»The Art of Love« lautete das Motto der Love Parade
2010 in Duisburg: die Kunst der Liebe. Wie viele Lügen sind in
diesen vier Worten? Jedenfalls bezahlten 19 Menschen dafür,
beziehungsweise für ihre Teilnahme an dem aufdringlichen
Massenschwindel, mit ihrem Leben; 342 weitere wurden verletzt. Die
Verlautbarungen der Kondolenzkamarilla ließen nicht lange auf
sich warten: Merkel, Wulff et cetera versicherten sich selbst ihrer
Fähigkeit, Schmerz, Trauer, Entsetzen und ähnliche
Mediengefühle auszustellen. Wider solch routinierte
Ausscheidungen hilft das antidotische Reimen: Mensch, bleibe
heiter, du kennst es ja schon: Je hohler, je pleiter, desto mehr
Inflation.
Politikerhafte Pietätsheuchelei muß man den meisten der
verbliebenen Love-Parade-Teilnehmern immerhin nicht vorwerfen; sie
feierten einfach weiter. »Was sollten wir machen?«
klagten ein »Lars« und ein »Alka« einem
WDR-»1Live«-Update-Radioreporter. »Wir kommen aus
Heilbronn!« Das mag manchem allzu lapidar erscheinen; wer
aber Heilbronn kennt, muß den schlichten Jungs recht geben:
Was sollten sie machen? In Heil!bronn jedenfalls werden der Lars
und der Alka es niemals erfahren.
Andere Raver, andere Schmerzen: »Es war fast wie
Silvester– kein Netz!« monierte empört eine
»Agnes«, und zwei weitere Love-Parade-Besucherinnen
sekundierten: »Das Netz war so überlastet – man
konnte kaum telefonieren.« Ärgerlich, ja empörend
ist es, wenn der Kundenservice streikt– vor allem, wenn man
außer Kundesein nichts gelernt hat.
Während ich mich noch fragte, warum immer die dümmsten
Nüsse überleben und das auch noch allen erzählen
müssen, hörte ich weiter WDR-»1Live«-Update
– die Moderatorin im Studio sprach mit den
Ich-bin-hier-draußen-schwer-professionell-vor-Ort-Reportern
über Menschen, die tatsächlich gestorben waren, und alles
war mit lockeren Beats unterlegt. Das Inhumane hat viele Gesichter
– eins davon ist die plaudernde Partyvisage samt
Plapperzunge, die alles in die Breite schwatzt und, sei es nur aus
Furcht vor Entdeckung der eigenen Flachheit, jede potentielle Tiefe
unterbindet. Es winden sich die Hirne, es singt der Rundfunkchor:
Je weicher die Birne, desto härter ’s Brett davor.
Am erstaunlichsten an der ganzen Angelegenheit aber war, daß
niemand abließ zu jammern, »friedliche und
fröhliche junge Menschen hätten doch nur feiern und ihren
Spaß haben wollen« – obwohl die sich den von ein
paar Abgängen doch gar nicht verderben ließen. Die
unnz!-unnz!-stumpfe Technomasse leugnet ja nicht, daß es
Kollateralschäden gibt – und überläßt
das händeringende Bedauern darüber den professionellen
Glitsch- und Glibberkomödianten aus Politik und Medien. Die
ihrerseits dann große Gefühle entdecken für Leute,
denen nur eine Rolle zugedacht ist: die von
Brot-und-Spiele-Empfängern.
Und die sich das ja auch gefallen lassen: »Unterstützt
von seiner Lebensgefährtin Sandy Meyer-Wölden, McFit und
Bild.de« war Oliver Pocher aufgeboten, bei der Love Parade zu
moderieren. »Ein Traum wird wahr: Ich werde aus dem Auge des
Hurrikans der wummernden Bässe die größte Party der
Welt in die Wohnzimmer bringen.« Verkündete Pocher,
Kretin aus Herkunft, Neigung und Profession. In dieser Kreatur ist
die Gemeinheit und Niederträchtigkeit einer ganzen WM-Fanmeile
gebündelt.
Soviel zu fröhlich und friedlich– aber so ist das mit
den deutschen Sommermärchen: Sie sind eben keine
Volkserzählungen mit wahrem Kern, sondern im Gegenteil
kalkulierte, glatte Lügen. Die Grünen,
gleichermaßen Sputum wie Rektum aller Politik, leierten das
gängige Repertoire noch einen Tick hysterischer herunter.
»Aus einem friedlichen Fest, das fröhliche Menschen
feiern wollten, ist eine Tragödie geworden.« Woher
sollte auch ausgerechnet ein Grüner wissen, daß
Tragödien einer Mindestgröße bedürfen?
Ein ähnliches deutsches Sommermärchen wie in Duisburg
hatte sich kurz zuvor in einem Ferienheim auf der Insel Ameland
zugetragen, wo Osnabrücker Halbwüchsige ihre
Befähigung unter Beweis stellten, schon bald in der Bundeswehr
zu Rang und Ansehen zu gelangen. Geschult am Vorbild erwachsener
Soldaten, die in Kasernen ihre »Kameraden« quälen
und foltern, mißbrauchten sie Schwächere und Wehrlose
sexuell, demütigten sie und zeigten, daß man es auch als
Rotzbengel schon faustfick hinter den Ohren haben kann, wenn man
nur entschlossen ist, das zu wollen, was in der deutschen Sprache
unter »Spaß haben« firmiert. Während die
anwesenden Erzieher weder Schreie noch Klagen noch von dem
Böswort »fisten« je etwas gehört haben
wollten.
So wirken die jugendlichen Nachwuchsfolterer und Sadisten sonderbar
emanzipiert. Waren es früher Erzieher, Priester,
Pädagogen, die Abhängige und Schutzbefohlene schlugen,
quälten und mißbrauchten, haben nun Kinder und
Jugendliche selbst diese Rolle übernommen. Um es an einem
Beispiel zu zeigen: Bischof Mixa ist pensioniert, denn er wird
nicht mehr gebraucht. Seine Mission ist beendet; er hat Kindern
alles beigebracht, was er wußte und konnte, und er hat es
nach Kräften an sie weitergegeben. Wobei Mixa aber eben nur
Pars pro toto ist.
Unsere Kleinen jedenfalls bedürfen weder der Kirche noch der
Bundeswehr. Mißbrauch und Krieg können sie inzwischen
schon ganz alleine. Was dabei entsteht, nennt man deutsche
Sommermärchen, Abteilung: Die Kunst der Liebe.