26.07.2010 / Ansichten / Seite 8Inhalt

Friedlich, fröhlich, tot

Ein deutsches Sommermärchen

Von Wiglaf Droste
»The Art of Love« lautete das Motto der Love Parade 2010 in Duisburg: die Kunst der Liebe. Wie viele Lügen sind in diesen vier Worten? Jedenfalls bezahlten 19 Menschen dafür, beziehungsweise für ihre Teilnahme an dem aufdringlichen Massenschwindel, mit ihrem Leben; 342 weitere wurden verletzt. Die Verlautbarungen der Kondolenzkamarilla ließen nicht lange auf sich warten: Merkel, Wulff et cetera versicherten sich selbst ihrer Fähigkeit, Schmerz, Trauer, Entsetzen und ähnliche Mediengefühle auszustellen. Wider solch routinierte Ausscheidungen hilft das antidotische Reimen: Mensch, bleibe heiter, du kennst es ja schon: Je hohler, je pleiter, desto mehr Inflation.

Politikerhafte Pietätsheuchelei muß man den meisten der verbliebenen Love-Parade-Teilnehmern immerhin nicht vorwerfen; sie feierten einfach weiter. »Was sollten wir machen?« klagten ein »Lars« und ein »Alka« einem WDR-»1Live«-Update-Radioreporter. »Wir kommen aus Heilbronn!« Das mag manchem allzu lapidar erscheinen; wer aber Heilbronn kennt, muß den schlichten Jungs recht geben: Was sollten sie machen? In Heil!bronn jedenfalls werden der Lars und der Alka es niemals erfahren.

Andere Raver, andere Schmerzen: »Es war fast wie Silvester– kein Netz!« monierte empört eine »Agnes«, und zwei weitere Love-Parade-Besucherinnen sekundierten: »Das Netz war so überlastet – man konnte kaum telefonieren.« Ärgerlich, ja empörend ist es, wenn der Kundenservice streikt– vor allem, wenn man außer Kundesein nichts gelernt hat.

Während ich mich noch fragte, warum immer die dümmsten Nüsse überleben und das auch noch allen erzählen müssen, hörte ich weiter WDR-»1Live«-Update – die Moderatorin im Studio sprach mit den Ich-bin-hier-draußen-schwer-professionell-vor-Ort-Reportern über Menschen, die tatsächlich gestorben waren, und alles war mit lockeren Beats unterlegt. Das Inhumane hat viele Gesichter – eins davon ist die plaudernde Partyvisage samt Plapperzunge, die alles in die Breite schwatzt und, sei es nur aus Furcht vor Entdeckung der eigenen Flachheit, jede potentielle Tiefe unterbindet. Es winden sich die Hirne, es singt der Rundfunkchor: Je weicher die Birne, desto härter ’s Brett davor.

Am erstaunlichsten an der ganzen Angelegenheit aber war, daß niemand abließ zu jammern, »friedliche und fröhliche junge Menschen hätten doch nur feiern und ihren Spaß haben wollen« – obwohl die sich den von ein paar Abgängen doch gar nicht verderben ließen. Die unnz!-unnz!-stumpfe Technomasse leugnet ja nicht, daß es Kollateralschäden gibt – und überläßt das händeringende Bedauern darüber den professionellen Glitsch- und Glibberkomödianten aus Politik und Medien. Die ihrerseits dann große Gefühle entdecken für Leute, denen nur eine Rolle zugedacht ist: die von Brot-und-Spiele-Empfängern.

Und die sich das ja auch gefallen lassen: »Unterstützt von seiner Lebensgefährtin Sandy Meyer-Wölden, McFit und Bild.de« war Oliver Pocher aufgeboten, bei der Love Parade zu moderieren. »Ein Traum wird wahr: Ich werde aus dem Auge des Hurrikans der wummernden Bässe die größte Party der Welt in die Wohnzimmer bringen.« Verkündete Pocher, Kretin aus Herkunft, Neigung und Profession. In dieser Kreatur ist die Gemeinheit und Niederträchtigkeit einer ganzen WM-Fanmeile gebündelt.

Soviel zu fröhlich und friedlich– aber so ist das mit den deutschen Sommermärchen: Sie sind eben keine Volkserzählungen mit wahrem Kern, sondern im Gegenteil kalkulierte, glatte Lügen. Die Grünen, gleichermaßen Sputum wie Rektum aller Politik, leierten das gängige Repertoire noch einen Tick hysterischer herunter. »Aus einem friedlichen Fest, das fröhliche Menschen feiern wollten, ist eine Tragödie geworden.« Woher sollte auch ausgerechnet ein Grüner wissen, daß Tragödien einer Mindestgröße bedürfen?

Ein ähnliches deutsches Sommermärchen wie in Duisburg hatte sich kurz zuvor in einem Ferienheim auf der Insel Ameland zugetragen, wo Osnabrücker Halbwüchsige ihre Befähigung unter Beweis stellten, schon bald in der Bundeswehr zu Rang und Ansehen zu gelangen. Geschult am Vorbild erwachsener Soldaten, die in Kasernen ihre »Kameraden« quälen und foltern, mißbrauchten sie Schwächere und Wehrlose sexuell, demütigten sie und zeigten, daß man es auch als Rotzbengel schon faustfick hinter den Ohren haben kann, wenn man nur entschlossen ist, das zu wollen, was in der deutschen Sprache unter »Spaß haben« firmiert. Während die anwesenden Erzieher weder Schreie noch Klagen noch von dem Böswort »fisten« je etwas gehört haben wollten.

So wirken die jugendlichen Nachwuchsfolterer und Sadisten sonderbar emanzipiert. Waren es früher Erzieher, Priester, Pädagogen, die Abhängige und Schutzbefohlene schlugen, quälten und mißbrauchten, haben nun Kinder und Jugendliche selbst diese Rolle übernommen. Um es an einem Beispiel zu zeigen: Bischof Mixa ist pensioniert, denn er wird nicht mehr gebraucht. Seine Mission ist beendet; er hat Kindern alles beigebracht, was er wußte und konnte, und er hat es nach Kräften an sie weitergegeben. Wobei Mixa aber eben nur Pars pro toto ist.

Unsere Kleinen jedenfalls bedürfen weder der Kirche noch der Bundeswehr. Mißbrauch und Krieg können sie inzwischen schon ganz alleine. Was dabei entsteht, nennt man deutsche Sommermärchen, Abteilung: Die Kunst der Liebe.
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