15.07.2010 / Feuilleton / Seite 13Inhalt

Und fertig ist der Lack

Für Interesse-Vortäuscher: Das neue Ding von Kulla & Lasterfahrer

Von Luis »Lucry« Cruz
Vor ein paar Tagen drückt mir ein Kollege in der Redaktion dieses Ding in die Hand. Ein graues, bookletgroßes Heftchen. Die CD ist auf der letzten Seite liebevoll mit Tesafilm befestigt. Er zwinkert mir mit einem Lächeln zu: »Das ist was für dich.« Achso. Zuhause dann der Schock.

Zumindest das Cover von »Wir hatten doch noch was vor« ist vielversprechend. Zu sehen ist eine handgeschriebene To-Do-Liste. »Wäsche waschen« und »Müll runter« sind erledigt, »Kommunismus« und »Weltraum« noch zu tun. Vielleicht hätten classless Kulla & istari Lasterfahrer ihre Ziele gar nicht so hoch setzen müssen. »Verständliche Texte«, »strukturierte Arrangements« oder einfach mal »hörbare Musik produzieren« wären sicher Aufgaben genug gewesen. Das ist nämlich noch lang nicht alles, was der Platte fehlt.

Ein Kulla & Lasterfahrer-Track ist schnell gemacht. Man nehme irgendeinen Song und pitche ihn etwa auf das Dreifache seiner Originalgeschwindigkeit. Dabei sollte einem nichts zu heilig sein. Ob »It won’t be long« von The Beatles, »Jungle Drum« von Emiliana Torrini oder einfach irgendein HipHop-Beat. Einfach den Pitch-Regler hochziehen, ein paar ungetimte Breaks mit rein, und fertig ist zumindest das musikalische Grundgerüst.

Für das Stimmliche ist der Blogger Classless Kulla zuständig, der auf der Platte darauf besteht, nicht auf »Blogger«, »Künstler«, »Hete« oder »Schwuchtel« reduziert zu werden. Schließlich »ist nichts mit sich selbst identisch« – auch er nicht. Ja genau, so muß ein Kulla & Lasterfahrer-Text klingen. »Wer behauptet, eine Identität zu haben, steckt sich selbst in eine Schublade«, »wenn du mir glaubst, dann bist du selbst dran schuld«, oder »too many dicks on the dancefloor«. Weisheiten über Weisheiten, so schnell und unrhythmisch gerappt/gesungen/gestottert, daß niemand mitkommt. Die Texte sind im Booklet abgedruckt. Das meiste wird aber auch hier nicht verständlicher.

Ich sehe es genau vor mir: Die beiden mitten in einem »F’hain«- oder »P’berg«- Schuppen. Am Sampler mit ’ner Pulle Bier in der Hand. Der Laden ist voll von Männern mit Jutebeuteln und halblanger »Mir ist alles egal«-Frisur, und Frauen mit, nun ja, denselben Outfits. Alle versuchen, interessiert zu gucken und den Kopf ganz »crazy« zu schütteln, um im Anschluß über den Inhalt von Songs wie »das Warensubjekt hat immer recht« zu philosophieren. Dabei ist allen klar, daß sich keiner der Anwesenden diesen Quatsch außerhalb der Szenemauern reinpfeifen würde. Dieses Produkt wird auch für professionelle Interesse-Vortäuscher eine wahre Herausforderung.

classless Kulla & istari Lasterfahrer: »Wir hatten doch noch was vor« (Sozialistischer Plattenbau)
Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Mehr aus: Feuilleton
  • Tahmima Anam über den Kampf einer Frau gegen die Brutalität der pakistanischen Armee
    Gerhard Klas
  • Da ist was faul auf dem Mond: Duncan Jones’ Debütfilm zur Klimakatastrophe
    Reinhard Jellen
  • Im Schatten kranker Mädchenblüte: Teil drei der Vampirsaga »Twilight« im Kino
    Peer Schmitt

Navigation


Zum Seitenanfang springen

Aktuelle Angebote und Hinweise der jungen Welt

Aktuelle Titelseite

Aktuelle Titelseite der Tageszeitung junge Welt

Sommerakademie|

|

Beilage vom 25. August|

|

1000 + x|

|

Bewegte Geschichte|

|

Drei Wochen gratis|

|

Von Lesern empfohlen:

Top 20 der letzten...
12 Monate / 48 Stunden

Termine

Newsletter

Newsletter Abonnieren


- Montag, 6. September 2010, Nr. 206

Werbung

Kiez to go
Online-Abo

Hier spricht die Opposition KW 36

Zum Seitenanfang springen.