12.06.2010 / Inland / Seite 4Inhalt

Von Lager zu Lager

Palästinensischer Flüchtling nach Schließung von Barackendorf im thüringischen Katzhütte in die nächste Sammelunterkunft gesteckt

Von Gitta Düperthal
»Ich kann das nicht mehr aushalten.« Hamza Barakat ist mit den Nerven am Ende. Endlich ist das Flüchtlingslager Katzhütte im Thüringer Wald geschlossen worden. Für den Palästinenser, der seit 2002 in Deutschland ist und davon die meiste Zeit dort verbrachte, ist dennoch keine Besserung in Sicht. Flüchtlingsgruppen hatten in den vergangenen Jahren wiederholt auf die unmenschlichen Zustände in dem Barackenlager aufmerksam gemacht und dessen Schließung gefordert. Barakat bekam, als es soweit war, dennoch keine Wohnung, sondern wurde gegen seinen Willen in die Gemeinschaftsunterkunft Hildburghausen gesteckt. »Mit zwei fremden Menschen in einem Raum, mit denen ich nicht einmal die gleiche Sprache spreche«, sagt er.

Der zuständige Mitarbeiter des Sozialamts Hildburghausen, Karsten Kohl, versteht die Nachfragen von junge Welt nicht. Er könne keine Inhumanität erkennen, sagte er am Donnerstag. Obdachlose würden mitunter zu zehnt in einem Raum untergebracht; er selber habe während seiner Studienzeit mit anderen im Zimmer genächtigt. Ab nächsten Monat solle der Palästinenser immerhin Bargeld erhalten. Bislang mußte er mit Gutscheinen für Ernährung und Körperhygiene zurechtkommen – im Wert von 126,80 Euro plus 40,90 Euro in bar.

Nach längerem Hin- und Her gibt der Behördenmitarbeiter allerdings zu, daß für diesen Personenkreis eine Einzelunterbringung üblich sei. Schließlich sagt er zu, sich darum zu kümmern. Es könne allerdings dauern, bis Ausländer- und Leistungsakte aus dem ehemals für Barakat zuständigen Landkreis Saalfeld-Rudolstadt einträfen, so Karsten Kohl. Die Akten müsse er dann prüfen, ob nicht »eine Einschränkung durch Gefährdung der öffentlichen Sicherheit« gegeben sei.

Derlei Auseinandersetzungen seien kein Einzelfall, sagt Steffen Dittes, Vorsitzender des Thüringer Flüchtlingsrats, am Freitag gegenüber junge Welt. Nach der Schließung der Gemeinschaftsunterkunft Streufdorf Ende 2009 habe der zuständige Landrat Thomas Müller (CDU) prompt eine neue in der ehemaligen Maßregelvollzugsanstalt in Hildburghausen eröffnet. Widerstände und Kritik von Flüchtlingen, der Partei Die Linke und des Flüchtlingsrats prallten ab. Letzterer habe dem Landrat dafür den »Preis für die größtmögliche Gemeinheit« verliehen.

Hamza Barakats wird die Situation weiter aushalten müssen. Sein Asylverfahren zieht sich hin. »Ein langer Instanzenweg«, sagt sein Rechtsanwalt Detlev Lutz. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge habe 2005 seinen Asylantrag abgelehnt. Ende 2009 sei dann die Klage dagegen vom Meininger Verwaltungsgericht abgeschmettert worden. Jetzt hat Lutz einen Antrag auf Zulassung einer Berufung eingereicht, weil dem aus Gaza stammenden Flüchtling die Abschiebung nach Israel angedroht worden sei. In Gaza aber sei er der palästinensischen Organisation Fatah zugeordnet und infolgedessen von der Hamas verfolgt worden, so der Anwalt.

Unterdessen ist das Leben des 36jährigen wie das vieler anderer Flüchtlinge bestimmt durch Fernsehen, Essen, Schlafen, deprimierende Auseinandersetzungen und Amtsschikanen. Barakat ist erschöpft: »Meine Lebenszeit ist nichts wert. Ich kann nicht arbeiten, keine Ausbildung machen; nur zwei Monate lang durfte ich einen Deutschkurs machen – sonst nichts.«
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