10.02.2010 / Sport / Seite 16
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Blut und FIFA
Latin Lovers
Von André Dahlmeyer
Einen überaus schönen guten Morgen! Die WM steht vor der
Tür, bis dahin wird eine Menge Blut fließen. Lehnen Sie
sich zurück. Ihnen wird nichts passieren. Wie schon vor der
letzten Endrunde der balltretenden Herren in Teutonien sind
allerorten Macht- und Verteilungskämpfe unter den
verschiedenen Hooligan-Fraktionen entbrannt, die sich den
»Betriebsausflug« zum Kap »für lau«
sichern wollen. Bei der ehemaligen Fußballgroßmacht
Argentinien sehen die Dinge traditionell besonders düster
aus.
Dieser Tage hat sich ein Teil der »Barrabrava«
(mafiöse Hooligans) der Newell’s Old Boyz aus der
Che-Guevara-Geburtsstadt Rosario (Rosenkranz) zurückgemeldet.
Mit einem, wie sie das ausdrücken würden,
»Paukenschlag«. Newell’s, Exklub u.a. von Messi
und Maradona, hatte in Buenos Aires gegen den »Globo«
(Zeppelin) von Huracán (einziger Klub, mit dem Menotti als
Trainer jemals Landesmeister wurde) verloren. Auf dem Rückweg,
wenige Kilometer vor Rosario, mußten zwei selbstgecharterte
Fanbusse stoppen: Die Autopista war übersät mit
»Miguelitos« (Krähenfüßen). Die sah man
zu spät.
Es war zirka vier Uhr morgens, schon Donnerstag. Die Leute
versuchten, schlaftrunken den Bus zu wechseln, oder noch mal eben
einen abzuschlackern. Aus dem Hinterhalt wurde das Feuer
eröffnet, wobei mindestens ein Maschinengewehr zum Einsatz
kam. Die feigen Attentäter hatten sich in einem Armenviertel
von Las Flores verschanzt.
Walter Gastón Cáceres bekam am meisten ab. Zuerst
eine Kugel in den Rücken, dann drei in den Kopf. Diego Orlando
Malkovic (28) steckte ein Geschoß im Unterleib, Carlos
Muratovic (42) wurde im Gesicht getroffen. Die Notaufnahme im
Hospital Cleménte Álvarez tat ihr Bestes. Das Leben
des 14jährigen Walter Gastón Cáceres konnte auch
sie nicht mehr retten. Der diensthabende Chef sprach von
»katastrophalen Hirnverletzungen«. Über einen Tag
dauerte der Überlebenskampf des Jungen. Die Bullen hatten
zwischenzeitlich über Presselautsprecher beinahe frohlockend
seiner Familie dessen Tod mitgeteilt, was sie vorübergehend
widerrufen mußten. Dann doch.
Laut wissenschaftlichen Berechnungen der NGO »Retten wir den
Fútbol« handelt es sich um das 244. Gewaltopfer des
Gauchokickens, seit sich jemand um so Zahlenspielchen kümmert.
Extraordinär pazifistisch, die Hochrechnungen der NGOler, aber
wenigstens haben sie nicht geschrieben, der Junge sei die Nummer
sieben gewesen.
Verdächtigt wurde sofort die Fraktion von Roberto
»Pimpi« Camino, ehemaliger »Líder«
der ultraharten Newell’s-»Barras«. Der war Ende
letzten Jahres »abgewickelt« worden, als
Vereinspräser »Eddy« López abdanken
mußte. López war auch im Führungsgremium des
silberländischen Balltretverbands AFA, der seit
Diktatur-Zeiten von »Don« Julio Grondona dirigiert
wird, dem zweiten Mann der FIFA hinter Blatters Sepp. López
verlor im Dezember 2008 die Präsidentschaftsschaftswahlen, hat
unzählige Strafverfahren offen, und seit er weg vom Fenster
ist, falls er das ist, redet man in Rosario – jedenfalls,
wenn man von Newell’s und nicht von Central oder Tiro Federal
ist –, vom »Einzug der Demokratie«. Nicht alle
können sich dafür was kaufen. Und darum geht’s
doch, oder?
Der argentinische »Fútbol« wird von Politik und
Polizei benutzt. Im »Conurbano« von Buenos Aires etwa
ist es völlig normal, das wesentliche öffentliche Posten
von aktiven »Barrabravas« besetzt sind. Die sind das
schmutzige Heer auf Abruf, das für die Politiker, allen voran
die Peronisten, Angst und Schrecken zu verbreiten hat, Tod durchaus
erwünscht. Weimarer Republik auf argentinisch. Aktueller denn
je. Deutschland war immer schon Vorbild für alles Schlechte in
Argentinien. Die Pseudo-Verhaftungen deuten darauf hin, das alles
so bleibt wie immer. Seit Schmidt, Genscher und Kohl große
silberländische Kumpels sind. Amén.