Aus: Ausgabe vom 31.12.2016, Seite 4 (Beilage) / Fotoreportagen

Porträt einer kleinen Gesellschaft

Kinder Geflüchteter fotografierten sich und ihren Alltag in einer Berliner Unterkunft

Von Karsten Hein und Jörg Möller

Die Bilder der Ausstellung »Zuflucht« stammen von Kindern Geflüchteter, die 2014 im Flüchtlingsheim in der Maxi-Wander-Straße in Berlin-Hellersdorf lebten. Unterstützt und ermutigt von Studenten unseres Fotoseminars an der Alice-Salomon-Hochschule (ASH) fotografierten sie alles, was sie interessierte. Und das waren, wie man sieht, vor allem andere Kinder. Wir hatten erwartet, sie würden die Kameras auf ihre neue Umgebung richten und wir würden durch die Bilder etwas über ihren Blick auf Berlin erfahren. Aber das war wohl nur unser Wunsch. Die Kinder interessierten sich für ihre Geschwister und Spielgefährten. So ist die Ausstellung jetzt ein Porträt dieser kleinen Gesellschaft. Damals waren im ehemaligen Max-Reinhardt-Gymnasium rund 500 Menschen, davon etwa ein Drittel Kinder, untergebracht. Die Eltern der Beteiligten begrüßten das Projekt, wollten aber nicht, dass ihre Kinder namentlich genannt werden.

Einige von ihnen leben dort immer noch mit ihren Familien. Ihr Aufenthalt im »Übergangsheim« dauert länger als gedacht, da im Jahr 2015 sehr viel mehr Asylsuchende nach Deutschland kamen als angenommen. 2014 widmeten wir uns mit diesem Projekt einem »Nischenthema«. 2015 dagegen wurde unsere Ausstellung quasi fortlaufend gezeigt. 2016 zuletzt im Juni in der Nachbarschaftsgalerie Kungerkiez in Berlin-Treptow. Inzwischen ist das Thema schon wieder durch, der Großteil der deutschen Öffentlichkeit ist seiner überdrüssig – jedenfalls, was die Perspektive der Geflüchteten angeht.

Doch sie brauchen immer noch Wohnungen, Deutschkurse und vielerlei Dinge. Dafür zu sorgen, liegt natürlich bei den Praktikern. Dies sind im Flüchtlingsheim Berlin-Hellersdorf zum einen die neuen Betreiber, die endlich gefunden werden konnten, nachdem der Senat den Vorgängern gekündigt hatte. Dazu zählen aber auch die vielen ehrenamtlichen Helfer, Studenten der ASH und andere, die in der Unterkunft mitarbeiten. Diejenigen, die Deutschkurse, Hausaufgabenhilfe, Sport und mehr anbieten.

Es bleibt viel zu tun. Viele der Asylsuchenden in diesem Heim kommen aus Syrien. Unsere jährliche Fotoaktion bei der Weihnachtsfeier in der Unterkunft fand in diesem Jahr am 14. Dezember statt, einen Tag nach Beginn des Waffenstillstands im zerstörten Aleppo. Niemand weiß, wann der Krieg enden wird und was dann vom Land übriggeblieben sein wird. Wir machten Erinnerungsfotos von den Familien vorm Weihnachtsbaum, die sie ihren Verwandten schicken können: Seht her, wir leben! Der Weihnachtsbaum steht dabei nicht für das Christentum, sondern für Deutschland – das Land, in dem sie hoffen, vor Krieg und Gewalt sicher zu sein.

Karsten Hein und Jörg Möller sind Fotokünstler und Lehrbeauftragte der Alice-Salomon-Hochschule Berlin.www.zufluchtblog.wordpress.com

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