Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung für die Opfer rechten Terrors halten am 28. November in Erfurt Schilder mit den Namen der Getöteten
Foto: dapd
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Auf einer Gedenkveranstaltung im Berliner Konzerthaus wird heute der Opfer des neofaschistischen Terrors gedacht. Mindestens zehn Morde, darunter an neun Migranten, gehen auf das Konto des »Nationalsozialistischen Untergrundes«. 13 Jahre lang konnte die Terrorgruppe in einer Art Halblegalität agieren und Anschläge begehen, ohne Gefahr zu laufen, verhaftet zu werden. Mehrere Gelegenheiten, das polizeibekannte NSU-Trio festzunehmen und so zumindest einige der den Neonazis angelasteten Morde zu verhindern, ließen die Ermittler verstreichen. Der Staatsakt soll auch eine Art Schlußstrich unter die schlimmste Rechtsterrorserie der BRD sein. Der zukünftige Bundespräsident Joachim Gauck lehnte, so die Welt Ende November 2011, einen Staatsakt zum Gedenken an die Toten ganz ab, da deren Ermordung so lange zurückläge.
Spur des Terrors
Enver Simsek war offenbar das erste Opfer des NSU. Der Blumengroßhändler türkischer Herkunft wurde am 9. September 2000 laut Berliner Tagesspiegel an einem Verkaufsstand mit acht Schüssen aus zwei Waffen schwer verletzt. Doch er stirbt nicht, wird ins Krankenhaus eingeliefert. Zwei Tage später stellen die Ärzte die lebenserhaltenden Maschinen ab. Seine Familie war vorher nicht gefragt worden, hieß es in dem Bericht. Befragt wurden die Angehörigen Enver Simseks allerdings jahrelang von Ermittlern des Landeskriminalamts (LKA) Nürnberg. Ob sie dem Bruder ihrer Mutter eine solche Tat zutraue, erkundigen die sich bei der damals 14jährigen Tochter des Opfers. Ob sie von der - frei erfundenen - »blonden Geliebten« ihres toten Mannes wußte, muß die Mutter beantworten. Sie wußte nichts und konnte auch nichts wissen. »Wir wollten dich nur testen, behalte deinen Mann in bester Erinnerung«, sagen ihr die Polizisten. Den Schuldenberg, der ihr nach dem Mord am Vater geblieben ist, trägt die Familie Simsek noch heute ab.
Die NSU-Mitglieder Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe haben sich, vor ihrem ersten Mord, im »Chemnitzer Raum« niedergelassen. Sie können auf breite Solidarität durch die neofaschistische Szene zählen: Ein Netzwerk aus Unterstützern erledigt die bürokratischen Formalitäten, stellt Pässe und Bahncards, mietet Fluchtfahrzeuge an. Der Neonazi Carsten S. ist der Kontaktmann des Trios. Auf Konzerten werden Spendendosen für die »nationalen Märtyrer« aufgestellt, bei regelmäßigen Umlagen können die Gesinnungsgenossen Geld geben für »die drei«, die in den Untergrund gingen. Carsten S. steigt später aus der Szene aus. Ihm werden Kontakte bis 2003 vorgeworfen. Seine Zeit mit dem NSU wird Carsten S. erst viele Jahre später einholen: Am 1. Februar 2012 wird er als bisher letzter Unterstützer der Terroristen verhaftet, er soll umfassend ausgesagt haben. Seit 2008 wohnen die Terroristen in der Frühlingsstraße in Zwickau, sie pflegen dort ein bürgerliches Leben in einer Art Wohngemeinschaft mit freundschaftlichen Kontakten zu den Nachbarn. Die halten die drei für »gut verdienende Grüne« - weil sie so häufig mit dem Fahrrad unterwegs waren. Die Idylle endet, als Beate Zschäpe am 4. November 2011 die Wohnung in Brand setzt und flüchtet. Vier Tage später stellt sie sich der Polizei.
Während des EM-Qualifikationsspiels Türkei gegen Kroatien erreicht die Familie Simsek die Nachricht, daß die Mörder ihres Angehörigen endlich gefunden werden konnten - tot, in einem Wohnmobil in Eisenach. Aus dem Verdacht, daß die Behörden einer bestimmten, der entscheidenden Spur nicht folgen wollten, wird Gewißheit. Die Tochter Semiya Simsek ruft beim Bundeskriminalamt an. Sie wird laut Tagesspiegel abgewimmelt, solle sich über die Medien informieren, bescheiden ihr die Beamten.
Doppelselbstmord?
Der Focus hat die als »vertraulich« eingestufte Ermittlungsakte zum Tod der beiden NSU-Schützen ausgewertet. In ihr findet sich die derzeit offizielle Version zum Ende der Terroristen. Nach einem Banküberfall am 4. November 2011 hielten sich beide in einem Wohnmobil in Eisenach auf, als eine Polizeistreife sich dem Wagen nähert. Mutmaßlich Böhnhardt soll das Feuer auf die Polizisten eröffnet haben, doch seine Waffe streikt. Daraufhin sollen sich beide zum Selbstmord entschieden haben - Mundlos erschießt Böhnhardt, öffnet die Gashähne und legt Feuer im Campingmobil. Dann erschießt er sich selbst.
Die Bundesanwaltschaft plant, im Herbst Anklage wegen der Mordserie des NSU zu erheben. Dann dürfte versucht werden, Beate Zschäpe die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung nachzuweisen. Auch ein vierter Mann, der Zwickauer Neonazi André Eminger, könnte dann nicht mehr nur als Unterstützer, sondern als Mitglied des NSU angeklagt werden, berichtete das Internetportal »Blick nach rechts«: Die Verfahren gegen Eminger und Zschäpe könnten von denen der übrigen bisher elf Verdächtigen abgetrennt werden. Der Bundestag hat einen Untersuchungsausschuß eingesetzt, der das Versagen der Behörden aufklären soll, jedoch nur auf Bundesebene. Um die föderalen Koordinationsfehler soll sich eine Bund-Länder-Kommission kümmern. Rücktritte gab es bisher keine, Verfassungsschutzämter wurden nicht aufgelöst, V-Männer nicht abgezogen. Die Rede auf der offiziellen Gedenkveranstaltung, die eigentlich Christian Wulff halten sollte, wird Bundeskanzlerin Angela Merkel übernehmen. Diese Rede gilt als wichtig, auch als Signal an das Ausland, das fassungslos die deutschen Geschehnisse beobachtet hat.
Semiya Simsek, Envers Tochter, ist heute 25 Jahre alt. Auch sie wird auf der Gedenkveranstaltung sprechen. Und sie wird Deutschland verlassen - den Staat, in dem sie geboren wurde. Im Juni geht sie in die Türkei; ein Land, das ihr fremd ist, in das sie sich erst integrieren müsse, sagte Simsek dem Tagesspiegel. Zwölf Jahre nach dem Tod des geliebten Vaters, der von den deutschen Ermittlern mal zum Mafioso, mal zum Spielsüchtigen, mal zum Ehebrecher gemacht wurde. Neonazis als Täter - diese Vermutung stellten die LKA-Beamten gar nicht erst auf. Neun Morde an Migranten, immer mit denselben Waffen - und keine staatliche Stelle vermochte ein Muster zu erkennen.