Aus: Ausgabe vom 08.12.2016, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Fiskus greift Backpacker

Australien führt ab 2017 Besteuerung jobbender Touristen ein. Bei der Höhe wurde jetzt ein tragbarer Kompromiss erzielt. Obstbauern und andere Branchen erleichtert

Von Thomas Berger
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Die Reise zum Uluru mit kleinen Jobs auf dem Weg finanzieren: Rucksacktourist vor dem heiligen Berg der australischen Ureinwohner

Der Senat, zweite Kammer des australischen Parlaments, hat vorige Woche die sogenannte »Backpacker Tax«, das Gesetz über die Besteuerung arbeitender Touristen, abgenickt. Ab dem 1. Januar werden die Inhaber sogenannter Working-Holiday-Visa vom Staat mit 15 Prozent ihrer Einkünfte zur Kasse gebeten. Nach der parlamentarischen Entscheidung ging so etwas wie ein Seufzer der Erleichterung durch die Reihen der Tourismuslobby und der Landwirte. Denn ohne die neue Regelung hätte eine Besteuerung der arbeitenden Rucksacktouristen in Höhe von 32,5 Prozent gedroht. Die ist nunmehr vom Tisch.

Die konservative Koalition aus Liberaler und Nationaler Partei wollte mit den erhöhten Sätzen ursprünglich das Haushaltsdefizit verringern. »Ein arbeitender Urlauber zu sein bedeutet ja nicht, einfach einen Steuerurlaub machen zu können«, hatte Finanzminister Scott Morrison damals den Vorstoß begründet. Steuerfrei waren diese Beschäftigten auch bislang nicht, allerdings lag der Freibetrag so hoch, dass real kaum ein jobbender Tourist ins Visier des Fiskus geriet. Die Androhung, künftig gleich ein Drittel der Einkünfte an den Staat abführen zu müssen, hatte in den zurückliegenden Monaten zahlreiche derartige Langzeiturlauber davon abgehalten, sich für Australien zu entscheiden. Viele entschieden sich lieber für einen Trip ins benachbarte Neuseeland. Branchen, die ganz besonders von den temporären Arbeitskräften leben, haben dies bereits zu spüren bekommen. Insbesondere die mächtigen Farmerverbände machten Druck auf die Regierung. Die war vor dem aktuellen Kompromiss bereits auf einen Steuersatz von 19 Prozent zurückgerudert.

Im Rundfunknetzwerk ABC berichtete Susie Green von der australischen Vereinigung der Apfel- und Kirschbauern vergangene Woche, dass es bei der gerade gestarteten Kirschenernte schon schwerfalle, ausreichend Helfer zu finden: »Es gibt zweifellos derzeit nicht so viele Touristen wie sonst, die einen Job suchen.« Sie und ihre Kollegen hätten aber die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich die Zahlen bis zu der nach dem Jahreswechsel anstehenden Apfelernte wieder normalisieren, sofern die Regierung eine internationale Werbekampagne starte.

Sauer sind die Landwirte dennoch. »Das Ganze hat uns mächtig Ärger bereitet«, wird Gary Godwill, Vorsitzender des regionalen Obstbauernverbandes Fruit Growers Victoria, in den Medien zitiert. Und auch David Jochinke, Chef der allgemeinen Farmervereinigung des südöstlichen Bundesstaats, verwies auf »Schwierigkeiten«, die allein schon die monatelange Debatte um das Thema bereitet habe.

Die arbeitenden Touristen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren, deren spezielles Visum auf einen Aufenthalt von bis zu einem Jahr ausgelegt ist, bilden ein Reservoir an zusätzlichen Arbeitskräften: rund 200.000 junge Frauen und Männer, auf die Obstbauern, Gastronomen und andere Branchen setzen konnten. Die amtliche Zahl für 2015 lag bei 214.830 erteilten Visa – die größte Gruppe machten mit 44.370 die Briten aus. Doch auch bei deutschen Jugendlichen ist die Möglichkeit begehrt, bis zu zwölf Monate den fünften Kontinent möglichst umfassend zu erkunden und sich einen Großteil der keineswegs geringen Reisekosten durch eigene Arbeit dort zu verdienen. In den Herbergen hängt in aller Regel ein halbes Dutzend aktuelle Jobangebote der Umgebung aus. An der Rezeption wird man schnell noch auf weitere Möglichkeiten hingewiesen. Und zum Teil sind die Beschäftigen in den Hostels oder angeschlossenen Einrichtungen wie Bars und Restaurants oftmals selbst »Working Travellers«, die mit praktischen Ratschlägen helfen können.

Nicht zu unterschätzen ist, dass die Reisenden ihr verdientes Geld umgehend wieder ausgeben. Die ganze Palette touristischer Anbieter lebt zu nicht unerheblichen Teilen von solcherart Einnahmen. Wie die Obstbauern und andere Landwirte haben sie in diesem Jahr den Rückgang zu spüren bekommen. Julian Ledger, Geschäftsführer des australischen Jugendherbergsverbandes, verweist in einem Medienbericht auf eine nun schon monatelange Verunsicherung bei den jungen Leuten. »Wir sollten uns daran erinnern, dass sie schnell mit den Füßen abstimmen können. Sie müssen ja nicht mehr zu uns kommen, wenn wir die Rahmenbedingungen dafür unattraktiv machen«, sagte er kürzlich bei ABC. »Wer bereits geplant hatte, vor Weihnachten die Heimreise anzutreten: Überlegt es euch noch mal«, appellierte Sarah McKinnon vom nationalen Bauernverband an alle arbeitenden Touristen, die derzeit gerade im Land sind.

Im Senat, wo die regierenden Konservativen anders als im Abgeordnetenhaus keine eigene Mehrheit haben, ging das Votum 43:18 zugunsten des Kompromisses aus. Nicht nur die rechtsgerichtete One Nation Party stimmte dem Deal zu. Auch die Grünen, deren Chef Richard Di Natale betonte, die jetzige Regelung habe sichergestellt, dass noch »die Vernunft zugunsten von Farmern und Umwelt gesiegt« habe. Seine Partei setzte auch durch, dass über die nächsten vier Jahre zusätzlich 100 Millionen Australische Dollar (129 Millionen Euro) an Landcare Australia fließen – ein Netzwerk lokaler Aktivisten, das Projekte zum Ressourcenschutz, zum Beispiel Regenwasserkonservierung, unterstützt.

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