Aus: Ausgabe vom 03.03.2016, Seite 5 / Inland

Berufsrisiko Frau

»Weiblicher Beschäftigungsboom« basiert auf niedrigen Gehältern und Teilzeitverträgen. Alleinerziehende besonders betroffen

Von Susan Bonath
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Frauen verdienen im Osten neun- und im Westen sieben Prozent weniger Gehalt. Arbeiterin bei Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen (2. Juli 2013)

In Deutschland hat sich an den enormen Einkommensunterschieden zwischen den Geschlechtern wenig geändert. Im Schnitt verdienen Frauen hierzulande 21,6 Prozent weniger als Männer. Im europäischen Vergleich klaffen die Bruttolöhne nur in Österreich (22,9 Prozent) und Estland (28,3 Prozent) weiter auseinander. Die geringsten Unterschiede bestehen in Slowenien (2,9 Prozent) und Malta mit 4,8 Prozent. Das ergab eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion (liegt jW vor), über die am Mittwoch zuerst die Funke-Mediengruppe berichtete.

Demnach bestehen bei der Lohnungleichheit auch Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. So verdienen Frauen in den alten Bundesländern sogar rund 23 Prozent weniger als Männer, im Osten sind es neun Prozent. Dies liege daran, dass im Westen weiterhin weniger Frauen voll berufstätig sind. In den neuen Ländern haben Frauen mehr Chancen auf höher bezahlte Arbeitsplätze. Werden allerdings Faktoren wie Branchen, Unternehmenshierarchien und Stundenanzahl abgezogen, haben sie in Ostdeutschland sogar schlechtere Karten, an das Gehalt ihrer männlichen Kollegen heranzukommen: Trotz gleichwertiger Tätigkeit erhalten sie dort rund neun Prozent weniger Gehalt, im Westen sind es sieben Prozent.

Insgesamt, so geht aus der Antwort weiter hervor, müssen Frauen häufiger prekäre Arbeitsbedingungen hinnehmen. Gut 85 Prozent aller Teilzeitbeschäftigten mit weniger als 20 Wochenstunden seien weiblich. Auch 77 Prozent der rund 7,8 Millionen Minijobs würden von Frauen verrichtet. In ihrer zuletzt veröffentlichten Jahresstatistik für 2014 erklärte die Bundesagentur für Arbeit (BA), vor allem solche »atypischen Jobs« seien für den »weiblichen Beschäftigungsboom« verantwortlich. So seien 2014 rund 2,2 Millionen Frauen mehr als 2005 berufstätig gewesen. Von insgesamt rund 16 Millionen weiblichen Beschäftigten arbeiteten laut BA sogar 45 Prozent in Teilzeit.

Die Bundesregierung räumte in ihrer Antwort eine »zumindest mittelbare Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt« ein. Sie hätten weniger Chancen, schlechtere Einkommensperspektiven und geringere berufliche Aufstiegsmöglichkeiten. »Was die soziale Lage von Frauen angeht, sind wir von einer Gleichberechtigung der Geschlechter noch weit entfernt«, konstatierte die Linke-Abgeordnete Sabine Zimmermann. Noch immer arbeiteten Frauen häufig in Branchen mit niedriger Bezahlung und hoher Belastung. Viele der Betroffenen könnten von ihren niedrigen Löhnen nicht leben, geschweige denn ausreichende Rentenansprüche aufbauen, so Zimmermann.

Vor stark wachsender Altersarmut wird seit Jahren gewarnt. Zuletzt hatte der Paritätische Wohlfahrtsverband in seinem Ende Februar veröffentlichten neuen Armutsbericht konstatiert, dass immer mehr Frauen mit Minirenten rechnen müssten. Der Verband sieht die Ursachen in der Rentenpolitik der Bundesregierung, die Frauen stark benachteilige. Auf ihnen laste der größere Anteil an der Familienarbeit. Dies führe zwangsläufig zu unterbrochenen Erwerbsbiographien. Statt dies zu berücksichtigen, »war politische Priorität der vergangenen Jahre die Sicherung der Position der vergleichsweise gut situierten Facharbeiter, in der Regel Männer«, erklärte Joachim Rock vom Verband in einer am Dienstag veröffentlichten Auswertung.

Die zweite im Armutsbericht benannte vorrangig weibliche Gruppe sind die Alleinerziehenden. Danach seien inzwischen rund 42 Prozent von ihnen auf Hartz IV angewiesen, viele davon trotz Erwerbsarbeit – Tendenz steigend. Ende 2014 hatte die Bertelsmann-Stiftung in einer Studie noch einen Anteil von rund 39 Prozent errechnet. Neben Lohnunterschieden und prekären Arbeitsbedingungen macht der Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) unzureichende Betreuungsangebote für Kinder und gravierende Mängel im Steuer-, Unterhalts- und Sozialrecht dafür verantwortlich, wie er in einer Stellungnahme zum Bericht darlegte. »Sie fallen durch’s Raster und am Ende in die Altersarmut.«

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