03.02.2010 / Abgeschrieben / Seite 8Inhalt

Zur Rede von Schimon Peres

Christine Buchholz, Mitglied im geschäftsführenden Parteivorstand bei Die Linke und friedenspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Bundestag, erklärt zu den Vorwürfen, am Holocaust-Gedenktag nach der Rede von Schimon Peres nicht aufgestanden zu sein, »ich klatsche nicht für ideologische Kriegsvorbereitungen«:

Wir haben am 27. Januar der Opfer des Holocaust gedacht. Die Linke hat den Gedenktag lange eingefordert, und ich bin froh, daß es ihn endlich gibt. Selbstverständlich habe ich an der Gedenkveranstaltung teilgenommen und habe mich bei der Würdigung der Opfer erhoben.

Am Ende von Schimon Peres’ Rede bin ich allerdings nicht aufgestanden. Die Unterstellung von Peres, der Iran wäre heute eine ebenso große Bedrohung für die Welt und alle Juden wie Deutschland damals, ist falsch. Ich weise jegliche Gleichsetzung des Irans mit Nazideutschland zurück. Deutschland war die zweitmächtigste Industrie­nation und hatte die größten Landstreitkräfte der Welt. Der Iran heute ist eine zweitrangige Regionalmacht. Ebenso falsch ist die Behauptung Peres’, der Iran hätte Atomraketen. Die hat der Iran unbestritten nicht. Der Verweis von Peres auf die Appeasement-Politik der Westmächte bis 1939 ist somit völlig verfehlt und dient der ideologischen Aufrüstung für eine neue Runde von Kriegen im Nahen Osten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Parlamentspräsident Norbert Lammert nutzten Peres’ Besuch, um ein schärferes Vorgehen gegen den Iran zu fordern. Das ist ein Mißbrauch des Holocaustgedenkens für aktuelle außenpolitische Ziele der Bundesregierung. (…)

Die proisraelische Lobbygruppe BAK Shalom der Linksparteijugend solid verbreitete am Dienstag die Stellungnahme »Der Tag der Opfer des Nationalsozialismus darf nicht mißbraucht werden«:

In der Auschwitzgedenkstunde des Bundestages protestierte die Linksfraktionsabgeordnete Sahra Wagenknecht gegen den Besuch des israelischen Präsidenten Schimon Peres mit demonstrativem Sitzenbleiben. Die Zurückweisung Schimon Peres’ als höchstem Repräsentanten des Staates Israel – welcher selbst seine Familie durch die Shoa verlor – im deutschen Parlament am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ist für uns gänzlich inakzeptabel.

(…) Wir sehen durch diese bizarre Aufführung vermeintlicher Israel-Kritik die Notwendigkeit einer schonungslosen Auseinandersetzung mit Antizionismus und Antisemitismus in der Linken bestätigt. Die Linke muß sich i.d.S. endlich der notwendigen Programmdebatte stellen.

Hierbei gilt auch weiterhin, was Gregor Gysi bei seinem Vortrag zu »60 Jahren Israel« betonte: Antizionismus darf für Die Linke in keiner Weise eine tragbare Position sein. Doppelte Standards beim Blick auf Israel, die Delegitimierung wie auch die Dämonisierung Israels dürfen in der Linken keinen Boden haben.

Der Vorfall am Tag der Opfer des Nationalsozialismus zeigt, daß Wagenknecht mit den anderen Sitzenbleiber_innen keinesfalls eine Mehrheitsposition in der Linken vertritt. Es steht daher die Frage im Raum, ob Sahra Wagenknecht für das Amt der stellv. Parteivorsitzenden geeignet ist – unseres Erachtens disqualifiziert sie sich durch derartiges Handeln.
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