Online Spezial: Free Gaza

»Wir sind auch auf Schußwunden vorbereitet« - Ein Gespräch mit Guido Gorissen

30.06.2011, 21:00 Uhr

»Wir sind auch auf Schußwunden vorbereitet« - Ein Gespräch mit Guido Gorissen

Interview: Peter Wolter
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An Bord des kanadischen Schiffes »Tahrir« sind hochwertige Medikamente für den Gazastreifen. Das »Medical Team« hat sich auch auf einen israelischen Überfall eingestellt.
Dr. Guido Gorissen ist Arzt für Allgemeinmedizin. Er wohnt in Antwerpen (Belgien) und ist Mitglied der marxistischen Partij van de Arbeid (Partei der Arbeit)

Am Dienstag wurde eine große Ladung von Medikamenten auf die »Tahrir« geschafft, die sich in Kürze als Teil der Solidaritätsflotte auf den Weg zum Gazastreifen machen wird. Was für Arzneimittel sind das?

Die Palästinenser hatten uns eine lange Liste dessen geschickt, was sie dringend brauchen, aber aufgrund der israelischen Blockade nicht bekommen. Es sind zum Teil sehr teure Medikamente gegen Diabetes, gegen Erkrankungen des Herzens und des Verdauungstrakts sowie Antibiotika. Das Ganze hat rund 30000 kanadische Dollar gekostet, die die »Free Gaza«-Bewegung gesammelt hat. Mehrere der insgesamt zehn Schiffe haben ebenfalls wertvolle Medikamente an Bord.

Die griechischen Genossen, die die Arzneimittel besorgten, haben darauf geachtet, daß sie ein möglichst spätes Verfallsdatum haben. Die Israelis werden unseren Konvoi ja wahrscheinlich überfallen und der Weltöffentlichkeit gegenüber behaupten, daß sie diese Hilfsgüter selbstverständlich zum Gazastreifen weiterleiten.

Diese Nummer kennen wir aber schon, in früheren Fällen haben sie das nämlich erst dann gemacht, wenn das Verfallsdatum schon abgelaufen war oder kurz davor. Vergangenes Jahr haben sie die Rollstühle, die die erste Gaza-Flottille transportiert hat, zwar weitergeleitet – die Batterien aber vorher ausgebaut. Mit solchen Rollstühlen kann niemand etwas anfangen. Wenn die Israelis jetzt erneut unsere Medikamente stehlen und sie zwei Jahre liegen lassen oder falsch lagern, dann kommt das der bewußten Zerstörung von dringend benötigten Hilfsgütern gleich. Das wäre ein weiteres Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Als Arzt könnten sie in Belgien ein bequemes Leben führen. Statt dessen fahren Sie nach Palästina, auf einem kleinen Schiff, das aller Voraussicht nach von der israelischen Marine mit Tränengas oder Pfefferspray überfallen wird, vielleicht sogar mit Schußwaffen. Was motiviert Sie zu dieser abenteuerlichen Expedition?

Zum Zeitpunkt der Massaker in den Flüchtlingslagern Sabra und Shatila im Libanon war ich 30 Jahre alt. Die Israelis hatten damals, im Jahr 1982, libanesische Faschisten – die angeblich christliche Falange – mit Hubschraubern in die Lager gebracht, wo sie binnen drei Tagen rund 1500 Menschen massakrierten. Als einer der ersten Ärzte kam ich danach in eines der Lager – es war einfach schrecklich. Die Männer waren fast alle ermordet, es gab dort nur noch Frauen, Kinder und einige Greise. Alle waren schwer traumatisiert, viele hatten schwerste Verletzungen. Über dem Lager hing Leichengeruch. Von diesem Tage bis heute hat mich das palästinensische Drama verfolgt. Verantwortlich für diesen Massenmord war übrigens der damalige Verteidigungsminister Ariel Scharon, der es später sogar zum Ministerpräsidenten brachte.

Haben Sie weitere Erfahrungen dieser Art gemacht?

Einige Jahre später, 1985, war ich im Nordlibanon im Flüchtlingslager Nar-El-Bared. Die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO hatte sich in diese Region zurückgezogen und wurde vom Land her von den Syrern angegriffen, von der See von den Israelis. Auch bei dieser Gelegenheit gab es entsetzliche Massaker mit vielen Toten. PLO-Führer Yassir Arafat und seine Kämpfer konnten damals übrigens mit einem griechischen Schiff entkommen.

Und 2002 war ich gemeinsam mit einem belgischen Rechtsanwalt als »fact finding mission« im Westjordanland, um herauszufinden, was sich im Flüchtlingslager Dschenin abgespielt hat. Dort hatten israelische Soldaten 60 Menschen umgebracht, und alle Häuser plattgewalzt – und zwar mit Planierraupen des US-Herstellers Caterpillar. Diese Geräte waren riesig, dreimal so groß, wie wir sie von Baustellen in Europa her kennen. All diese Erlebnisse haben mich dazu gebracht, daß ich den Rest meines Lebens jede Gelegenheit nutzen werde, mich für die Palästinenser einzusetzen.

An der Reise mit der »Tahrir« nehmen etwa 50 Personen vorwiegend aus Kanada, Belgien, Australien und Dänemark teil. Sie, der kanadische Arzt Bashar und die belgische Krankenschwester Yannick sind das »Medical Team« . Worauf sind Sie vorbereitet?

Wir haben zunächst in einer Liste erfaßt, wer welche akuten oder chronischen Krankheiten hat und welche Medikamente er oder sie braucht. Wir sind auch auf die üblichen Geschichten eingestellt, wie Seekrankheit, Durchfall, Sonnenbrand oder Sonnenstich. Außerdem haben wir uns mit ausreichend Material eingedeckt, um in erster Hilfe alle Verletzungen zu behandeln, die bei einem Überfall der israelischen Marine entstehen können. Wir sind auch auf Schußwunden vorbereitet.