müsse der Staat mit aller Entschiedenheit entgegentreten, und er tut das auch. Inzwischen stehen Hunderte von Buch- und Filmtiteln aus Russland in der Ukraine auf dem Index, vom Vorabendkrimi bis zur Verfilmung der Klassiker Nikolaj Gogol und Michail Bulgakow.

Doch immer noch reden die Leute so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Kann man es da der ukrainischen Kinderbuchautorin Larissa Nizoj verdenken, dass sie jetzt aus der Haut fuhr? Da hatte sie schon erfolglos verlangt, aus der Kiewer U- Bahn-Station »Universität« die dort stehenden Büsten von Lomonossow, Puschkin und Gorki zu entfernen. Und jetzt war sie in einem Drogeriemarkt einkaufen und wurde an der Kasse auf russisch bedient. »Reden Sie ukrainisch«, herrschte sie die Kassiererin an, und als diese den Befehl ignorierte, warf Nizoj ihr das Wechselgeld ins Gesicht. Statt sich im Nachhinein zu schämen, rühmte die Autorin auf Facebook ihren Ausraster. Jedes Land hat die Patrioten, die es verdient.

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