Für Interesse-Vortäuscher: Das neue Ding von Kulla & Lasterfahrer
Von Luis »Lucry« Cruz
Vor ein paar Tagen drückt mir ein Kollege in der Redaktion
dieses Ding in die Hand. Ein graues, bookletgroßes Heftchen.
Die CD ist auf der letzten Seite liebevoll mit Tesafilm befestigt.
Er zwinkert mir mit einem Lächeln zu: »Das ist was
für dich.« Achso. Zuhause dann der Schock.
Zumindest das Cover von »Wir hatten doch noch was vor«
ist vielversprechend. Zu sehen ist eine handgeschriebene
To-Do-Liste. »Wäsche waschen« und »Müll
runter« sind erledigt, »Kommunismus« und
»Weltraum« noch zu tun. Vielleicht hätten
classless Kulla & istari Lasterfahrer ihre Ziele gar nicht so
hoch setzen müssen. »Verständliche Texte«,
»strukturierte Arrangements« oder einfach mal
»hörbare Musik produzieren« wären sicher
Aufgaben genug gewesen. Das ist nämlich noch lang nicht alles,
was der Platte fehlt.
Ein Kulla & Lasterfahrer-Track ist schnell gemacht. Man nehme
irgendeinen Song und pitche ihn etwa auf das Dreifache seiner
Originalgeschwindigkeit. Dabei sollte einem nichts zu heilig sein.
Ob »It won’t be long« von The Beatles,
»Jungle Drum« von Emiliana Torrini oder einfach
irgendein HipHop-Beat. Einfach den Pitch-Regler hochziehen, ein
paar ungetimte Breaks mit rein, und fertig ist zumindest das
musikalische Grundgerüst.
Für das Stimmliche ist der Blogger Classless Kulla
zuständig, der auf der Platte darauf besteht, nicht auf
»Blogger«, »Künstler«,
»Hete« oder »Schwuchtel« reduziert zu
werden. Schließlich »ist nichts mit sich selbst
identisch« – auch er nicht. Ja genau, so muß ein
Kulla & Lasterfahrer-Text klingen. »Wer behauptet, eine
Identität zu haben, steckt sich selbst in eine
Schublade«, »wenn du mir glaubst, dann bist du selbst
dran schuld«, oder »too many dicks on the
dancefloor«. Weisheiten über Weisheiten, so schnell und
unrhythmisch gerappt/gesungen/gestottert, daß niemand
mitkommt. Die Texte sind im Booklet abgedruckt. Das meiste wird
aber auch hier nicht verständlicher.
Ich sehe es genau vor mir: Die beiden mitten in einem
»F’hain«- oder »P’berg«-
Schuppen. Am Sampler mit ’ner Pulle Bier in der Hand. Der
Laden ist voll von Männern mit Jutebeuteln und halblanger
»Mir ist alles egal«-Frisur, und Frauen mit, nun ja,
denselben Outfits. Alle versuchen, interessiert zu gucken und den
Kopf ganz »crazy« zu schütteln, um im
Anschluß über den Inhalt von Songs wie »das
Warensubjekt hat immer recht« zu philosophieren. Dabei ist
allen klar, daß sich keiner der Anwesenden diesen Quatsch
außerhalb der Szenemauern reinpfeifen würde. Dieses
Produkt wird auch für professionelle
Interesse-Vortäuscher eine wahre Herausforderung.
classless Kulla & istari Lasterfahrer: »Wir hatten
doch noch was vor« (Sozialistischer Plattenbau)