Daß die Feiern zum ersten Jahrestag des Ausbruchs des ägyptischen Aufruhrs den Auftakt zur »zweiten Revolution« bilden könnten, ist eher unwahrscheinlich. Fakt ist, daß sich die Erwartungen der Aktivisten von damals nicht erfüllt haben. Es ging ja nicht nur darum, den Diktator loszuwerden, sondern die Diktatur in ihrem strukturellen Gehalt zu brechen. So aber wurde vorerst nur eine versteckte durch eine offene Militärherrschaft ersetzt. Zwar hat der Militärrat sein Versprechen gehalten und die Durchführung von Wahlen ermöglicht. In deren Vorfeld wurde aber alles getan, damit sie nicht mit einem die Machtkontinuität bedrohenden Ergebnis enden.
Sieger der Wahlen wurden die Moslembrüder, die sich erst sehr spät und dann sehr zögerlich der antidiktatorischen Massenbewegung angeschlossen hatten. Die Aktivisten vom Tahrir-Platz in Kairo vermochten es nicht, ihre revolutionären Energien in politisches Gewicht umzusetzen. Dazu fehlte es ihnen an Erfahrungen und klaren Vorstellungen. Im wesentlichen folgten sie einer eher diffusen Demokratie- und Freiheitsagenda, was der ägyptischen Rebellion das Wohlwollen der veröffentlichten Meinung im Westen einbrachte. Das wiederum hatte seine Rückwirkungen auf die Bewußtseinsprozesse innerhalb der Bewegung. Die Wucht des Aufruhrs läßt aber darauf schließen, daß ihm nicht nur ein antidiktatorisches Element innewohnte, daß sich vielmehr eine seiner wesentlichen Triebkräfte aus sozialer Unzufriedenheit ergab. Auf dem Höhepunkt des Aufruhrs war der Tahrir-Platz von einem Bündnis aus studierender Mittelstands- und verelendeter Vorstadtjugend beherrscht.
Weil sich aber die soziale Dimension nicht wirklich Geltung zu verschaffen wußte, begann die Rebellion auf der Stelle zu treten. Sie hat bis heute keine revolutionäre Qualität erreicht. Eingriffe in die bestehenden Eigentumsverhältnisse sind nicht einmal ernsthaft thematisiert worden. Streikkämpfe der Arbeiterklasse wurden vom Mainstream auf dem Tahrir als Verfolgung von Partikularinteressen kritisiert. Eine weitere Schwäche der Bewegung ist ihr naiver Kosmopolitismus. Die drückende Abhängigkeit der arabischen Welt von den westlichen Hegemonialmächten scheint in dieser »arabischen Revolution« keine oder kaum eine Rolle zu spielen – in Libyen und Syrien werden imperialistische Interventionen von vielen sogar als Revolutionshilfe wahrgenommen.
Der Wahlsieg der Moslembrüder ist vor allem dadurch erklärbar, daß bei Wahlen das Gewicht des gesellschaftlichen Konservativismus am schwersten wiegt. Zudem haben die säkularen Kräfte liberaler oder linker Provenienz den Volksmassen nichts wirklich Überzeugendes anzubieten. Die Liberalen nicht, weil sie den sozialen Emanzipationsbestrebungen der Unterschichten feindlich gegenüberstehen, und die Linken nicht, weil sie zu schwach sind und einem sektiererischen Säkularismus anhängen.