Feier zur Euro-Einführung am 1. Januar 2002 in Berlin. Der Jubel über die Gemeinschaftswährung dürfte sich mittlerweile in Grenzen halten
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Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) dürfte die
Lufthoheit über Deutschlands Stammtische sicher sein, nachdem
er sich Ende Januar ausdrücklich gegen jegliche Finanzhilfen
für das von einem Staatsbankrott bedrohte Griechenland
aussprach. Es könne nicht sein, »daß jetzt die
deutschen und französischen Steuerzahler die
Mißentwicklung in Griechenland zu finanzieren haben«,
polterte Brüderle anläßlich des
Weltwirtschaftsforums in Davos in der Welt. Die Europäische
Währungsunion sei jedenfalls nicht gefährdet, so der
liberale Politiker: »Wenn sich alle an die Spielregeln
halten, ihre Hausaufgaben erfüllen, dann funktioniert das
auch.«
Brüderle vergaß allerdings die Welt-Leserschaft
darüber in Kenntnis zu setzen, wer eigentlich die Spielregeln
im Euro-Raum gemacht hat. Die strikten Vorgaben des
Euro-Stabilitätspaktes wurden vor allem auf Betreiben Berlins
realisiert. Die deutsche Politik sorgte auch dafür, daß
die Europäische Zentralbank nicht befugt ist, griechische
Staatsanleihen aufzukaufen, wie es etwa die britischen und
amerikanischen Zentralbanken mit den Staatsanleihen ihrer
Länder tun. Hierdurch wollten die deutschen Verfasser des
Maastrichter Vertrags erreichen, daß jedes Euro-Land durch
den »Finanzmarkt« zur strikter Haushaltsdisziplin
genötigt wirde und »nicht auf die Solidarität aller
zählen kann«, wie die Frankfurter Rundschau
ausführte. Der Möglichkeit zum Gelddrucken vermittels des
Aufkaufs der eigenen Staatsanleihen beraubt, droht Griechenland
tatsächlich ein Staatsbankrott, sobald die Finanzmärkte
nicht mehr bereit sind, griechische Obligationen weiter
aufzukaufen.
Die Regeln der Eurozone gelten aber offenbar nicht für alle.
Die Hegemonialmächte Deutschland und Frankreich kamen gleich
bei Ausbruch der Weltwirtschaftskrise überein, sich eine
großzügige Ausnahme von den
Euro-Stabilitätskriterien zu gewähren und die
Neuverschuldung beider Staaten aufgrund kostspieliger
Krisenbewältigungsmaßnahmen weit über die
vertraglich vereinbarte Drei-Prozent-Hürde des
Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen zu lassen.
Den größten Beitrag zur Eskalation der
gegenwärtigen Euro-Krise leistete Deutschland. Berlin verfolgt
seit Jahrzehnten eine aggressive, exportorientierte
Wirtschaftspolitik, die in der – bis 2008 behaupteten –
»Exportweltmeisterschaft« kulminierte. Den
größten Absatzmarkt für das deutsche Kapital bildet
die EU. An die zwei Drittel seines gesamten Außenhandels
wickelt die BRD mit Ländern der Europäischen Union ab.
Bereits 2005 erreichte der deutsche Handelsüberschuß mit
den EU-Ländern mehr als 97 Milliarden Euro (Bei einem
Gesamtüberschuß von 160 Milliarden Euro).
Die europäische Gemeinschaftswährung nahm den
Euro-Ländern, die dieser deutschen Exportoffensive ausgesetzt
waren, die Möglichkeit, mittels einer Währungsabwertung
die Konkurrenzfähigkeit ihrer Wirtschaft wiederherzustellen.
Das daraus erwachsene enorme ökonomische Ungleichgewicht zeigt
sich drastisch an dem Pleitekandidat Griechenland, der in 2008
deutsche Waren im Wert von 8,3 Milliarden Euro einführte,
während die Exporte sich lediglich auf 1,9 Milliarden Euro
summierten. Auch im Warenverkehr mit anderen Pleitekandidaten der
Eurozone wurden große Überschüsse erwirtschaftet.
Das Handelsbilanzdefizit Italiens betrug 2008 gegenüber
Deutschland rund 14 Milliarden Euro, Spanien verzeichnete ein Minus
von 22,1 Milliarden.
Diese äußerst erfolgreiche Exportoffensive des deutschen
Kapitals wurde vor allem durch eine binnenwirtschaftliche
Verelendungsstrategie befeuert. Zwischen 2002 und 2008 stiegen die
Bruttolöhne und Gehälter in Deutschland um
durchschnittlich 15,2 Prozent, während sie im
europäischen Durchschnitt um 31,9 Prozent zulegten.
Inflationsbereinigt sind die Einkünfte laut dem Deutschen
Institut für Wirtschaftsforschung sogar regelrecht
eingebrochen: Die »Arbeitnehmerentgelte je
Arbeitnehmer« seien demnach im Zuge des Ausbaus des
Niedriglohnsektors zwischen 2000 und 2008 in Deutschland um neun
Prozent gesunken. Kein anderes EU-Land hat laut DIW in diesem
Zeitraum einen derartigen Einbruch des Lohnniveaus verbucht.
Diese Entwicklung – mitsamt einer beständig steigenden
Produktivität der deutschen Industrie – spiegelte sich
auch bei den Lohnstückkosten wieder , also den Aufwendungen
pro produzierter Wareneinheit. Während diese im Euro-Raum
zwischen 1998 und 2007 laut einer Studie der
Hans-Böckler-Stiftung nahezu konstant blieben, sanken sie in
Deutschland um über zehn Prozent. Die Lohnabhängigen in
der BRD mußten sich also die Exportweltmeisterschaft des
deutschen Kapital durch beständiges
»Gürtel-enger-schnallen« vom Munde absparen.
Für die von der teutonischen Exportmaschine niedergewalzten
Volkswirtschaften bedeutete das steigende Defizite, die entweder in
permanent steigender Staatsverschuldung – wie im Fall
Griechenlands –, oder in spekulativer Blasenbildung auf den
Immobilienmärkten – wie in Spanien –
mündeten. Bei der Verschuldung standen deutsche Banken den
wirtschaftlich unterlegenen südeuropäischen
Volkswirtschaften »helfend« zur Seite. Deutsche
Institute, allen voran die Deutsche Bank, halten beispielsweise in
Griechenland Forderungen in der Höhe von 47 Milliarden
US-Dollar. In Portugal sind es 47 Milliarden und die Einwohner
Spaniens stehen bei deutschen Kreditinstituten sogar mit 240
Milliarden US-Dollar in der Kreide. Die Krise bringt dieses
ökonomische Dominanzsytem in Europa ins Wanken. Zumindest
können die Hellenen sich sicher sein, daß Berlin ihren
Staat nicht in die Pleite treiben wird – denn sonst
müßte die deutsche Politik erneut einen
milliardenschweren »Rettungsschirm« für die
deutschen Banken aufspannen, die bislang an der Defizitbildung
Griechenlands blendend verdienten.