Aus: Ausgabe vom 08.12.2016, Seite 11 / Feuilleton

Das Untote im Spätkapitalismus

Der Manga »I am a Hero« schildert die Zombieapokalypse aus der Sicht eines unsicheren Comiczeichners

Von Michael Streitberg
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Was ist die Zombieapokalypse gegen meine Neurosen? Comiczeichner Hideo hat im Manga »I am a Hero« vielerlei Probleme

Auch ohne eine Zombieapokalypse wäre Hideos Leben schon schwierig genug: Der mäßig erfolgreiche Mangazeichner hat es mit Mitte Dreißig noch nicht zum großen Durchbruch geschafft, von dem er immer träumt. Zudem plagen ihn allerlei Ängste: Wenn er abends in seine mit Sicherheitsschlössern verriegelte Bude in der Tokioter Innenstadt kommt, wird er nicht selten von einem imaginären Mitbewohner geplagt. Der glotzt ihn schon mal aus dem Abfluss seiner Toilette an und lässt sich dann widerspruchslos ins Gesicht pinkeln. Im Umgang mit anderen Menschen ist Hideo oft unsicher und gehemmt. Auch die Beziehung zu seiner ebenfalls leicht neurotischen Gelegenheitsfreundin bietet ihm keinen rechten Halt.

Als er eines Morgens Zeuge wird, wie das Opfer eines schweren Verkehrsunfalls unter einem riesigen Laster hervorkriecht und scheinbar unbehelligt seines Weges schlurft, glaubt er zunächst, Opfer einer weiteren Halluzination geworden zu sein. Nach und nach sieht er jedoch immer mehr seltsame Gestalten durch die Großstadt wanken. Sie sind grausam entstellt und doch in ihrer täglichen Routine gefangen: Angestellte mit Aktenkoffer brabbeln die Uhrzeit ihres Geschäftstermins vor sich hin, ein Stabhochspringer im Sportdress versucht sich an einer steilen Hauswand. Woher die Zombies kommen und was für ihr Auftauchen verantwortlich ist, weiß Hideo nicht. Er muss nur bald feststellen, dass sie ihm nach dem Fleisch bzw. nach dem Leben trachten.

Dafür, dass Zeichner und Autor Kengo Hanazawa mit alledem mehr als den Auftakt zu einem weiteren Teil der nicht enden wollenden Zombiewelle in der Popkultur liefert, sorgen vor allem seine Charaktere: Hanazawa beschreibt den Kampf ums Überleben in erster Linie aus der Perspektive der Sonderlinge, Internetnerds und verängstigten Stubenhocker, in Japan bekannt unter Begriffen wie Hikikomori (wörtlich: »sich einschließen«). Damit greift er eine gesellschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte auf: Die Abwendung vor allem jüngerer Menschen von den Zwängen einer gnadenlosen Leistungsgesellschaft, die sich – anders als noch in den 60er und 70er Jahren – nicht in Straßendemonstrationen oder hippiesken Ausstiegsversuchen, sondern in Rückzug und Isolation äußert. Prekarisierung und soziale Abstiegsangst werden im Werk nicht explizit genannt – sie tragen aber dazu bei, dass immer mehr Menschen sich in die Enge des elterlichen Kinderzimmers bzw. virtueller Parallelwelten flüchten.

Angesichts einer scheinbar untergehenden Welt versuchen all diese Menschen nun, zu retten was zu retten ist. Einige sehen gar ein neues Zeitalter unter ihrer Führung heranbrechen. »Sagt, was ihr wollt. Aber ich will nicht in mein altes Leben zurück. Ich will die Situation nutzen und eine neue Welt erschaffen«, deklamiert einer von ihnen. Im Zuge all dessen wird deutlich, welche Deformationen die Verhältnisse schon vor dem Ausbruch hervorgebracht haben: Verklemmte Nerds, Schulhofsadisten und scheinbar »ganz normale« Leute entwickeln Allmachtsphantasien, angestaute Frustrationen entladen sich in Willkür oder sadistischer Gewalt gegenüber den ebenfalls ums Überleben kämpfenden Mitmenschen. Zu wirklicher Interaktion sind viele gar nicht mehr fähig: Das nunmehr unvermeidliche Gespräch mit Unbekannten gerät zur Tortur. Die Begegnung mit dem anderen Geschlecht führt bei den einen – so auch dem Helden – zu großer Unsicherheit, andere ziehen vermeintlich neue Stärke aus sexueller Gewalt und brutalen Machtspielen.

In der Beschreibung jener Unfähigkeit zur Interaktion, der existentiellen Angst seiner Protagonisten und auch der Geschlechterverhältnisse in Zeiten der Apokalypse liegen die großen Stärken von »I am a Hero«. Weniger überzeugen kann hingegen die Langatmigkeit, mit der viele Abschnitte der Odyssee von Hideo und seinen bald hinzugekommenen Begleiterinnen, die zu den stärksten Figuren des Werks zählen, geschildert werden. Der Erzählfluss gerät deshalb häufig ins Stocken: Abseits gelungener Dialoge, kammerspielartiger Figurenensembles und stimmungsvoller Momentaufnahmen der zombifizierten Welt langweilt die Serie bisweilen mit seitenlangem Auswalzen einzelner, an sich gelungener Szenen – etwa, wenn man durch den Schlitz einer Schutzmaske die Jagd auf Zombies in einem Einkaufszentrum verfolgt oder sich endlose Chatroom-Kommentarstränge über die Szenerie legen. Selbst nach mehreren Bänden hat man daher mitunter das Gefühl, noch immer die Exposition zu lesen.

Auch die Action- und Splatterszenen können nicht immer überzeugen. Ihnen fehlt es häufig an Dynamik und Schnelligkeit. Auch hier erfüllt die Trägheit der Darstellung keinen erkennbaren Zweck – wie etwa die ästhetisierte Gewalt im Zombiegenre ihrer Genießbarkeit bzw. Konsumierbarkeit zu berauben. Denn für ein solches Ansinnen wirken die Zombies wieder viel zu kunstvoll entstellt, sind die pulphaften Situationen mit monströsen Taxifahrern, Restaurantbesitzern und ähnlichem zu zahlreich.

Es fällt daher bisweilen schwer, über mittlerweile 16 knapp 200seitige Bände am Ball zu bleiben. Dialoge, Charaktere, ein hervorragender Zeichenstil und eine Zombieapokalypse, die den untoten Charakter des Menschen in der spätkapitalistischen Gesellschaft zur Kenntlichkeit verzerrt, retten jedoch über derartige Längen hinweg.

Kengo Hanazawa: I am a Hero. Aus dem Japanischen von Nadja Stutterheim. 17 Bände, Carlsen, Hamburg 2012ff., 7,95 Euro.

Band 17 ist am 29. November erschienen.

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