07.01.2012 / Wochenendbeilage / Seite 6 (Beilage)Inhalt

Das Eingepackte erkennen

Über die Organisationsfrage. Teil eins: Programm, Strategie, Taktik

Von Dietmar Dath und Barbara Kirchner
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Dietmar Dath, Jahrgang 1970, ist Schriftsteller, Journalist und Übersetzer. Er lebt in Freiburg und Frankfurt am Main, wo er als Marxist für die FAZ arbeitet. Am Samstag, den 14. Januar, tritt er in Berlin bei der XVII. Rosa Luxemburg Konferenz der jungen Welt auf. Um 18 Uhr diskutiert er mit Georg Fülberth, Jutta Ditfurth und Heinz Bierbaum die Frage »Sozialismus oder Barbarei – Welche Rolle spielt Die Linke?«
Barbara Kirchner, Jahrgang 1970, ist Schriftstellerin und Professorin für theoretische Chemie an der Universität Leipzig.
Im Februar erscheint bei Suhrkamp das Buch »Der Implex. Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee«. Nebenstehender Text ist ein gekürzter und bearbeiteter Auszug aus dem elften Kapitel, welches das Thema »Organisation: Club, Gewerkschaft, Partei« behandelt. Überschrift und Zwischenüberschriften stammen nicht von den Autoren, sondern von der Redaktion.

Die Frage »Partikularismus oder Universalismus« ist, vom Kopf auf die Füße gestellt, nichts anderes als die nach Organisationsformen (klein, groß, grassroots, basisbewegt, betroffenen­orientiert, kaderartig, konspirativ, demokratisch, zentralistisch, minoritär, volksfront­artig, wohnortsbezogen, betrieblich).

Will man wissen, was »Organisation« im Spannungsfeld zwischen dem Partikularen und dem Universalen leistet (und überhaupt bedeutet), sollte man sich zunächst die Unterscheidung zwischen Organisation und Institution ansehen, die wiederum auf verwickelte Weise der zwischen Gesellschaft und Staat verwandt ist.

Die erste Grobannäherung ans Problem darf von dem Befund ausgehen, daß Organisationen in der Gesellschaft in beliebiger Menge und nahezu beliebiger Gestalt vorkommen können (von Kirchen bis Verbrecherbanden), Institutionen (wie Banken, Firmen, Schulen oder Schützenvereine) aber auch dann, wenn sie selbst nicht zum Staat gehören, ohne ein Minimum an staatlichen Bestandsgarantien keine sind. Wir wollen mit diesem Unterschied nicht auf Rebellenromantik hinaus: Daß »von oben« instituiert wird und »von unten« organisiert, ist nicht mal als Daumenregel besonders hilfreich; Arbeitgeberverbände sind organisiert, nicht ernannt, und intern nicht selten »demokratisch«. Wie überall in unserem Argumentengang kommt es uns vielmehr hier darauf an, daß die geometrisch-mengenbildnerisch-topologischen Vorstellungen, die man sich so macht, um menschliches Tun und Lassen, Hexis und Praxis zu beschreiben (irgend etwas ist »oben oder unten«, »Teil oder Ummantelung von etwas«, »größer oder kleiner als etwas«, »Breite oder Spitze«), einer voranalytischen Weltauffassung entnommen sind, in der soziale Strukturen grundsätzlich nach territorialen und hierarchischen Bildern aufgeschlüsselt werden müssen, die nur irreführend sein können.

Die Frage der Arbeitsteilung

»Implex«, zentrale Kategorie dieses Buches, ist demgemäß eine, die lehren will, das Eingepackte als etwas zu erkennen, das manchmal größer ist als das Äußerliche. Der Implex eines Sachverhalts, das sind für uns alle aus ihm ableitbaren künftigen Sachverhalte, die wahrscheinlich genug sind, daß menschliches Handeln sie herbeiführen kann. Wie man sich im Fall der Erarbeitung einer historischen und politischen Analyse stets entscheiden muß, ob mit »Gewalt« ein Ding, eine Handlung oder eine Relation gemeint ist (und wir nichts davon »verbieten« wollen, wenn wir unsere Präferenzen ebenso deutlich machen wie die Gründe, die uns zu ihnen bewegt haben), ist auch die Hordenoptik von »oben« und »unten« für uns freilich keineswegs das schlechthin Falsche: Daß es »oben« besser ist als »unten«, knüpft als Bild an Reflexe an, die ihren eigenen Implex haben, sich aber nicht ausprägen hätten können, wenn nicht (wie an jeder Ideologie) irgendwas dran wäre: Sowohl in der Natur wie in der Gesellschaft bedeutet ein Fortschritt in der Vertikalen beispielsweise einen Übersichtszugewinn. Wogegen wir uns aber aussprechen wollen, ist eben, daß solche Vokabulare, Tropen, Perspektiven automatisch, anders als bewußt, ohne Aufdeckung ihrer normativen, zweckgebundenen Dimension verwendet werden. Wenn man mit »oben« wirklich den Ort der besseren Übersicht meint und mit »Mitte« wirklich etwas, wohin es von allen falschen Exzentrika und jedem schlechten Besonderen gleich weit ist, dann kann man lobend meinen, was Peter Hacks sagt: »Die Mitte ist oben«, die Synthese also, gut hegelisch, eine zu begrüßende Überwindung von Position wie Negation.

Der einzige aus unserer Perspektive erkennbare Ansatzpunkt, derlei effektiv zu begegnen, ist wohl die entschiedene Rückbindung aller einschlägigen Erörterungen auf die Frage der Arbeitsteilung – statt also zu sagen, ein Zentralausschuß stehe über anderen Einrichtungen, muß man bestimmen, was er bündelt und warum das jene nicht können. Das Wort vom »demokratischen Zentralismus«, das Lenin bekanntlich sehr ernst genommen hat, ist in diesem Zusammenhang Gold wert, insofern es nicht unbedingt auf den Unterwerfungsreflex setzt, das heißt nicht rückhaltlos die neural pathways des Hordenmenschen aktiviert. Die Übersetzung der primatenpolitischen Sprache der Klassengesellschaften in fair arbeitsteilige ist allerdings eine, die man nie vollständig am Schreibtisch (Laptop, iPhone, whatever) wird leisten können. Heute (im Gegensatz zur Zeit des Hochfordismus) ist sie aber vielleicht sogar organisationsdepravierten Lohnabhängigen leicht als wichtige Emanzipationsaufgabe klarzumachen, die ja inzwischen modularer arbeiten als früher selbst die freiesten der freien Handwerker).

Heißer Staub im All

Die moderne, dem bürgerlichen Gemeinwesen gemäße Idee der Organisation ging in der Aufklärung aus der Idee der Öffentlichkeit hervor. Zum Feudalabsolutismus und anderen vorbürgerlichen Herrschaftsweisen oppositionelle Korrespondenzen und Debattierzirkel verdichteten sich, wie aus heißem Staub im All sich Sonnen ballen, in städtischen Milieus zwischen Antwerpen und Paris zu republikanischen Clubs, unter denen die berühmtesten selbstverständlich die sind, die in der Französischen Revolution in enger Verbindung (nicht immer Identität) mit den politischen Parteien der königlich zugelassenen Parlamentsversammlung agierten. Sektionen, Clubs, Volksgesellschaften (erstere waren basisdemokratische Plattformen, die man in der eigentlichen Revolutionsperiode als Hybride zwischen Willensbildungsorganisationen und knospend neustaatlichen Institutionen ansehen kann, ähnlich den späteren Sowjets, wenn auch zahmer im Betreff der Machtfrage; der Konvent hatte mit ihnen jedenfalls nicht weniger Probleme als Kerenskis Duma mit dem Arbeiter- und Soldatenratswesen).

Für oppositionelle, Dissidenz oder Protest operationalisierende Organisationen, die legal, aber keine Institutionen sind, bleibt die alles Operative überwölbende Schwierigkeit stets die: Wenn der jeweilige Mißstand oder die jeweilige Norm, die von so einer Organisation angegriffen oder anderweitig negiert werden, mit der gesellschaftlichen Macht oder der Staatsmacht (oder gar beiden) stehen und fallen, dann besteht die fortwährende Gefahr, daß das Tauziehen, der Kampf, die Debatte für beendet erklärt werden, bevor die betreffende NGO gewinnen kann, nach Punkten (etwa als »moralischer Sieg« in der Öffentlichkeit) oder per Knockout (in Form von gesetzesförmigen Veränderungen). Jede Betriebsrätin weiß: Keine Firma bezahlt einem Mitarbeiter genug, daß er sich jemals Anwälte leisten könnte, die in der Lage wären, die Firma in seinem Auftrag erfolgreich zu verklagen; alles andere wäre betriebswirtschaftlicher Unsinn.

Bürgerinitiativen sind pipifax

Aus nichts anderem als diesem Wissen entspringt die tragende Idee der organisierten Solidarität: Die Gewerkschaft setzt dem Tatbestand sozusagen das Prinzip der Sammelklage entgegen. Die daraus folgende Abwandlung der brechtschen Johannalosung muß somit lauten: Es hilft nur Organisation, wo Institution herrscht; was der Kunst nämlich gestattet ist – die erstrebte Symmetrie oder sonstige Formen von erstrebtem Recht, etwa identitäre, schon in die Kampfmittel hineinzunehmen (ein anderes als Brechts Beispiel wäre Christian Geisslers Leitmotiv »Wir sind nur das, was wir gegen sie tun« im Roman »Kamalatta«) –, stellt in der Gefechtsplananalyse der Politik eine Rechenfehlerquelle dar, die sie sich nicht leisten kann.

Daß es trotzdem ein Künstler war, nämlich der Dichter Ronald M. Schernikau, der in seinem Epos »legende« eine sehr herbe Zuspitzung des eben artikulierten Gedankens fand, verdient in Anerkennung des sicheren Realitätssinnes dieses Autors besonders gewürdigt zu werden – »machen wir uns nichts vor: staatspolitik ist militärpolitik, kulturpolitik ist wirtschaftspolitik, bürgerinitiativen sind pipifax.«1

Die linke Tradition des Antireformismus von Marx und Engels über Luxemburg und Lenin bis zu anarchoiden Neo-Operaisten am Rand der Antiglobalisierungsbewegung kommt hauptsächlich aus der Erfahrung, daß es gesamtgesellschaftliche Aufgaben gibt, die ein im Klassengemeinwesen eingerichteter Staat niemals lösen will und wird und bei denen er auf nichtstaatliche Lösungsversuche mit Repression reagiert.

So wie nach Talleyrands Wort Hochverrat eine Frage des Datums ist und eine Verfassung nach marxistischer Lehre ein Waffenstillstandsdokument im Klassenkampf, bezeichnet das Wort »Nichtregierungsorganisation« den Versuch einer ökonomisch und militärisch schlecht- bis ungedeckten Gruppe, einen Nichtangriffspakt mit dem Staat abzuschließen, den dieser erfahrungsgemäß genau dann aufkündigt, wenn es interessant wird – linksradikalen Schmittianern, die es in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in großer Zahl gegeben haben soll, gefiel daher an der RAF ganz besonders, daß diese in ihren theoretischen Dokumenten und Kommandoerklärungen eine Weile lang wie der Staat redete. Mit Schernikaus Feststellung, Staatspolitik sei Militärpolitik, ist allerdings mehr und Komplexeres gemeint als die sprechende Knarre, nämlich daß Politik im Staat, Politik des Staates und Politik gegen den Staat allesamt Strategie und Taktik kennen, zwei Begriffe, mit denen dann in der auf die genannten Siebziger folgenden Winzigepoche der mitteleuropäischen Geistesgeschichte in allerlei Subversions- und Simulationstheorien viel Unbegründbares begründet wurde, weil man sie nicht gern in dem Kontext sah, in dem allein sie einen Sinn ergeben können. Sie gehören als zwei Aspekte einer praktischen Angelegenheit zu einer anderen, theoretischen, die »Programm« heißt. Als Maschine beschrieben: Das große Rad, das sich, weil es sehr groß ist, sehr langsam dreht, heißt Programm, es greift in ein kleineres namens Strategie und treibt so vermittelt das kleinste und schnellste an, die Taktik. Wilhelm Liebknechts berühmtes Kanzelwort, man müsse die Taktik in 24 Stunden ändern können, enthält, krempelt man es um, eine Definition: Taktik ist eben alles, was man in 24 Stunden ändern kann; Sachen, bei denen das nicht geht, sind strategischer oder programmatischer Natur – diese formale, gleichsam der von Marx aus der klassischen englischen Ökonomie geerbten und präzisierten Wertbestimmung nachgebildete Analyse der Sache, hat vor der inhaltlichen (das Programm sagt, was man erreichen will, die Strategie, wie man da hingelangt, die Taktik, was man tun muß, um auf diesem Weg voranzukommen) voraus, daß in ihr aufscheint, wie ein taktischer Mißgriff den Rhythmus des Ganzen durcheinanderbringen, die Zeitverhältnisse asynchron machen und damit sogar das Programm beschädigen kann. In der Realität kommt freilich die Problematik der ständigen Möglichkeit taktischer und strategischer Vorteile um den Preis einer Aufweichung der Sache hinzu, und nicht zuletzt das (nicht immer übrigens rationale) Kalkül des Gegners: Staat und gesellschaftliche Macht erzeugen ungern Märtyrerinnen, viel lieber Verräterinnen; Bestechung ist also stets die Taktik der Wahl und das Angebot, den Druck zu vermindern, wenn nach allen Richtungen, die Strategie und Taktik opportun erscheinen lassen, wird immer offengehalten, sieht aber von Seiten der Gegenmacht wie eine Gelegenheit zu besonders klugem, besonders erfolgversprechendem Handeln aus, und so weiter.

Was wir »Programm« nennen

Was wir »Programm« nennen und wovon wir meinen, daß es auf Praxis angelegt sein sollte, nennt selbst der aufgeklärteste Bürger, der die Hexis mehr liebt als die Praxis, weil er seine Ruhe will und das Naturrecht ihm die garantieren soll, lieber »Werte« (die sich, einzeln aufgelistet, zu Programmpunkten verhalten wie Bewegungen zu Organisationen). Der französische Bürger zur Zeit der Revolution, der sich den Brissotins oder Montagnards, den Jacobins oder anderen Organisationen zurechnete, hielt besonders viel von den Tugenden und der Tugend; was das sei, damit ließen sich sozial- und geistesgeschichtliche Bände von niederschmetterndem Umfang füllen. Der deutsche Spießbürger (von dem gar nicht so sicher ist, ob es ihn noch gibt; vielleicht ist es langfristig der letzte Sinn alternativer und para-spontaneistischer Milieus, ihn zu konservieren, so wie es der Fluch der Sowjetunion und ihrer Bündnispartner war, den vorsintflutlichen Nationalitätendreck am Leben zu erhalten, der dann ihr Erbe antrat) hielt und hält bekanntlich mehr von Sekundärtugenden; was die sind, läßt sich immerhin sagen: Zucht und Ordnung, das Vermögen zu Gehorsam und Befehl, Fleiß, Sparsamkeit und Pünktlichkeit.

Das illegitime Kind der sozialpolitischen Seite der Französischen Revolu­tion, die Arbeiterbewegung, die in Frankreich risikobereiter agierte als in Deutschland, von Deutschen aber systematischer gedacht wurde als von Franzosen, strebte nach Gütern, die entweder als Tugenden oder als Sekundärtugenden zu klassifizieren gar nicht so leicht fällt: Unbeugsamkeit, Fortschrittlichkeit, Solidarität. Die Tugenden des citoyen, die Sekundärtugenden des Hausmeisters und die Werte des linken Arbeiters haben gemeinsam, daß es sich dabei um normative Kategorien handelt, die zu Praxis wie Hexis in stark situationsabhängigen Relationen stehen.

Uns jedoch interessiert zunächst ihr Verhältnis untereinander, dessen Ordnung derjenigen, die zwischen Strategie und Taktik einerseits, Programm andererseits waltet, durchaus vergleichbar ist. Ohne Sekundärtugenden sind Tugendvorstellungen wie die der mündigen Franzosen politisch nicht als Parameter der Vergesellschaftung aufzurichten; das steht nicht anders als mit der Strategie ohne Taktik. Der Kategorienfehler, diese beiden Ebenen ineinanderkollabieren zu lassen, ist eine der Spielarten des naiveren Anarchismus: Mein Wert ist die Freiheit, also kann ich in meiner Organisation keine Befehlsketten etablieren oder auch nur zulassen – was wäre von einer Ärztin zu halten, die sagte: »Mein Wert ist der unversehrte Körper, also darf ich dem Unfallopfer nicht den Bauch aufschneiden«? Überhaupt alle sogenannte Gesinnungsethik ist eine liebevoll ausgebaute Verwechslung von Programmen mit Strategien und Taktiken. Gandhis hochverdienter Ruhm beruht nicht darauf, daß er seine Leute zur Gewaltlosigkeit anhielt (von vielen, die das aus aufrichtiger Herzensüberzeugung anderswo getan haben, weiß kein Mensch; ihr Irrtum macht sie moralisch nicht schlechter, aber zu politischen Nonentities), sondern weil dies – in präziser Abstimmung mit anderen wohlorganisierten Schritten – die richtige Strategie und Matrize für die richtige Taktik war, sein Ziel der Unabhängigkeit eines neuen Nationalstaats namens Indien von England zu erreichen. Daß dies so war, sieht man am Ergebnis. Programme sind teleologisch, Strategien statistisch, Taktiken lokal kausal.

1 Ronald M. Schernikau: legende. Dresden 1999, S. 756
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