Aus: Ausgabe vom 24.12.2016, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Nikolausis Bastardsohn

Von Ari Volovich
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Zum ersten Mal erlebte ich die Konsequenzen meiner ethnisch-kulturellen Bürde im Dezember 1981, kurz nach der Ankunft meiner Eltern in Mexiko. Ich war zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre alt, und ich erinnere mich noch, wie ich stocksteif vorm Schaufenster des Kaufhauses »Liverpool« stand, meine kleinen Hände ans Glas gepresst, vollkommen in Anspruch genommen vom glitzernden Rotgold der Christbaumkugeln, von dem blinkenden Stern-Schmuck und den farbigen Lichtern des riesigen Tannenbaums, der im Laden stand und mir seine Lichtreflexe ins Auge bohrte wie bunte Lutschstangen. Ich fühlte mich – aus der Rückschau kann man das so sagen – zum ersten Mal in meinem Leben besoffen, denn meine Augen kannten bis dahin nur das sanfte Gelb der Dünen von Aschdod und das tiefe Azur des Mittelmeers, das vor meiner Geburtsstadt lag. Hinter dem Tannenbaum trat mit einem Mal ein unglaublich dicker Mann hervor, der mich zurückschrecken ließ, und schlagartig nahm ich die Hände vom Schaufensterglas. Bislang hatte ich nur enge Verwandte in einer so leichten, nachthemdartigen Kleidung gesehen: Meine Eltern und vielleicht noch meine Großeltern. Doch der Mann mit dem weißen Bart und der Zipfelmütze lockte mich mit dem Zeigefinger und öffnete dann seine Arme – wie um mir die riesige Auswahl an Geschenken zu präsentieren, die unter dem Baum lagen. Dabei fusselte er sich im Bart herum, rieb sich den Bauch und lachte ein dröhnendes Lachen, das ich durch die Scheibe nicht hören konnte. Wie im Fall von Richard Nixon passte sein Lachen nicht mit seinem Gesicht zusammen. Ich spürte, wie mir jemand die Hand auf die Schulter legte, es war meine Mutter:

– »Wir müssen gehen«, sagte sie. »Papa wartet im Auto.«

– »Aber … der Herr dort möchte mir Geschenke geben«, sagte ich und zeigte mit zittrigen Fingern auf die Päckchen.

– »Schatz …«, sagte meine Mutter und strich mir über die Stirn, »diese Geschenke sind nicht für dich!«

Dann mühte sie sich zu einem gequälten Lächeln.

Ich verschlang diesen photogenen Baum und seine hypnotisierenden Blitze förmlich mit den Augen, während ich hinter meiner Mutter hertrottete, und sah dem Mann im roten Pyjama lange nach, der leider in immer weitere Ferne verschwand, je näher wir zum Auto kamen.

– »Deine Oma brät heute Levivot (Kartoffelpuffer)!« versicherte mir meine Mutter und zwinkerte mir zu, im vergeblichen Versuch, meine Stimmung zu heben.

Als die Tür des Autos zuschlug, wusste ich, dass ich etwas verloren hatte, allerdings etwas, das mir nie gehört hatte.

Die Levivot sind ein traditionelles Essen anlässlich des Chanukka-Fests, einer jüdischen Festperiode, die oftmals bis nach Weihnachten reicht. Manche Menschen interpretieren Chanukka daher als eine Art jüdischer Weihnacht, in Wirklichkeit wird bei diesem »Lichterfest« jedoch der Sieg einer kleinen Gruppe jüdischer Rebellen gefeiert – der Makkabäer –, die das Heer von Antiochos IV. Epiphanes in die Flucht geschlagen hatten, dem König des Seleukidenreichs. Dieser hatte Jerusalem im Jahre 167 v. Christus geplündert, die Ausübung des Judentums verboten und die Anpassung an den Hellenismus befohlen. Man muss dazu sagen, dass die jüdischen Vorstellungen von diesem historischen Ereignis, wie sehr oft bei religiösen Festen, eine gnadenlose Vereinfachung sind. Denn die antiimperialistische Revolte löste einen überaus grausamen Bürgerkrieg zwischen Makkabäern und hellenisierten Juden aus – wobei man allerdings hinzufügen muss, dass ein süßer Sufgania-Krapfen über die Bitterkeit dieser Schlächtereien im nachhinein leicht hinweghilft.

Chanukka wird also acht Tage lang gefeiert, und in jeder Nacht wird ein weiteres Licht in einem Kandelaber angezündet, der Chanukkia heißt. Dieser Brauch soll an das »Wunder von Chanukka« erinnern, als ein kleines Gefäß mit Olivenöl ausreichte, um ganze acht Tage die Öllampe des Heiligen Tempels zu speisen und diesen so zu erhellen. Die Kinder werden zum Gedenken an diese Tage nicht nur einer gefährlich konzentrierten High-Carb-Diät ausgesetzt – nein, sie bekommen auch einen viereckigen Kreisel geschenkt, mit der hebräischen Inschrift: »Ein großes Wunder geschah hier!« – in Anspielung auf die mirakulösen Vorgänge mit dem Olivenöl.

An jenem Tag, als wir ins Haus meiner Großeltern traten, war mir trotz allem komplett klar geworden, dass mir auch 20 Tonnen Levivot-Puffer plus ein ganzer Container voller Kreisel nicht darüber hinweghelfen konnten, bei der Entdeckung der Phänomene Weihnachten und Nikolaus in tiefe Unruhe verfallen zu sein. Woran ich beim Entzünden des Kandelabers jedenfalls am allerwenigsten dachte, war Antiochos oder der Dschihad der Makkabäer. Ich konnte das Bild dieses majestätischen Weihnachtsbaums, das mein Hirn verhexte wie ein Delirium tremens, nicht mehr aus meinem Kinderkopf verbannen.

Mit Missmut zerkaute ich den Fladen lauwarmer Puffer auf meinem Teller und beobachtete mürrisch den Kreisel, der daneben lag. Mein Großvater saß im Stuhl gegenüber und war versunken in irgendeine uralte New York Times-Ausgabe. Er stammte aus Philadelphia, hatte im zweiten Weltkrieg in der US-Army gekämpft und dort eine ausreichende Portion Tod gesehen, um den Glauben an einen Gott für immer von sich zu weisen. Für ihn hatte Chanukka dieselbe geringe Relevanz wie Weihnachten oder Ramadan.

Ich stand auf, ging in unser Gästezimmer, schloss die Tür und stützte mich auf das Fensterbrett, um in der Dunkelheit die leuchtenden Fenster gegenüber zu betrachten, hinter denen die mexikanischen Familien in sichtlicher Harmonie zusammensaßen, aßen und tranken. Alles dort schien fröhlich zu sein, herzlich und nahezu perfekt, und ich hatte den Eindruck, in eine außergewöhnliche Parallelwelt hinzuspähen, die ganz anders als meine Welt war, bevölkert mit außergewöhnlichen Wesen. Ich trat wieder vom Fenster weg und legte mich auf den alten Diwan meiner Oma, um – ohne es zu wissen – meine erste psychoanalytische Sitzung in Angriff zu nehmen:

Am 24. Dezember 1981, unter dem Mantel der Heiligen Nacht von Mexico City, spürte ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl des Anders-Seins und Ausgeschlossen-Seins, der Verkapselung in einer Minderheit (man kann den Begriff »Anders-Sein« auch mit »Entfernung von Geschenken und Lichtern« übersetzen und »Minderheit« mit »Haus meiner Großeltern«). Die folgenden zwei Weihnachten in Mexiko verbrachte ich jedenfalls mit dem Nachbarssohn Achmed – vermutlich hatte uns das Wissen um unsere kulturelle Waisenschaft zueinander geführt während dieser Jahreszeit. Wir, Achmed und ich, spielten zu Weihnachten am liebsten, es klingt fast wie ein schaler Witz, ritualisierte Zweikämpfe mit Pistolen und Messern.

Zehn Jahre, nachdem ich mit Achmed diese Marginalweihnachten verbracht hatte und zwischenzeitlich wieder nach Israel gegangen war, kehrte ich mit 22 nach Mexiko zurück – inzwischen ausgestattet mit einem tiefen Agnostizismus und der sarkastischen Grundhaltung meines Großvaters. Und obgleich Chanukka und Weihnachten für mich jegliche religiöse Bedeutung verloren hatten, hatte ich nach all den Jahren an jedem 24. Dezember immer noch dieses Gefühl des Ausgeschlossenseins. Die folgenden Jahre bildete sich daher eine Truppe von Weihnachtsparias, die (außer mir) aus folgenden Personen bestand: Oren, Hina, Tarek und Alberto. Oren und Hina waren ein Pärchen jüdischer Atheisten, mit denen ich seit meiner Kindheit befreundet war. Tarek war nichtgläubiger Moslem und ein brillanter Ethnologe aus Marokko, der in Berkeley studiert hatte und jetzt nach Mexiko angereist war, um hier seine Feldforschungen zu Ende zu führen, und ganz ähnlich verhielt es sich mit dem Siebenten-Tages-Adventisten Alberto, der allerdings aus Kalifornien stammte. Im Wissen, dass wir die perfekte Kombination all jener Religionen abgaben, über die man gerne Witze macht, stiegen wir jede Weihnacht in Orens japanisches Automobil, mit dem wir die Stadt durchsegelten, um nach einer Bar zu suchen, die uns Asyl geben würde. An einem 24. Dezember stießen wir auf eine kleine, versteckte Kaschemme in einer Seitenstraße der Insurgentes-Achse. »Weihnachten geöffnet«, besagte das neonorange Schild, und Tarek sagte bündig: »Wir haben unsere Oase gefunden!«, woraufhin wir alle in Jubel ausbrachen, so als seien wir seit Wochen in der Sahara umhergeirrt. Die Kaschemme war so dunkel wie ein englischer Pub, nur zwei der sieben Tische waren besetzt. An einem saßen zwei nigerianische Diplomaten, am anderen ein Pärchen aus Sinaloa. Der Besitzer – ein dänisch-iranischer Reichensohn, der 1989 nach Mexiko gekommen war – setzte sich an unseren Tisch, um uns zu erzählen, wie er sich auf einer Geschäftsreise nach Cancún unsterblich in seine Exfrau verliebt hatte. Tarek bemühte sich, auch Emmanuel und Kingsley an unseren Tisch zu holen (die nigerianischen Diplomaten) sowie Adriana y Juan Carlos (das Pärchen aus Sinaloa), und von einem Moment auf den anderen verwandelten sich die Menschen an unserem Tisch in die Besatzung eines kühnen, respekteinflößenden Piratenschiffs. Das Echo dieses Weihnachtsabends von 2005 hallt immer noch in meinen melancholischen Anwandlungen wider, wenn ich wie letztes Jahr am 24. Dezember nachts durch den Parque México pilgere. Oren und Hina sind nach Guatemala gezogen, Tarek gelang es, eine Dozentenstelle an der Universität von Houston zu ergattern, und Alberto heiratete in Montreal. Und jedesmal, wenn ich einen Weihnachtsbaum sehe, halte ich an, hingerissen von seinen Lichtern. Dann ist da wieder diese Hand auf meinen Schultern, die meiner Mutter, die zu mir sagt: »Das ist nicht für dich.« Ich kann nicht anders: Immer wenn ich den Geruch dieser Bäume rieche, überfällt mich ein Gefühl des Verlusts.

Vielleicht hatte Santa ja mal eine Beziehung mit meiner Mutter.

Deutsch von Stefan Wimmer

Ari Volovich, 43, wurde in Jerusalem geboren und wanderte mit seinen Eltern nach Mexiko aus. Er arbeitet als Schriftsteller für verschiedene mexikanische Tageszeitungen und Kulturmagazine. Er gilt als einer der sarkastischsten Stilisten des Landes. Einen Namen machte er sich mit der zweibändigen Aphorismensammlung »Blasfemias ilustradas« und dem Kurzgeschichtenband »Jet Lag«.

Deutsch von Stefan Wimmer

Stefan Wimmer ist ein Münchner Schriftsteller und Journalist. Er schreibt regelmäßig Features für den WDR, NDR, das Deutschlandradio und für diverse Magazine. Zuletzt erschien in junge Welt seine Geschichte »Ich war ein Abbild Achills« (29./30. Oktober und 5./6. November 2016).

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